Es wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein: Weiterhin ungeschlagen zu sein unter unserem neuen Trainer Christian Gross. Zu schön die Tatsache, innerhalb weniger Wochen eine Mannschaft anzufeuern, die nach einer miesen Hinrunde endlich wieder funktioniert. Zu schön die Freude über die tollen Siege der letzten Wochen. Zu erleichternd die Hoffnung, nun nichts mehr mit dem Abstieg zu tun zu haben. Und dann kam der Holländer.
Das vergangene Wochenende hat mich viel Kraft gekostet. Kraft, die durch einen Sieg hätte für eine ganze Woche ausreichen können. Mit gesundheitlichen Schäden kam ich zurück: ein Husten, der mich heute nahezu nonstop im Büro hat “bellen” lassen. Da fällt es schwer, den Kopf für schöne Worte frei zu bekommen.
Im Gegensatz zu den letzten Wochen wurde das diesmalige Heimspiel gegen den Hamburger SV auf ein komplettes Wochenende ausgedehnt. Bereits am Freitag Mittag wurde ich in der Nähe meines Büros in der Leipziger Südvorstadt abgeholt, im großen Mercedes Viano ging es los – mit so viel Beinfreiheit wie schon lange nicht mehr. Da Olivia, die Tochter meines Stammfahrers Reinhart und dessen Frau Conny mit dabei war, wurde es auch nicht langweilig. Und wenn sie mal schlief, wurde das eiskalt mitgenutzt.
Die Vorfreude auf das Spiel am nächsten Nachmittag war groß: “Eines der Standardergebnissen, entweder das 3:1-Christian-Gross-Heimspiel-Ergebnis oder das obligatorische 1:0 wie in den letzten beiden Saisons 2008 und 2009 davor”, meine Prognose stand felsenfest, und auch meine Mitfahrer schlossen sich mir ein, der VfB würde dort weiter machen, wo er letzten Wochenende aufgehört hat: mit einem Sieg.
Christian Träschs wunderschönes Tor zum 1:1
Als ich in der Jugendherberge eingecheckt hatte führte mich mein Weg viele, viele, viele Treppenstufen hinunter: den Berg herunter zum Hauptbahnhof, weiter die Königsstraße entlang Richtung Rathaus, zu meinem Stuttgarter Lieblingsrestaurant “La Vida”, jedes Mal gehe ich dort hin, wenn ich in Stuttgart übernachte – auch wenn es einst nur aus der Not heraus gefunden wurde, damals suchte ich am Samstag vor dem Sonntags-Derby gegen Karlsruhe eine Sportkneipe, und wurde hier fündig.
Wer mich kennt, weiß, wie es um meinen Aberglauben bestellt ist: er ist nicht lebensbestimmend, aber dennoch vorhanden. Kein Spieltag ohne meinen Glücks-Cappuchino aus der Glückstasse, die musste natürlich mit ins sperrige Gepäck. An dem großen Frühstücksbuffet der Jugendherberge bediente ich mich und genoss meinen Glücks-Cappuchino aus der Glückstasse. Es hat nicht immer Glück gebracht, siehe Hinrunde der Saison, aber wenn ich es denn auslasse und dann geht es schief – nunja, wer selbst abergläubisch ist, wird wissen, was ich meine.
Noch ein wenig Fußball-Lektüre von 11Freunde vor dem erneuten Aufbruch zum Hauptbahnhof im Schneetreiben, die Spannung stieg. Nach einem ausgedehnten Spaziergang durch den Schlossgarten traf ich am Hauptbahnhof noch Freundin Janine, in der U11 wurden wir “gesegnet” mit ein paar Gästefans, die seit gefühlt 12 Stunden an der Flasche hingen und einen entsprechenden Lärm gemacht haben, was für meine langsam beginnenden Kopfschmerzen, gemessen am langen Weg der Fahrstrecke, nicht gerade förderlich war. Aber dann waren wir auch endlich da und kamen zu meiner Stammkneipe, die ich Janine unbedingt mal zeigen wollte, auch Conny, Niko und andere bekannte Gesichter waren schon da.
Für ein Radler blieb noch Zeit, dann ging es auch schon rüber zum geliebten Stadion, wo ich wie immer Philipp noch Gesellschaft leisten wollte und auch Janine zu ihrem Fanclub-Treffen wollte. Der Ärmste kann einem wirklich leid tun, jedes Heimspiel in der Kälte rumstehen, ohne Handschuhe, und den vorbeilaufenden Leuten Flyer in die Hand drücken – eine Stamm-Abnehmerin hat er zumindest.
Da darf gejubelt werden
Sogar Bea traf ich vorm Stadion, die am Freitag zuvor leider keine Zeit für ein Treffen gefunden hatte, für ein paar Minuten schwätzte man bevor auch ich mich auf den Weg zu meinem Block machte. Eines steht fest: wenn ich gewusst hätte, dass die Stadionzeitungen, die sonst nach dem Spiel auch noch zahlreich vorhanden sind, diesmal wie weggefegt sein würden, hätte ich mich lieber vorher damit eingedeckt.
Ein fast schon obligatorisches Treffen im 37er Block später wurde es Zeit, der Anpfiff nahte und auf dem Weg die Treppenstufen hinauf, erfreute ich mich an der Tatsache, heute einen Großteil meiner Leute wieder begrüßen zu können: Micha, Andi und Martin, wie schön.
Wieder daheim, im geliebten Stadion, wieder überkam mich eine Gänsehaut, als der Schiedsrichter die Partie zwischen unserem VfB und den Nordlichtern aus Hamburg anpfiff. Es konnte losgehen, auf gehts zum nächsten Sieg! So war der Plan. Nicht nur die Heim-Fans freuten sich auf das Spiel, sondern auch der gut gefüllte Gästeblock, der seine Begeisterung mit einer gewaltigen blau-schwarzen Rauchbombe demonstrierte.
Als der Rauch sich gelegt hat, entwickelte sich recht schnell eine rasante Partie mit guten Szenen auf beiden Seiten. Im Hinterkopf stets den Gedanken, fast schon in Sicherheit zu sein, würde man das erleichternde 1:0 schießen, sei es sofort oder erst nach 92 Minuten wie letzte Saison – noch haben wir in dieser Saison kein Spiel verloren, in dem wir in Führung lagen.
Und dann kam doch alles anders. Ich kann nicht beantworten, was unsere Abwehr in der 23. Minute gemacht hab, im schlafmützigen Zustand machten sie es dem Hamburger Marcus Berg beschämend einfach, das 0:1 zu erzielen. Das konnte doch nicht wahr sein. Da war es wieder, das ungebliebte Gefühl des aufsteigenden Frustes. Ich hätte gedacht, wir VfB-Fans wären in der Hinrunde schon mehr als genug damit bedacht worden. Aber diese Rechnung wurde anscheinend ohne uns gemacht.
Mit dem 0:1 ging es dann schließlich auch in die Halbzeitpause, ein unschönes Gefühl, nicht in Führung zu liegen, und ein schreckliches Gefühl, im Rückstand zu sein. Noch hoffte ich aber, dieses Spiel würden die Jungs schon noch irgendwie drehen. So pfiff der Wind einem noch kälter um die Ohren, das Adrenalin war noch nicht da, welches die schwäbischen Niedrig-Temperaturen aushaltbar gemacht hätte. So wurden 15 lange Minuten des bangen Wartens nicht gerade kürzer.
Nichtsdestotrotz war die Hoffnung da, nach weiteren 45 Minuten mit einem Sieg das Stadion zu verlassen. Die 2. Halbzeit wurde vom mitgereisten Anhang aus dem Norden wieder mit einer Rauchbombe begrüßt, wer will ihnen die Euphorie auch verübeln, immerhin waren sie die Mannschaft, die in Führung lag.
Lange mussten wir nicht warten, 10 Minuten waren in der 2. Halbzeit gespielt, als ich ein weiteres Mal die Kamera auf das Spielfeld gerichtet habe. Khedira passte den Ball auf rechts außen, wo Alex Hleb den Ball zurück ins Mittelfeld beförderte – dort kam Christian Träsch angesaust der mit einem unhaltbaren und wunderschön anzusehenden Schuss ins Glück den Jubel im Neckarstadion einläutete. Der Junge hat es drauf – jedes seiner bisher 3 Bundesliga-Tore waren wunderschön, gegen Bremen, gegen Dortmund, und nun gegen Hamburg. Träsch. Alles andere als Trash. Und ja, ich weiß, dieser Wortwitz war halbgar, verzeiht mir.
Man konnte es fühlen, auf jedem einzelnen Platz, in jedem einzelnen Zentimeter dieses altehrwürdigen Stadions: hier geht noch was. Der Support nahm an Fahrt auf und jeder, ausschließlich jeder glaubte nun daran, dass wir dieses Spiel auf keinem Fall, unter gar keinen Umständen verlieren würden. Das dachte sich auch der HSV-Trainer Bruno Labbadia, der wechselte nen in der Winterpause neu verpflichteten holländischen Weltstar Ruud van Nistelrooy in der 65. Minute ein.
Der VfB machte das Spiel, drückend überlegen sahen wir eine Angriffswelle nach der nächsten auf das Tor vor der Cannstatter Kurve zurollen. Macht es Jungs, kämpfen und siegen, niemals aufgeben! Doch wie will man ein Spiel gewinnen, wenn man die Tore nicht macht? Ciprian Marica und Sami Khedira scheiterten beide auf dem Weg zum 2:1. Und dass sich sowas früher oder später rächt, wissen wir.
Schon 10 Minuten war er auf dem Platz, de Holländer. Ungewöhnlich lang für einen Stürmer. Aber was nützt es schon – mit seinem 1. Ballkontakt traf er uns mitten ins Mark: 1:2, nur kurz nachdem wir das 2:1 hätten erzielen können, nein MÜSSEN. Das durfte nicht wahr sein, gerade als wir drückend überlegen waren.
Nur 90 Sekunden später lichteten sich die Reihen schon zusehendst. Es wäre zum Lachen, wenn es aus VfB-Fansicht nicht so derart peinlich und beschämend gewesen wäre. Mit seinem 2. Ballkontakt setzte er der 1. Niederlage unter Christian Gross den Deckel auf – 1:3. Der Boden möge sich bitte auftun und mich voll und ganz verschlingen. Doch damit hätte ich nichts gekonnt – und auch jetzt ändert sich nichts an meinem Prinzip, ungeachtet des Spielstands niemals vorzeitig das Stadion zu verlassen. Tapfer ließ ich die Schmach über mich ergehen.
In 15 Minuten galt es, 2 Tore zu schießen. Aber die Moral war nun gebrochen, als die letzten Versuche, den Ball noch im Kasten meines Landsmanns Frank Rost unterzubringen, auch noch scheiterten. Traurig flog mein traumatisierter Blick durch das Neckarstadions, eine Antwort auf meine Frage “Warum” konnte ich nicht finden.
90 Sekunden und 2 Ballkontakte reichten, um uns im Alleingang fertig zu machen. Da tröstet es auch nicht sonderlich, dass wir das Spiel ohne van Nistelrooy nie und nimmer verloren hätten. Mit ihm brach unsere Serie. Und hoffentlich nicht auch noch unser Rückgrat.
Was bleibt, ist eine Hand voll Fotos und die Hoffnung, dies wäre nur ein Ausrutschter gewesen auf unserem Weg zum Klassenerhalt (und mehr). Und wenn ich eines in meinem jungen Leben als leidenschaftlicher VfB-Fan gelernt habe, dann doch das, dass man nicht jedes Spiel gewinnen kann, dass einfache Fehler bestraft werden, aber dass auch jedes noch so dämliche Spiel vergessen werden kann, wenn man sich in Gesellschaft netter Leute befindet. In diesem Sinne entsende ich herzliche Grüße an die Damen und Herren am Prießnitzweg in Stuttgart sowie meine zahlreichen brustringtragende Freunde und Bekannte – mit niemanden sonst würde ich meine Begeisterung lieber teilen als mit euch.
Einen schöneren Titel für meinen Bericht zum Heimspiel gegen Borussia Dortmund könnte ich mir nicht vorstellen. Wie wunderschön klang dieses Lied in meinen Ohren, als es durch das Stadion schwang und jeden in seinen Bann zog. Der VfB ist wieder da – die Stuttgarter Rabauken, mit Trompeten und mit Pauken.
Doch einige Stunden zuvor war die Aufregung größer als bei manch anderem Spiel in den letzten Wochen. Hoffenheim, Freiburg, Wolfsburg, 9 Punkte aus 3 Spielen – was wir mitnehmen konnten, nahmen wir mit, die Realisten unter uns waren sich aber sofort sicher, was diese 3 Punktelieferanten gemeinsam hatten: eine schwache Form, gegen die selbst wir in unserem angeknacksten Zustand eine Chance hatten. Ob wir bereit sind, dem Abstiegskampf “Adieu!” zu sagen, würde sich erst dann zeigen, wenn eine Mannschaft auf uns trifft, die einen positiven Lauf hat. Gestatten: Borussia Dortmund, seit 12 Spielen ungeschlagen. Das kann ja heiter werden.
Ein ungemütliches Tief hat schlimm gewütet in großen Teilen Deutschlands, besonders am Samstag. Auf der Autobahn 6 bei Nürnberg legte sich bei Glatteis ein Lastwagen quer und blockierte die Strecke für mehrere Stunden. Also waren wir mehr als dankbar, ein Sonntagsspiel zu haben, wäre das Spiel auf Samstag Nachmittag gelegt worden, hätte ich im Stau gestanden, und nicht in meiner geliebten Cannstatter Kurve.
Torjubel vom 1:0 in der 14. Minute durch Pavel Pogrebnyak
Am Sonntag morgen gegen 8 klingelte es an der Tür, nach 2 Wochen stadionfreier Zeit machte ich mich mit Stammfahrer Reinhart wieder auf den Weg, voller Hoffnung, von vereisten Autobahnen und sonstigen Wetterkapriolen verschont zu bleiben. Mit 2 netten Mitfahrern und natürlich Torsten auf Weißenfels kamen wir recht gut nach Stuttgart, unter anderem wie immer über die Autobahn 6, die auf jenen Metern 24 Stunden zuvor noch voll gesperrt war. Freie Bahn, gelegentlich viel die eine oder andere Schneeflocke vom Himmel. Im Auto war es dafür kuschlig warm, auch wenn an Schlafen nicht wirklich zu denken war, wer sitzt schon gerne auf dem ungeliebten mittleren Platz auf dem Rücksitz.
Dick eingemummelt dachte ich zunächst, ich würde schon nicht allzu sehr frieren – falsch gedacht, wie ich bald rausfinden sollte. Aber erst einmal in die Kneipe, das obligatorische R&R (Radler & Rote) inmitten zahlreich erschienener weiß-rot gekleideter Fans mit ein paar schwarz-gelben Farbtupfern dazwischen – solange sie friedlich sind, ist es okay. Seit einer Ewigkeit hatten wir uns bisher immer wieder verpasst, diesmal klappte es: ein Treffen mit Niko und ein Schwätzchen, was wir uns schon so lange vorgenommen hatten.
Das 2:1 in der 77. Minute durch Zdravko Kuzmanovic
Die Zeit verging wie im Flug und für mich war es an der Zeit, rüber zu laufen. Der gewohnte Weg: über die Straße, durch das Parkhaus hinaus zum Carl Benz Center und direkt an den Eingang der Cannstatter Kurve, wo Kumpel Phil bereits Flyer verteilte. Meine Jungs und ich – viel Zeit blieb nicht, der nächste Kumpel, Rouven, wartete bereits auf der anderen Seite des Eingangs.
Herrje, schon so spät? Auch hier war die Gesprächszeit begrenzt auf wenige Minuten, bevor ich mich auf den Weg zu meinem Eingang am Block 37 machte – und ja, mir ist bewusst, das einige meinen Blog lesen, für die sämtliche Blöcke jenseits der 31 bis 33 nicht nur ein unerforschtes Gebiet sondern vielleicht sogar eine Schande sind – aber das ist er nunmal, mein Dauerkartenplatz neben meinen Kumpels vom Forum tooor.de – die mich leider erneut allein gelassen haben, wie ich kurze Zeit später mitbekommen sollte. Bis dahin vertrieb ich mir die Zeit am Blockeingang, ein bekanntes Gesicht sorgte für Kurzweile und der Blick auf den voll gefüllten Gästeblock war schon ein ganz anderer als noch 2 Wochen zuvor gegen Wolfsburg.
Ein Wiedersehen mit Marc, Micha und Andi gab es leider dieses Mal nicht, dafür saßen 3 junge Mädels auf den Plätzen 7 bis 9, ein Skandal! Dazu muss gesagt werden, dass ich pünktlich zum Anpfiff, der den Adrenalinpegel noch einmal hochschwappen ließ, eine SMS erhielt, frei von jeglicher Kenntnis, die Plätze freigegeben zu haben. Was tun, wenn die Kumpels nicht da sind? Völlig egal, alle Nachbarn links, rechts, vor und hinter mir tun es auch als potentielle Gesprächspartner. In der Reihe vor mir wurden bereits die ersten Drinks per Flachmann veredelt, genau das richtige bei den merklich angezogenen Temperaturen, welche schon fast Hoffenheim-Heimspiel-Niveau hatten – in diesem Sinne, wohl bekomms!
Das 3:1 in der 86. Minute durch Ciprian Marica
Genau so hatte ich mir das vorgestellt, von Anfang an ein schnelles, bissiges Spiel, so muss das sein. Seit Anpfiff ein hohes Tempo, der VfB mit den ersten guten Gelegenheiten. Es wäre mir am Ende egal gewesen, wie dreckig 3 Punkte eingefahren werden müssen, und wenn es bis zur 93. Minute dauert – ganz so lange mussten wir dann aber doch nicht warten, bevor die ersten auf ihren Plätzen festfrieren konnten, markierten der Borusse Santana und unser Kampfpanzer Pavel Pogrebnyak in brasilianisch-russischer Gaga-Gemeinschaftsproduktion das 1:0 auf der Baustellenseite des Neckarstadions, als ob es den Fluch des Baustellentors niemals gegeben hätte. Offiziell ein Eigentor, aber gefeiert haben wir unseren russischen Neuzugang, der erst unter dem neuen Trainer Christian Gross aufgeblüht ist.
Flott ging es weiter, nur langsam machte sich der Eindruck breit, dass dieses Spiel nicht 1:0 enden würde, ob das nun am Ende zu unserem Gunsten sein würde oder ob wir die aktuellen 3 Punkte herschenken würden, vermochte ich nicht zu sagen. So ging es nach spannenden, aber ereignislosen Minuten zur Halbzeitpause, und für mich wie immer rüber zum Block 35, Kumpel Martin kam aus Block 33 herüber gelaufen. Bibbern, frieren, schlottern – aber auch plaudern, lachen und freuen standen auf dem Halbzeitprogramm, bevor es wieder an den Platz ging.
Kein Geheimnis, dass egal, wo Borussia Dortmund zum Auswärtsspiel antritt, der Gästeblock ist immer voll, dessen kann man sich sicher sein. Der mitgereiste Anhang, der sich den aktuelle 0:1-Rückstand aus deren Sicht nicht haben anmerken lassen, zogen zum Wiederanpfiff alle Aufmerksamkeit auf sich. Während ich noch ein wenig in meiner Stadionzeitung blätterte registrierte ich allmählich die Pfiffe rings herum, bis ich es schließlich mit eigenen Augen sah. Aus dem Gästeblock stieg eine gewaltige Rauchwolke empor, gefolgt von dem tiefen Knall eines Kanonenschlags.
Das 4:1 in der 89. Minute durch Christian Träsch
Es dauerte nicht lang bis zum nächsten Paukenschlag, der VfB spielte in Richtung der Cannstatter Kurve, mein zweites Zuhause. Da grundsätzlich eigentlich alles ausgepfiffen wird, was unseren Jungs schadet, auch jedes noch so kleine Foul, war die Freude groß, nur 2 Minuten nach Wiederanpfiff einen Elfmeter zugesprochen bekommen zu haben – das würde das 2:0 werden, da waren sich etwa 42.000 Zuschauer ziemlich sicher. Zu früh gefreut – Ciprian Marica, ebenfalls unter neuer Mannschaftsführung wie ausgewechselt, zimmerte das 2:0 nur an die Latte und versäumte es, zum richtigen Zeitpunkt das nächste Ausrufezeichen zu setzen – mit dem kollektiven Raunen des Publikums und dem gemeinschaftlichen Schrei der Entrüstung musste er zunächst Vorlieb nehmen.
Wer seine Chancen nicht nutzt, wird eiskalt bestraft – wer kennt sie nicht, diese uralte Fußball-Weisheit. Und auch wir bekamen Sie nur wengie Minuten später schmerzlich zu spüren, das Jubeln des prall gefüllten Gästeblocks und der paar Dortmunder Fans, die sich in den Blöcken links und rechts davon verirrt hatten, konnte nichts gutes heißen. Der Ausgleich zum psychologisch dämlichsten Zeitpunkt, den man sich nur vorstellen konnte. Einmal tief durchpusten, den Puls beruhigen, irgendwie zur Besinnung kommen, und dann: hoffen und beten.
Nun begannen die 22 Minuten des bangen Wartens, während es auf dem Platz heiß herging und sich beide Mannschaften einen harten Fight auf einem mit einer funktioniertenden Rasenheizung gut bespielbaren Feld lieferten, rutschte mir das Herz stückweise in Zentimeter-Schritten mehr und mehr in die Hose. Wenn ich vor 3 Jahren das Nägelknabbern nicht mit kaltem Entzug aufgegeben hätte, die weißen Enden meiner zierlichen Wollhandschuhe wären schon durch gewesen.
Platz 10 – Grund genug zum Feiern
Plötzlich kam mir in den Sinn, was ich wenige Stunden vor dem Derby gegen Freiburg am vergangen Spieltag im Internet gelesen habe. Bevor das Herz endgültig einen Absacker machte besann ich mich auf jene Mut machende Textstelle: “Der VfB Stuttgart hat nach einer 1:0-Führung in dieser Saison noch kein Spiel verloren.” Wenigstens etwas – aber wir wollten 3 Punkte, komme was wolle. Die Minuten verstrichen und alles, was wir tun konnten, war die Jungs so fest anzufeuern, wie wir nur konnten, alles, was unsere Lungen hergaben, auf dass es endlich fallen würde, das nächste Tor zur erneuten Führung.
Dann hatten sie endlich ein Ende, die quälend langen 22 Minuten. Ein Freistoß in halbwegs anständiger Position, man kann ja mal die Kamera draufhalten. Große Hoffnungen machte ich mir bei dieser Szene zunächst nicht. Aber da hatte ich unseren Zdravko Kuzmanovic, der im Sommer als Last-Minute-Einkauf geholt wurde, falsch eingeschätzt. Eiskalt abgezogen, hinein in die schwäbische Glückseligkeit, da war es, das 2:1.
Alles, was jetzt noch zählte, war das unbeschadete Überstehen der letzten 13 Minuten und der anschließenden Nachspielzeit. Es wäre ein gerechtes Ergebnis gewesen, trotz Dortmunds Aufwinds der letzten Wochen spielten sie hier nicht berauschend, was die Leistung unserer Brustringträger aber keinesfalls schmälern soll. Irgendwie das Ergebnis durchbringen, zur Not mit Hängen und Würgen.
Der ältere Herr rechts von mir konnte seine Meinung nicht für sich behalten und riss mich wieder in meine latente Panik hinein, nachdem ich mich gerade erst wieder beruhigt hatte: “Das Ding ist noch nicht durch!”, war er sich sicher. Um Himmels Willen, Schiri, pfeif endlich ab. Jedes Mittel wäre recht gewesen, die Aufregung kannte keine Grenzen.
Nur noch wenige Minuten, noch wäre es möglich gewesen, den unnötigen Ausgleich zu kassieren, aber ebenso war es möglich, den Deckel draufzumachen. Das eine fürchtete man, das andere hoffte man, und man wurde erhört. Ich schaute immer wieder auf die Uhr, als ich merkte, das Ciprian Marica die Abwehr durchbrav und völlig frei zum 3:1 einschob. Die Wut des Gästeblocks zog er dabei wissentlich auf sich, in dem er sich zur Feier des Tages gestattete, an die Eckfahne vorm Gästeblock zu rutschen und mit den Kollegen zu jubeln. Ein Königreich für den richtigen Torjubel zur richtigen Zeit. Ich zelebrierte meinen eigenen Torjubel und fiel dem Kerl vor mir um den Hals, irgendwo muss man ja Berührungsängste fallen lassen.
Mit einem einfach “Allerdings!” wurde sie beantwortet, meine Frage, ob das Spiel jetzt durch sei. Lachend klatschte ich mit dem älteren Herren ab, die große Erleichterung schwappte durchs Neckarstadion. Jetzt müssten wir nur noch etwas für unsere Tordifferenz tun, stand sie doch vor dem Spiel bei -4, viel Luft nach oben, das muss man hier denke ich nicht erwähnen.
Sollte es wieder das fast schon obligatorische “Standard-Christian-Gross-Heimspiel-Ergebnis” werden? 3 Mal mit 3:1 gewonnen, aktueller Spielstand 3:1. Das fragte mich auch mein Kumpel Franz, dessen SMS ich aus meiner 500 Kilometer entfernten Heimatstadt Leipzig mich nach dem tollen Tor von Marica erreichte.
Eingefroren waren meine Finger unter den dicken Handschuhen noch nicht, und mit einer erleichternden Führung erlaubte ich es mir sogar, direkt auf seine Nachricht zu antworten. Eine Chance unserer Jungs wollte ich noch abwarten, das Handy schob ich wieder in die Jackentasche und richtete die Kamera erneut aufs Spielfeld, das Symbol für eine nahezu leere Batterie ließ mich nur hoffen, die Kamera würde noch bis zum Spielende durchhalten. Roberto Hilberts Flanke von der linken Seite segelte aus dem Sichtbereich der Kamera, sauste aber kurz darauf wie ein schöner Strahl ins Netz – 4:1, unglaublich, ja was ist denn hier los??
Nichts mit Standard-Ergebnis von 3:1 – und das ist auch… gut so! Allerspätestens jetzt war das Stadion eine einzige Party, ein Meer aus weiß-roten Fahnen, Schals, Trikots, glückliche Menschen, wohin man auch schaute – nunja, sehen wir vom Gästeblock mal ab, der schon längst mucksmäuschenstill geworden ist – aber wer will es ihnen verdenken? Wer hätte das gedacht, dass wir einfach mal so nebenher den guten Lauf der Dortmunder stoppen würden und derart eindrucksvoll unseren Aufwärtstrend unterstreichen würden.
Der Abpfiff, endlich, er kam nicht so schnell wie erhofft, aber nun war er umso schöner – nun hätten es sogar noch 5 Minuten länger sein können, warum nicht auch das 5:1 und 6:1 machen, damit unsere Tordifferenz sich endlich mal nullt oder sogar mal ins positve rutscht. Was für ein tolles 4:1, realisitisch betrachtet ist dieses Ergebnis aber 1 oder 2 Tore zu hoch ausgefallen, aber wen interessiert das schon, jeder muss doch schauen wo er bleibt. Und wir haben lange Zeit im Tabellenkeller verbracht, innerhalb weniger Spieltage machen wir damit einen Sprung von 7 Plätzen und haben nun auch wieder Luft nach oben – im wahrsten Sinne des Wortes: da geht noch was!
Lange blieb ich noch stehen, während sich um mich herum die Reihen lichteten und das Stadion allmählich leer wurde. Einige Male blickte ich durch das weite Rund und schmunzelte. Tage wie dieser lassen einen für eine gewisse Zeit vergessen, wie sehr man in der Hinrunde auch gelitten hat. Die Momente des Frustes, die einhergingen mit so mancher schmerzlicher Niederlage, erstmal vergessen, an solchen Abenden werde ich wieder daran erinnert, warum ich diesen Verein und alles drum herum mehr liebe als alles andere.
Als auch die 2-seitige SMS an meinen Kumpel Franz, der das tolle Spiel in der Kneipe verfolgte, in der ich ihn einst kennengelernt hatte, fertig getippt war, war es für mich an der Zeit zu gehen, Stammfahrer Reinhart und Torsten warteten bereits in Ottos Kneipe, wo in den letzten Minuten ein paar nette Schotten für Kurzweile sorgten und man sich wünschte, sie wären früher aufgetaucht, man hätte den Celtic-Fans so viel zu erzählen gehabt, unter anderem von meiner Reise auf die Insel im vergangenen November. Aber es war schon viertel nach 6 und wir mussten los. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul,der in meinem Fall, einer geschenkten Wurst – also rein damit. Eine letzte Stärkung vor Antritt der Heimreise.
So ungeliebt der unbequeme Platz in der Mitte der Rückbank auch auf der Hinfahrt war, am Hauptbahnhof, wo 2 weitere Mitfahrer einstiegen, entschied ich mich spontan dazu, diesmal freiwillig dort Platz zu nehmen – das kann man schonmal machen, bei 2 jungen, hübschen, Kerlen. Die Rückfahrt verging wie im Flug, die jungen Männer waren sehr redselig und unterhaltsam, gute Stimmung im Auto ließ uns sogar die Müdigkeit vergessen.
Kein einziges Mal schloss ich die Augen um ein wenig zu nickern, so amüsant war es diesmal, kein Wunder, war die eigene Stimmung doch eh schon hervorragend und der Adrenalinspiegel noch entsprechend hoch. Dafür fiel ich dann kurz vor Mitternacht zu Hause halbtot ins Bett – 7 Stunden später klingelte der Wecker, ab auf Arbeit. Der Nachteil bei Sonntagsspielen, ein langer und anstrengender Tag – und dennoch, ich bereue nichts, nicht einen Schritt, nicht einen Augenblick.