In der Küche macht die Mikrowelle “Pling!”, die Milch ist fertig. Schmunzelnd gieße ich das Pulver hinein, setze mich an den Rechner, rühre mit einem Löffel nochmal um und nehme einen genüsslichen Schluck von meinem frisch zubereiteten Kakao. Wenn es ein Getränk gibt, was genau richtig ist, um am Morgen nach dem Spiel gegen Frankfurt mit dem Spielbericht zu beginnen, dann ist es Kakao. Zu Ehren von Cacau.
Halbwegs auskuriert wurde ich gestern Vormittag halb 8 von Reinhart abgeholt, bei schönstem Frühlingswetter ließ ich mir die Sonne ins Gesicht scheinen, schloss die Augen und schlief ein, wenn auch nur für eine knappe halbe Stunde, bis mich mein eigener Husten wieder aufgeweckt hat.
Franz und ich
Ich müsste mich anstrengen um mich daran zu erinnern, wann ich zuletzt derart viele SMS während der Fahrt geschrieben hatte, glücklicherweise dachte ich auch heute an das frisch geladene Ersatz-Handy, zu oft passierte es, dass der Akku platt und die Organisation noch nicht abgeschlossen war. In erster Linie schrieb ich mit meinem Kumpel Franz, den ich an diesem Nachmittag in Stuttgart erwartet hatte, nach kleinen organisatorischen Problemen wurde dann doch noch alles geklärt und alle waren glücklich, als mir der Stallgeruch in die Nase stieg, während wir nach Bad Cannstatt hineinfuhren und dabei auf dem Weg zum Stadion den Mob vom Commando Cannstatt auch noch einholten.
StudiVZ-Moderatoren-Kollege Farid
Immer dieser Freizeitstress, kaum an unserer Stammkneipe angekommen, überquerte ich auch schon die letzte Straße, die mich vom Stadion trennte, durch die Tiefgarage direkt zum Fancenter, wo Franz bereits auf mich wartete. Ursprünglich wollten wir noch etwas essen gehen, die beiden Polizisten, die uns auf dem Weg zurück entgegen kamen, hielten das jedoch aufgrund des “Frankfurter Gebiets” für keine gute Idee und so kehrten wir um, viel Zeit hätte ich ohnehin nicht gehabt, für 13:45 Uhr war ich am Stadion mit StudiVZ-Moderatoren-Kollege Farid verabredet zur Kartenübergabe, und es war ja bereits 13:35 Uhr.
Lange ist es her, dass ich bei so schönem Wetter ein Wiedersehen mit vielen Freunden und Bekannten feiern konnte, in friedlicher Eintracht (der war lahm, ich weiß!)… Nicht nur mein guter Freund Franz war seit Dezember 2008 mal wieder mit dabei, damals das emotionale 2:2 gegen Bayern München, auch Jonas sah ich nach langer Zeit wieder. Farid war dabei und Philipp sowieso, er bekam unerwartete Unterstützung von einer kleinen süßen Maus, die ihm einen ganzen Stapel Flyer abnahm und verteilte – Jugend forsch.
“Ein hoher Sieg”, da waren wir uns alle bei der Verabschiedung ziemlich sicher. Für mich persönlich war es nun schon das dritte Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt, vorletzte Saison mit 4:1 gewonnen, letzte Saison mit 2:0, kommt heute der nächste Heimsieg? Der erste Blick ins Stadion, es kommt selten vor, dass die Wartezeit zwischen den Heimspielen so kurz ist, erst am Dienstag war ich gegen Barcelona das letzte mal hier. “Willkommen zu Hause” flüsterte ich mir selbst zu und bezog bis zum Anpfiff Stellung am Geländer im 37er Block, mit bestem Blick auf den Gästeblock und die frühlingshaften Sonnenstrahlen, welche das Stadion, den Rasen und unsere Gemüter erhellten. Zu Hause – nirgendwo ist es schöner.
Schon bei der Mannschaftsaufstellung wurde klar, dass etwas mit den Lautsprechern nicht stimmte, man hörte kaum ein Wort. Von meinen Kollegen in Block 37c war lediglich Micha anzutreffen, zum letzten Mal für die nächsten paar Wochen, da seine Frau ein Baby bekommt. So schön das Wetter an jenem letzten Samstag im Februar auch war, das Spiel gegen die Frankfurter Eintracht war es definitiv nicht. Da war es streckenweise sehr viel interessanter, die Techniker zu beobachten, die unter dem Stadiondach herumliefen um die Lautsprecher wieder auf Vordermann zu bringen. Und auf dem Spielfeld? Fehlpässe, Rumgegurke, versemmelte Torchancen en masse, es war zum Haare raufen.
Dazu passte dann natürlich auch, dass selbst Khedira, unser Mittelfeld-Motor, unser Antreiber und Nationalspieler, sich einen granatenmäßigen Fehlpass leistete, frei von jeglicher Umsicht, die er sonst stets an den Tag legt. Als die mitgereisten Hessen in den Blöcken 39 und 40 extatisch jubelten, bemühte ich mich nach den restlichen Leibeskräften, nicht an die Statistik zu denken. Wenn wir den Abstieg vermeiden und weiter nach vorne kommen wollten, mussten wir hier und heute diesen Rückstand drehen.
Nachbar Micha hatte genug, 5 Minuten vor Halbzeitpause ging er lieber austreten und sich nochmal mit Bier und Wurst eindecken, statt die letzten Minuten der 1. Hälfte noch zu sehen, drohten sie auch noch so frustrierend zu sein. Man zeige mir eine Person im Stadion, die sich zu diesem Zeitpunkt nicht darauf eingestellt hatte, mit dem Rückstand in die Halbzeit zu gehen. Niemand? Das dachte ich mir, ich auch nicht. Geduldig, wenn auch mit dem sprichwörtlichen “riesen Hals” wartete auch ich auf den Halbzeitpfiff.
Noch 4 Minuten bis zur Halbzeitpause, es gab noch eine Ecke auf der anderen Seite des Spielfelds vor der Untertürkheimer Kurve, die in den letzten Wochen rasante Baufortschritte machte. Viel versprochen hatte ich mir nicht davon, deswegen blieb ich fürs erste sitzen, hielt aber trotzdem die Kamera drauf, man kann ja nie wissen. Die Ecke kam und flog weit in den Strafraum, wurde verlängert von Delpierre und fand schließlich den Kopf von Cacau, der problemlos einnetzte und uns den unerwarteten Ausgleich bescherte.
Im Block 32 (?) in der Cannstatter Kurve gab es erst einmal ein kleines Freudenfeuer, welches vom Stadionsprecher, wie könnte es auch anders sein, kommentiert wurde mit den üblichen Worten, man möge das Feuer bitte löschen. Das tat der Freude keinen Abbruch, meine Gedanken waren bei dem armen Micha, der sich das ganze aus der Männertoilette aus anhören durfte, die Geräuschkulisse war definitiv da, und die funktionieren Lautsprecher mittlerweile auch.
Wenigstens mit dem Ausgleich in die Halbzeitpause, das war mehr, als ich noch 5 Minuten zuvor für möglich gehalten hatte. Ein letztes Mal rollte der Zug in Richtung Oka Nikolov, der Stadionsprecher gab bereits die Nachspielzeit durch. War es 1 Minute? 2 Minuten? Das war nicht mehr wichtig. Hauptsache das Remis noch irgendwie über die Pause retten, die Hoffnung, auch jetzt noch schnell ein Tor zu erzielen, war auch dieses Mal recht gering.
Während sich die Zuschauer von ihren Plätzen erhoben um ihre Plätze in der Pause zu verlassen, landete der Ball wieder bei Cacau, neuer Spitzname: Helmut. Eiskalt zog er ab aus 25 Metern, unhaltbar für Nikolov. Das 2:1 zur Halbzeitpause, wohin man auch schaute, sah man nur Freude, rings um mich herum jubelten die Menschen als gäbe es kein Morgen. Erneut wurde gezündelt im Fanblock, ich hoffe, dass niemand verletzt wurde. Die verbleibende Zeit bekam ich nur noch nebenbei mit, die Ecke, die Frankfurt daraufhin noch hatte, wurde zur Nebensache.
Auch Micha kam nun wieder, der dem Andrang der Halbzeitpause entgehen wollte und somit beide Tore verpasst hatte, der Ärmste. Mit dem Pfiff des Schiedsrichters und einer Menge Applaus wurde es auch für mich Zeit, für ca. 10 Minuten den heiligen Platz zu verlassen. Zeit, um mit der Herzschlag-Führung im Rücken zur Ruhe zu kommen, wenigstens solange das Spiel pausiert.
Cacaus Tor zum 1:1!
Rasante letzte 5 Minuten waren es in der 1. Halbzeit, wenn man so weitermachen würde und der sensationelle Cacau-Siegeszug weiter anhalten würde, stünde der Mission “Hoher Sieg” nichts mehr im Wege. Leider wurden wir zumindest in dieser Hinsicht enttäuscht und sahen das Spiel nac Wiederanpfiff erneut in alte Muster verfallen.
Torjubel zum 1:1 samt Freudenfeuer
Diese Behäbigkeit, es war ein Gräuel, daher verging die zweite Halbzeit nur halbwegs erträglich dank meines Nachbarn Micha, der für Kurzweil sorgte und ohnehin meine zuverlässigste Quelle für aktuelle Zwischenstände ist. Mit seinem iPhone waren wir immer topaktuell über die Spielstände informiert, die wir selbst auf der Anzeigetafel nicht sehen konnten, die sich schließlich schräg rechts vor uns befindet.
Eine Stunde war gespielt, wie üblich in der 2. Halbzeit wurde nun in Richtung Cannstatter Kurve gespielt. Und da kam sie, die nächste Angriffswelle des VfB, Cacau – wer sonst – scheiterte am Keeper, als Timo Gebhart aber bereit stand, um mit dem Abstauber das 3:1 zu markieren und den Sack zuzumachem. Ich war weiß Gott nicht die einzige, die sich bei dieser Szene vom Platz erhob, aber als Timo Gebhart den Ball über das leere Tor beförderte, schlug jeder, ausnahmslos jeder VfB-Fan schreiend die Hände über den Kopf zusammen, ein lautes Raunen ging durch das weite Rund.
Auch die weiteren Minuten brachten nicht wirklich den Optimisumus, dass wir dieses knappe 2:1 über die Zeit retten könnten. Geduldig ertrug ich die teilweise erschreckenden Darbietungen auf dem Platz. Eigentlich hatte ich gehofft, dass wir die Eintracht aus dem Stadion schießen, auch wenn wir nur wenige Tage zuvor eine Energieleistung gegen Barcelona im Hinspiel des Champions League Achtelfinales hingelegt haben. Aus dem Stadion schießen. So viel dazu.
Cacaus Treffer zum 2:1!
Ob das noch was wird mit der Mission “Hoher Sieg”? Die Hoffnung schwand, immer öfter kamen die Frankfurter an den Ball. Und wer hat denen erlaubt, dass sie hier mitspielen dürfen? Mit gelegentlichem Raunen verstrichen die letzten Minuten bis zum Abpfiff. Letztendlich könnten wir uns bei der Unfähigkeit der Hessen bedanken, dass wir derzeit noch mit 2:1 in Front lagen.
Für ihre Leidenschaft, die ab und zu einher geht mit ihrer Unbeherrschtheit, machten die Frankfurter Ultras im Gästeblock ihrem Unmut Luft und versuchten über den Zaun zu klettern während die Sicherheitskräfte, Ordner und Polizisten lediglich dabei zuschauten, Böller flogen in Richtung Innenraum. Von der VfB-Seite hingegen kamen noch weitere Provokationen, die die Aggressionen noch weiter schürten. Man solle es ja eigentlich nicht machen, aber auch ich beteiligte mich bei reichlich vorhandenem Sicherheitsabstand an Gesängen und Gesten, die klar machten, wer hier der Herr im Hause ist.
U-M-B-A!
Der Blick auf die Uhr, nur noch wenige Minuten. Doch wenn es etwas gibt, was man vermeiden sollte, dann ist es das Wiegen in Sicherheit, wenn man nur mit einem Tor vorne liegt und die Spielanteile recht ausgeglichen sind. Im Gegenteil, banges Hoffen und der drohende Rückfall zum Nägelkauen (welcher vermeidet werden konnte). Als Cacau nach 88 Minuten das Feld verließ, wurde er zu Recht frenetisch gefeiert. Die Angst um die Führung blieb jedoch.
Danke!
Wie kann man aber auch so blöd sein, ein Foul an der Strafraumgrenze zu begehen. Ein Freistoß für die Gäste aus Frankfurt in aussichtsreicher zentraler Position. “Ich hab da ein ganz mieses Gefühl” meinte ich noch zu Micha, der Ball ging drüber, ein ähnliches Trauma wie beim Spiel gegen Bochum blieb mir erspart und Schiedsrichter Drees pfiff das Spiel ab. Drei Punkte, egal wie dreckig, in einer Woche denkt keiner mehr darüber nach. Schön wars nicht, aber wichtig.
Relativ zeitnah verabschiedete ich mich noch von Micha, wünschte ihm alles Gute für die bevorstehende Geburt seines Sohnes und feierte noch ein wenig mit den erfreuten Fans im geliebten Neckarstadion. Auf dem Weg zurück zum Fancenter, wo ich mich erneut mit meinem guten Freund Franz treffen wollte, geriet ich noch in eine kleine unangenehme Situation, plötzlich gab es vor mir einen Knall, alle Leute liefen wild durcheinander und drückten mich schließlich nach hinten, nur knapp konnte ich vermeiden zu stürzen. Provozierende Frankfurter würde ich an dieser Stelle auf der anderen Seite des Zaunes vermuten, genau weiß ich es jedoch nicht.
Mit Franz ging es zurück zu meiner Stammkneipe, wo ich mir noch die obligatorische Rote und ein Radler genehmigte und wir die letzten Minuten vor unserem Aufbruch zurück nach Leipzig gemeinsam genossen. Am Hauptbahnhof noch geschwind einen Mitfahrer eingesammelt ging es im Eiltempo zurück, etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht war ich daheim. Doch statt halbtot ins Bett zu fallen, führte der erste Weg natürlich zum Computer, die Bilder auswerten. Eine Stunde später fiel ich dann wirklich halbtot ins Bett, wenn auch schmunzelnd und erfreut, angesichts der bisher sehr erfolgreichen Aufholjagd.
Wichtig ist, dass man die Punkte macht, ob sie so schön sind wie vor einer Woche in Köln oder so dreckig erarbeitet und mit dem Glück des Tüchtigen so wie heute, es spielt kaum eine Rolle, wird man am Ende der Saison ohnehin nicht mehr gefragt. Wer jetzt schon seinen Platz im Saisonrückblick finden wird, ist unser Cacau. 7 Tore in 7 Tagen, eine Tatsache, die keinem Journalisten entgangen ist, dieser Februar 2010 steht wahrlich im Zeichen der Cacau-Festspiele. Mein Kakao ist nun schon längst alle. Ich glaube, ich mach mir gleich noch einen.
Zu gerne hätte ich diesen Artikel “Das Wunder von Stuttgart” genannt. Ich spare mir diesen Titel auf für das Rückspiel, denn kommt es nach dem tollen 1:1 gegen die wohl erfolgreichste Klubmannschaft der Welt, den FC Barcelona, tatsächlich zu einem “Wunder von Barcelona”, werde ich diesen Titel dringend brauchen.
In einem sind sich die VfB-Fans einig: es ist LEIDER nur ein 1:1 geworden, aber mit der Leistung unserer Mannschaft sind wir absolut zufrieden. Die mangelnde Chancenverwertung und ein schrecklicher Schiedsrichter (Holländer habe ich ohnehin fürs erste satt) kosteten uns den Sieg und die große Überraschung, die gestern Abend im Hinspiel des Champions League Achtelfinales zum Greifen nah war. Wir sind stolz und man zollt uns Respekt für diese bärenstarke Leistung, zumal jeder von uns erwartet hat, dass wir uns regelrecht abschlachten lassen – auch darin besteht Einigkeit.
Reinhart, Conny und ich beim Chillen
Erneut mit viel zu wenig Schlaf endete die Nacht um 6 Uhr morgens, kurz nach 8 Uhr setzte sich der Sachsen-Express Richtung Stuttgart in Bewegung, herrliches Wetter sorgte für ein gutes Durchkommen und ließ uns sogar noch genug Zeit, in unserer Spezial-Bäckerei in Schwäbisch Hall ein ordentliches Frühstück einzunehmen, was wir sonst nie geschafft haben, wenn wir an einem Samstag unterwegs waren und die Bäckerei schon geschlossen hatte.
Mannschaftsaufstellung
Frisch gestärkt kamen wir früh an, und nach einem leckeren Mittagessen mit Herrgottsbscheisserle (Maultaschen) machten wir uns so früh auf den Weg zum Stadion wie schon lange nicht mehr, das Spiel sollte immerhin erst Abends um Viertel vor 9 beginnen. Conny, die Frau meines Stammfahrers und ich schlenderten noch gemütlich durch den Fanshop, bevor es uns vor den Fernseher zog, um das Europa League Spiel der Hertha gegen Benfica Lissabon zu schauen. Für Amüsement sorgte dieser Partie nicht, stand es bereits 3:0 für Benfica, als ich aufbrach, um mich noch mit Freundin und Geburstagskind Janine direkt vorm Stadion zu treffen.
An einem Tag, an dem ich so viel Zeit zur Verfügung hatte, verwunderte es auch nicht wirklich, dass ich bereits 1 Stunde vor Anpfiff des großen Spiels hinein ging, ich war noch verabredet mit Markus von Stuttgart Supporter. Auch bei ihm war die Hoffnung eindeutig da, dieses Spiel würde gut ausgehen und er gab mir seine vorausschauende Prognose mit auf dem Weg, bevor ich wieder rüberlief zu meinem Block: “Lass den VfB hier das 1:0 machen, dann brennt hier die Bude, im positiven Sinne!”. Er sollte Recht behalten.
Diesmal war es ein anderes Gefühl, als ich die Treppenstufen zu meinem Platz hinauf lief. Auch ein anderes Gefühl als bei den bereits besuchten Champions League Heimspielen gegen Timisoara im Qualifikationsspiel und Glasgow, Sevilla und Urziceni in der Gruppenphase. Es war das Gefühl der ganzen großen Bühne, die Anspannung vor einem der wichtigsten Spiele des Jahres, die Hoffnung, hier und heute ein kleines Wunder zu erleben. Nachdem ich die Jungs in meinem Block begrüßt hatte, ertönte die Champions League Hymne. Sie ließ mein Herz erneut bis zum Anschlag pochen. Auf gehts VfB, lasst uns Geschichte schreiben.
Was wir in der ersten Halbzeit geboten bekamen, gehört so ziemlich zur besten Leistung, die je ein deutsches Team in der Champions League in den letzten Jahren abgeliefert hat. Wo wir noch vor einigen Wochen mit dem Abstieg in Verbindung gebracht wurden, kämpften, bissen und zauberten unsere Jungs gegen die erfolgreichste Mannschaft der Welt. Wer das Spiel gesehen hat, weiß, wovon ich rede. Jede gute Szene, und das waren eine Menge, wurde mit frenetischem Szenenapplaus beklatscht.
Gästeblock
Unglaublich, was wir hier zu sehen bekamen. Wie oft haben wir seit der Auslosung im Dezember zu hören bekommen, wir hätten keine Chance und selbst wenn wir daheim mit “nur” 0:4 oder schlimmer untergehen würden, wären wir gut dran. Wo war denn der große FC Barcelona? Ich sage euch, wo er war: er krabbelte unters Bett und heulte, zumindest in der 1. Halbzeit. Doch nicht nur, dass Barcelona so schlecht war – unsere Jungs machten da weiter, wo sie gegen Köln aufgehört haben, mit begeisterndem Fußball, wie ich ihn schon lange nicht mehr gesehen habe.
Cacaus Tor zum 1:0!
Die Krönung des Ganzen wurde uns in der 23. Minute präsentiert und ließ das ganze Stadion, wie Markus von den Stuttgart Supporter schon vorausgesehen hat, beben und im Glück baden. Nach einer toll getimten Flanke von Timo Gebhart war wieder unser Kölner Held, Cacau, zur Stelle, zimmerte den Ball per Kopf unhaltbar ins Netz. Man stelle sich vor, alle glauben von einem, man würde sich kampflos seinem Schicksal ergeben. Und gerade jetzt erzielte Cacau im Namen aller Brustringträger das 1:0. Den Jubelschrei des Neckarstadions hörte man vermutlich noch bis nach Flensburg und in mir machte sich ein wahnsinnig tolles Gefühl breit: jeder meiner Bekannten und Freunde, der das Spiel auf sky sieht, wird in diesem Moment an mich gedacht haben. Das Video, welches beim Tor und dem dazugehörigen Jubel entstand, dokumentierte die unendliche Freude, ein Moment, an den ich noch oft und gerne zurückdenken werde.
Ein Traum, ein fantastischer Traum. Und doch war es widerrum kein Traum, das hier war die Wirklichkeit. Ungläubig rieb ich mir die Augen und stieß noch ein paar schmerzhafte Hustenanfälle in mein Halstuch. Wenn schon gesundheitliche Kontraproduktivität, dann ja wohl richtig. Nach dem Beschreien des Tors war für meine Stimme erst einmal 5 Minuten Sendepause, es ging gar nichts mehr, vorerst. Ein Hustenbonbon und ein paar tiefe Atemzüge später war ich wieder mittendrin: “Olé Olé Olé, Olé Olé Olé Ola, Olé Olé Olé, wir sind immer für euch da!”.
Cacau, ohohooo!
Chance um Chance veranlassten die heimischen VfB-Fans dazu, den besten Heimsupport seit langer Zeit zu liefern, vom Stehplatz in der Cannstatter Kurve bis zum VIP-Sitzplatz auf der Haupttribüne, niemand konnte sich diesem großartigen Moment entziehen. Zahlreiche Kamerateams und Fotografen trugen es in die Welt hinaus, jetzt nur nicht nachlassen und weiterkämpfen, wir waren hier noch längst nicht fertig.
Standing Ovations zum Halbzeitpfiff. Der Schiedsrichter schickte die Mannschaften nach sensationellen 45 Minuten aus VfB-Sicht in die Kabinen, unter dem tosenden Beifall der Zuschauer, welche zu Recht äußerst entzückt waren aufgrund der herrlichen Darbietung. So konnte, so sollte es unbedingt weitergehen, keine Frage. Dass wir dabei diese Rechnung ohne beleidigte Spanier und ohne den holländischen Schiedsrichter gemacht haben, ist im Nachgang bedauerlich, aber natürlich nicht mehr zu ändern.
In 7 Minuten kann viel passieren, gerade im Fußball. Hier standen wir nun, David 1, Goliath 0. Und das ist auch gut so. In 7 Minuten kann viel passieren, das wissen wir ganz genau aus eigener Erfahrung. Eine einzige kleine Nachlässigkeit in der Abwehr reichte Barcas Ibrahimowitsch, um nach einem abgewehrten Ball von Jens Lehmann zum 1:1 abzustauben. Da war es, das gefürchtete Auswärtstor der Katalanen. Und für einen Moment war sie wieder lebendig, die Angst vor der Dampfwalze namens FC Barcelona.
Danke für die starke Leistung!
Für die folgenden Minuten lief nichts so wirklich zusammen im Spiel, doch wir schüttelten uns kurz und spielten wieder verbissen nach vorne. Wir kämpften mit allen Mitteln dagegen an, alles, was Recht war, um ein zweites Tor von Barcelona zu vermeiden. Jeder kämpfte für jeden, einer für alle, alle für einen – und auch der unberechenbare Jens Lehmann erfreute die Zuschauer mit tollen Paraden und einer amüsanten Kung-Fu-Grätsche, mit der er Barcelonas Puyol son seinem Revier fernhalten wollte. Bereits in der ersten Halbzeit schmunzelten wir darüber, wie er vor der Cannstatter Kurve beim Klärungsversuch einen Fotografen an der Bande zu Boden riss. Natürlich unbeabsichtigt, glaube ich.
Obwohl Barcelona stärker wurde, steckten wir nicht auf, wir boten ihnen weiterhin Paroli. Dennoch war es beängstigend, wie die Katalanen auf einmal öfters in unseren Strafraum eindrangen und sich Chancen erspielten, die wir nur mit Müh und Not, und einmal sogar mit einem unrechten Mittel, gerade so noch klären konnten. Für eine Zeit lang spürte jeder die Befürchtung, es könne doch noch ins Auge gehen. Die Puste ging so langsam aus, die Leidenschaft der ersten 45. Minuten forderte ihren Tribut.
Es brauchte mehr als die Gutmütigkeit eines Fußballgotts, um uns ein Wunder zu ermöglichen. Förmlich beteten wir dafür, aus den zahlreichen Chancen, die sich uns in den letzten Minuten noch boten, vom aussichtsreichen Freistoß bis hin zum Abstauber, etwas zählbares zu machen und mir die Überschrift zu ermöglichen, die ich mir gewünscht hätte und die um die Welt gegangen wäre.
Die letzten Minuten, banges Warten und Hoffen, es stand nach wie vor 1:1. Besser, als wir uns hätten erträumen lassen, aber angesichts der Chancenverwertung weit aus weniger, als an diesem Dienstag Abend möglich gewesen wäre. Nichts desto trotz schrien wir unsere Mannschaft nach vorn mit voller Kraft, am Ende reichte es zu keiner weiteren spielstandverändernden Situation. Gut, dass Barcelona nicht noch ein Tor geschossen hat. Aber schlecht, dass wir nun wirklich ein kleines Wunder in Spanien brauchen.
Zu Recht wurden sie gefeiert, als der tomatenbegeisterte Holländer das Hinspiel des Champions League Achtelfinales um ca. 22:35 Uhr abpfiff. Eine tolle kämpferische Leistung, auf die die Jungs und auch wir Fans verdammt stolz sein konnten. Wir haben einen der ganz Großen auf Augenhöhe gehalten, streckenweise sogar dominiert. Dass es am Ende nicht zu einem Sieg gereicht hat, ist schade, aber was wir hier erleben durfte, war absolut hochklassig, mit stolz geschwellter Brust bejubelten wir die Mannschaft.
Während der VfB sich mit den Katalanen am Mittelkreis abklatschte und sich unter Beifall langsam in Richtung Cannstatter Kurve bewegte, dachte ich schmunzelnd über die Worte von Karl-Heinz “Rummelfliege” Rummenigge, Vorstandsvorsitzender bei den ungeliebten Bayern, direkt nach der Achtelfinal-Auslosung nach: “Für den VfB geht es hier nur darum, sich anständig aus der Champions League zu verabschieden, mehr ist nicht drin”. Ein Lächeln huschte über meine Lippen, bevor ich wieder die Hände erhob und mich soweit ich konnte bemühte, meiner Freude lautstark Ausdruck zu verleihen.
Der Nachteil an meinem Platz im Block 37c ist nicht nur die Tatsache, dass ich recht weit vom Stimmungskern der Cannstatter Kurve, dem Commando Cannstatt, entfernt bin, sondern auch, dass der Weg aus dem Stadion unendlich lang sein kann, wenn weiter unten die Zuschauer stehen bleiben um einen Blick auf die Anzeigetafel zu genießen. Mein Kumpel Rouven wartete bereits am Fahnenraum, nachdem ich mich von Andi, Marc und Martin verabschiedet hatte, genoss ich die letzten Minuten meines Stuttgarter Aufenthalts mitten in der Woche. Dann wurde es auch Zeit, den Treffpunkt zum Aufbruch aufzusuchen, von dort aus ging es nach kurzen Fachsimpeleien zurück nach Leipzig.
Die Schmerzen in meinem Hals wurden nicht gerade besser, aber es nützte alles nichts. Angeschlagener als je zuvor saß ich auf dem ungeliebten Platz der Rückbank in der Mitte, erschöpft ließ ich das Spiel vor meinem inneren Auge noch einmal ablaufen. Eine saustarke Leistung, nun ist alles noch offen, und das ist mehr, als die meisten erwartet haben. Nun geht es ja doch noch um etwas, wenn ich am 17. März das Flugzeug nach Barcelona besteigen werde. Wenn uns eines die Fußballgeschichte gelehrt hat, dann doch das, dass David auch Goliath schlagen kann. Und wenn es eben ein Wunder erfordert, wir glauben daran.
“Heut ist so ein schöner Tag, la-la-la-la-la, heut ist so ein schöner Tag, la-la-la-la-la” – zum Fliegerlied wurde vergnügt in der Straßenbahn gehüpft, welche uns Richtung Stadtmitte zurückbrachte. Heut ist so ein schöner Tag. Ein Tag, der aus gesundheitlicher Sicht in die Sparte “Kontraproduktiv” zuzuordnen wäre, aber eben auch ein Tag, der bis auf die Tatsache, dass ich mehrmals an meinem Husten zu Grunde gegangen wäre, einfach nur richtig toll war. Dies ist die Geschichte eines fast perfekten Tages in Köln.
Rhein-Energie-Stadion in Köln
Der Besuch des Mannschaftstrainings am vergangenen Sonntag war der endgültige Knock-Out, seitdem laboriere ich an einer Erkältung, insbesondere der schlimme Husten der letzten Tage ist mehr als nervtötend. Wohlwissend, dass es das Klügste wäre, daheim zu bleiben und Tee zu trinken, konnte mich das nicht aufhalten.
Klein Ute vor dem großen Kölner Dom
Das penetrante Piepsen meines Handyweckers beendete meine 4-stündige Schlafphase und läutete den Beginn des Tages ein. 4:30 Uhr, welch unmenschliche Uhrzeit. Nützt aber alles nichts, außerdem freute ich mich ja auf das Spiel! Da Samstags um 5:30 Uhr kaum etwas an Straßenbahnen und Bussen fährt, wenn man es braucht, bin ich das Stück zu Fuß gelaufen, lag richtig gut in der Zeit und setzte mich direkt in den ICE, der mich zunächst zum Flughafen Frankfurt bringen sollte, wo ich umsteigen musste und bereits kurz nach 11 Uhr vormittags in der Domstadt ankam.
Blogger-Kollegen unter sich: Marcel von Brustring und ich
Hinter mir lagen 5 Stunden Fahrt, in denen ich schwerstens mit meinem Husten zu kämpfen hatte. Noch bevor ich mich auf die Suche nach den Schließfächern für meinen Rucksack machte, suchte ich zuerst eine Apotheke. Es muss doch irgendetwas geben, um dem Husten zumindest während des Spiels medikamentös aufs Maul zu geben, bzw. ihn ruhig zu stellen. Man drehte mir für 5,10 € Hustenblocker von Wick an, und als die Pille eingeworfen und das Gepäck verstaut war, gönnte ich mir noch einen Kaffee bei Starbucks und traf mich noch mit Marcel, meinem geschätzten Blogger-Kollegen von Brustring – an der Stelle die herzlichsten Grüße!
Ein vertrauter Anblick, als wir aus der Straßenbahn ausstiegen und Richtung Kölner Stadion liefen. Gut zwei einhalb Jahre ist es her, als ich das erste und letzte Mal in diesem Stadion war, damals zum Freundschafts-Länderspiel gegen Rumänien. Nach einem kurzen Plausch mit Marcels Kumpels war es für mich soweit, den Gäste-Stehblock aufzusuchen, wo die meisten der mitgereisten VfB-Fans schon ihren Platz eingenommen hatten.
Vierte Reihe ganz vorn – eine Weile musste ich suchen, bis ich Kumpel Rouven gefunden hatte. Sein Platz war jedoch mittlerweile so unerreichbar, dass wir uns für die Halbzeitpause verabredeten, zuerst über mir unverständliche Handzeichen, dann doch mit der etwas moderneren Kommunikationsvariante, der SMS. Lange dauerte es nicht, bis mir weitere bekannte Gesichter ins Auge fielen, so auch Kumpel Philipp, welcher sogleich die Treppen hinab eilte, um mich zu begrüßen. Während des Spiels leistete ich ihm und seinem mitgereisten Fanclub 90 Minuten Gesellschaft, es hat eine Menge Spaß gemacht.
Ehe ich mich versah, stand ich auch schon mittem im Gäste-Stehblock und streckte meine Hände in die Höhe, um meinen Verein anzufeuern. Und was meine Lunge angeht, die wollte leider nicht wirklich das, was ich wollte: laut anfeuern, schreien und singen. Ich tat mein Bestes, die Befürchtung, von ein paar Sanitätern heraus geschleift und in die Quarantäne gestellt zu werden, begleitete mich, während ich einen Hustenanfall nach dem anderen bekommen hatte.
Kölner Südtribüne
Nun war es 15:30 Uhr, endlich wurde das Spiel angepfiffen, auf dass ich so lange gewartet habe. Wiedergutmachung musste her, für das peinliche 0:2 im Hinspiel und für die 1:3-Heimniederlage am vergangenen Wochenende gegen Hamburg. Zudem ging der Blick auch schon ein wenig vorausschauend auf das Spiel gegen Barcelona. Doch davon durften wir uns hier und heute nicht verunsichern lassen.
Zu beachten: der junge Mann mit dem “Cheerleader”-Schal
Besonders viel vom Spiel habe ich nicht wirklich mitbekommen, und wie das so oft ist, wenn man nur wenig sieht und auch die meiste Zeit mit Singen, Arm wedeln, Springen und Schreien beschäftigt ist, gilt die Hauptaufmerksamkeit dem Bemühen, dem Nachbarn nicht auf die Füße zu treten oder die Hand ins Gesicht zu watschen. Zwischendrin das eine oder andere Foto gemacht, nicht nur fürs Archiv.
Alleine die Statistik sprach schon dafür, dass es ein schweres Spiel werden würde. Wir waren leicht angeknackst durch das letzte Spiel, der 1. FC Köln stand unter Zugzwang und musste mal wieder einen Sieg einfahren. Sehr erfreulich, dass wir diejenigen waren, die das bessere Ende für uns entscheiden konnten.
Lange mussten wir wirklich nicht warten. Und wie das nunmal so ist, sieht man nichts, orientiert man sich am Jubel der anderen, gerade wenn man für einen Moment nicht hingesehen hat. Als der gesamte Gäste-Stehblock sich euphorisch in die Arme fiel und ich mich da trotz Husten freudig anschloss, stieg der Optimismus, dass dies ein schöner Tag werden würde. Cacau war es in der 13. Minute, in seinem 1. Spiel nach langer Verletzungspause.
Gebt alles!
Solange wie wir auf das 1. Tor haben warten müssen, fast genauso lange dauerte es bis zum nächsten Treffer, zuerst den Zweikampf saustark gewonnen, dann ein wunderschöner Schlenzer, unhaltbar ins Eck, ein Traum! Wieder kochte die Stimmung hoch bei den mitgereisten Fans unseres Vereins, und ich stand mittendrin. Torschütze? Wieder Cacau, unser deutscher Nationalspieler. Und ja, es ist schon amüsant: ein Dunkelhäutiger mit Namen Cacau.
Nur sieben Minuten später fasste ich mir an die Stirn, schaute ungläubig zur Anzeigetafel und konnte kaum begreifen, dass dies die Wirklichkeit war. Schon wieder Cacau, absolut unglaublich. Ein unfassbarer Hattrick in den ersten 40 Minuten, so etwas hätte ich trotz aller Hoffnung nicht für möglich gehalten. Im Gästeblock gab es nun kein Halten mehr, es wurde umarmt, geherzt, geschmust, geküsst, geschrien, gesprungen und gesungen.
Nicht einmal der 1:3-Anschlusstreffer vom Kölner Spieler Christopher Schorch kurz vor der Pause konnte unserer Freude Abbruch tun. Dann war auch schon Halbzeitpause, wir waren zufrieden, die Kölner eher weniger, was sie mit einem gellenden Pfeifkonzert lautstark kund tan. Hindurch gequetscht nach unten nahm mich mein Kumpel Rouven auch schon in Empfang, Angst vor meinen Bazillen hatte er dabei offensichtlich nicht. Unter den Augen Hunderter plauderten wir eifrig die ganze Pause durch, bevor wir unsere jeweiligen Plätze wieder einnahmen, lange sollte es ja nicht dauern bis zum nächsten Treffen, dessen bin ich mir ziemlich sicher.
Was auch immer er den trotz den Anschlusstreffers geknickten Kölnern gesagt hat, Ex-VfB-Spieler Zvonimir Soldo hat die richtigen Worte gefunden, um seine Schützlinge für zumindest ein paar Minuten mutig auftreten zu lassen. Nützte nur leider nichts, denn unser geliebter Verein für Bewegungsspiele Stuttgart 1893 e.V. hatte einen Sahnetag erwischt und hatte auf jede, aber auch wirklich jede Kölner Aktion die passende Antwort parat.
Wenn es 2 Spieler gibt, die man bei diesem Spiele hervorheben konnte, dann waren das Jens Lehmann mit zahlreichen weltklasse Paraden und natürlich allen voran Cacau, unsere schwarze Perle. Aus zahlreichen Stuttgarter Chancen wurde zunächst kein Kapital geschlagen, gespielt wurde nun auf das Tor zu unserer Rechten, nur schwer zu erkennen bei all den Köpfen, Schals und Fahnen, die die ganze Zeit die Sicht versperrten.
Gestatten: Philipps linke Hand im Sonnenuntergang
So dauerte es bis zur 70. Minute, bis sich wieder der Stadionsprecher zu Wort meldete, zeitgleich lichteten sich die Reihen im Rhein-Energie-Stadion. Nach einer Traumflanke von Hilbert (wer hätte das vor einem halben Jahr für möglich gehalten?!) brauchte unser von den Domstädtern ungestörter Russenkampfpanzer Pavel Pogrebnyak nur noch seinen Kopf hinhalten und drosch die Kugel zum 4:1 ins Netz. “Das ganze Stadion geht, adé, adé!”, das Amüsement im Gästeblock wurde zusehend besser. Und wenn sich die Vorsänger vor lauter Enthusiasmus das Hemd vom Leibe reißen und auf einmal obenrum nackig vor mir stehen, dann sage ich doch nicht nein und erfreue mich stattdessen. Hallo, schöne, neue Welt.
Beste Aussichten
Es hätte kein 5:1 gebraucht, um den Tag als “gelungen” zu verbuchen, aber wenn sich die Chance bietet, warum auch nicht. Gala-Spieler Cacau begnügte sich nicht mit seinem Hattrick in der 1. Halbzeit, er schoss nur 4 Minuten nach dem 4:1 durch Pogrebnyak das 5:1 und machte den Gästeblock endgültig zum Tollhaus. Alles, was meine Lungen jetzt noch hergaben, schrie ich in die Kölner Kälte hinaus. Es war nicht viel, aber es war alles, was ich geben konnte.
…davon 4x Cacau! Wunderbar!
Die letzten Minuten des Spiels waren wie in Trance. Das Geschehen auf dem Spiel wurde zur Nebensache, alles, für das ich hier und jetzt lebte, war dieser Gästeblock an jenem 20. Februar im Jahr 2010. Arm in Arm waren wir eine Einheit, die unser Team besangen und feierten. “Oh wie ist das schön, sowas hat man lange nicht gesehen!” – auswärts haben wir wirklich schon lange nicht mehr so derart souverän ausgesehen.
Schluss, Aus, Abpfiff! Es war mehr als ein Auswärtssieg, mehr als ein 5:1, für mich war es ein erster Teilsieg über meinen Aberglauben. Später dazu ausführlich an einer anderen Stelle. Jubelnd lag man sich in den Armen und frenetisch wurde die Mannschaft und vor allem Cacau gefeiert, zu Recht, ein absolutes Wahnsinnsspiel von ihm.
Noch viele Minuten nach dem Ende der denkwürdigen Partie, die den richtigen Weg ebnete für das Spiel am Dienstag gegen Barcelona, standen Philipp, die Jungs vom Fanclub und ich noch da und warteten, bis sich der Ausgangsandrang etwas gelegt hatte und wir langsam in Richtung Straßenbahnhaltestelle zuliefen, die uns zum Kölner Neumarkt brachte.
Einen Besuch beim KFC später war es für mich leider soweit, den ersten Teil meiner Heimreise anzutreten. Nachdem ich mich etwas wehleidig von den lieb gewonnenen Leuten verabschiedete, lief ich zurück zum Hauptbahnhof und fuhr weiter nach Dortmund zu meiner langjährigen Freundin Steffi, die ich vor fast 3 Jahren das letzte Mal gesehen habe. Sonntag Abend ging es dann zurück nach Leipzig, wie üblich hustend und keuchend. Ein Königreich für eine Handtasche, die als mobiler Medizinschrank durchgeht.
Wirklich ein toller Tag mit tollen Leuten, ein tolles Spiel mit einem tollen Ergebnis. Das alles hätte ich verpasst, wenn ich daheim geblieben wäre um meine Erkältung und vor allem den verdammten Husten auszukurieren. Stattdessen fahre ich quer durchs ganze Land, stehe stundenlang im Gästeblock und schreie nach Leibeskräften, obwohl ich kaum noch Luft in den Lungen hatte. Doch genau darum geht es mir, die Leidenschaft auszuleben, die mein Leben ausmacht, seien es auch nicht immer die klügsten und vernünftigsten Entscheidungen, für diesen Verein und alles, was dazu gehört, mit all den Leuten und der ganzen Kultur, dafür gebe ich alles, bis zum letzten Atemzug.
22.02.2010 um 23:24 Uhr · Veröffentlicht unter Allgemein
Langsam aber sicher kann ich keinen Schnee mehr sehen – dass das Petrus allerdings herzlich egal ist, demonstrierte er am vergangenen Wochenende rund um das Bundesligaspiel gegen Hamburg wieder eindrucksvoll. Nützte alles nichts, bei 3 Tagen Schnee musste ich tapfer sein und nutzt das Wetter im positiven Sinne für ein paar schöne Impressionen, die den 2. Teil meiner Reihe “Fotos im Schnee” nach Leipzig bilden wird.
22.02.2010 um 23:23 Uhr · Veröffentlicht unter Fussball
Es war kalt gewesen in Stuttgart, als ich aus der Jugendherberge auscheckte und mich mein Weg wieder in Richtung Trainingsgelände führte. Unzählige Treppenstufen hinab und dann weiter mit der S1 nach Bad Cannstatt. Das schwere Gepäck auf meinen Schultern ließ die heilige Strecke unendlich lang werden, bis es sich vor mir majestätisch erhob: das geliebte Neckarstadion. Einen Tag zuvor war ich noch drin zum Spiel gegen Hamburg, diesmal lief ich vorbei, auf das Trainingsgelände, wo die Jungs bereits fleißig ihre Übungen machten unter den wachsamen Blicken mehrerer Zuschauer.
Viel Zeit blieb mir nicht und somit konnte ich dieses Mal nur wenige Spieler abgreifen, während unablässig der Schnee auf die Erde hinab fiel. Da klingelte auch schon das Handy, Conny, die Frau meines Stammfahrers Reinhart, rief mich an und teilte mir mit, dass sie jetzt da wären und es logehen könnte.
Der letzte Spieler, der direkt vor der Geschäftsstelle von mir noch “eingesammelt” werden musste war unser neuer, von Juventus Turin ausgeliehener Abwehrspieler Cristian Molinaro, welcher sich äußerst hilfsbereit zeigte, als mir vor lauter Nervosität das VfB-Jahrbuch in den Schnee fiel. Ein letztes Fotos und ab zum Auto. Dabei lief ich zunächst unbeabsichtigt Sven Ulreich hinterher, den ich wegen Connys Anruf zunächst verpasst hatte, aber den ich mir natürlich nicht entgehen lassen wollte, ebenso wie Reinhart, der ihn in höchsten Tönen lobte. Dann ging es aber auch wirklich nach Hause. Achja, und danke heißt auf italienisch “Grazie” – fürs nächste Mal werd ichs mir ganz bestimmt merken!