Monatsarchiv für Oktober 2009
22.10.2009 um 22:17 Uhr · Veröffentlicht unter Fussball, Länderspiele
Das Länderspieljahr 2008/2009 hatte nicht viel erfreuliches zu bieten, das erörterte ich bereits in meinem Beitrag zum Spiel gegen Aserbaidschan. Meist mit Dusel oder eben einfach nur im Weichspülgang quälten wir uns durch die Qualifikationsspiele zur WM 2010, das Unentschieden gegen Finnland im Oktober 2008 sollte das eine Unentschieden zu viel sein: wenn wir das Spiel gewonnen hätten, wäre dieses Spiel hier gegen Russland nicht so entscheidend. Somit wurde es die Entscheidungsschlacht von Moskau, deren Sieger direkt für die WM 2010 qualifiziert is. Grund genug also für die wiederentdeckte Aufregung und Emotion.

Das Länderspiel verfolgte ich in meiner Bundesliga-Stammkneipe im Leipziger Petersbogen, in der Gesellschaft eines netten jungen Mannes, der mich zu diesem Spiel begleitete. Der Nervositätsspiegel war selbstredend hoch, mussten wir dieses Spiel doch unbedingt gewinnen um alle Sorgenfältchen mit einmal zu glätten.

Und es wurde das Spiel, was man erwartet hat: ein Hauen und Stechen, zu jeder Minute spannend und elektrisierend bis in die Haarspitzen. Dabei wurde im Vorfeld so viel diskutiert über den Kunstrasen, auf dem man im Moskauer Stadion spielen sollte. Dabei brachte er eher uns als den Russen die Vorteile: das Spiel war schnell und die Passwege waren gut einstudiert, der Ball versprang weniger und der Atem wurde angehalten.

Nach 34 Minuten war es soweit: der kollektive Jubel beherrschte die Kneipe und unzählige deutsche Haushalte: Tooooor für Deutschland! Und wo er derzeit im Verein mehr auf der Bank sitzt als andere, wurde er einmal mehr unser Retter in der Not: Miroslav Klose schoss Deutschland in Moskau in Führung.

Die Parallelen zum Hinspiel im Oktober 2008 waren unübersehbar: eine starke erste Hälfte und ein bärenstarker Torwart René Adler, mein Landsmann. Und wenn schon Parallelen, dann richtig: erneut wurde im zweiten Durchgang gezittert, denn auf einma drückten die Russen. Die gelb-rote Karte des Debütanten Jerome Boateng spielte den stärker werdenden Russen natürlich ebenso in die Karten, doch der Adler flog und hiet alles ab, was aufs deutsche Tor kam, dieser Mann ist ein Phänomen. Selbstverständlich ist er das – er ist ja immerhin Leipziger!

Der Gegner erhöhte die Schlagkraft und wir sahen uns in Unterzahl plötzlich konfrontiert mit der geballten russischen Offensive: Andrej Archavin, Roman Pavluchenko und unser Neu-Stuttgarter Pavel Pograbnyak, die Kräfte schwanden langsam im deutschen Team. Doch wir hielten durch und grätschten mit unserer deutschen Humorlosigkeit alles weg, was sich uns näherte.

Als der Schiedsrichter die Partie abpfiff, konnte man die Sektflasche köpfen und anstoßen. Nicht auf ein tolles Länderspieljahr – sondern auf die letztendlich souverne Qualifikation zur WM 2010. Die Deutsche Nationalmannschaft darf nun schonmal die Koffer packen. Leider werde ich dieses Mal nicht hinterher reisen können, wie ich es noch bei der EM 2008 zu den Spielen gegen Österreich und Portugal machen konnte.
22.10.2009 um 21:36 Uhr · Veröffentlicht unter Fussball, Live im Stadion, Vereinsspiele
Nach unten im Schleudertempo. Das Heimspiel gegen Werder Bremen sollte die Rückkehr zum Erfolg symbolisieren, sah es die letzten beiden Jahre doch stets gut aus, als wir mit jeweils 6:3 und 4:1 gegen die Hanseaten gewannen. Dass 2 Erfolgserlebnisse aus vergangenen Saisons noch lange nicht den dritten machen, sollte ich bitter erfahren. Und auch der Cannstatter Wasen sollte als Glücksbringer dieses Mal nicht helfen.

Immer dieser Stress – erst kurz vor Spielbeginn kamen wir in Stuttgart an und ich schnürte meine Sachen für einen langen Tag, der an jenem frischen Sonntag auf dem Cannstatter Wasen in unmittelbarer Stadionnähe beginnen sollte. Um Zeit zu sparen, “schmiss” Stammfahrer Reinhart mich und VfB-Fan Torsten aus Weißenfels schon an einer roten Ampel raus. Nur war die Ampel schneller grün als wir die Klappe des Kofferraums schließen konnten – äußerst amüsant, Torsten schreiend und wild gestikulierend über die Mercedesstraße hinterher rennen zu sehen.
Dann konnte ich endlich rüberlaufen zum Wasen. Dort warteten bereits meine Leute vom tooor.de-Forum auf mich, ich war in dem Sinne wichtig für dieses Treffen, hatte ich doch die selbstgestaltete Glückwunschkarte für unsere Freunde Micha und Jenny dabei, die einige Tage zuvor geheiratet hatten und im März Nachwuchs erwarten. Es wurde ein schönes geselliges Beisammensein, dass Micha, mein Dauerkartenorganisator und Sitzplatznachbar im Stadion in erster Linie Fan der gastierenden Grün-Weißen ist, war allseits bekannt.

Noch schnell eine Butterbrezel auf den sonst leeren Magen gefuttert ging es dann auch schon zum Stadion, die Vorfreude stieg, ich war mir sicher, es würde gut gehen. Die letzten beiden Saisons bereute ich jeweils, nicht schon runter gefahren zu sein, es waren jeweils eine der besten Spiele der jeweiligen Saison 2007/2008 und 2008/2009.
Doch wenn du einmal Pech hast, ist dir nicht ohne weiteres ein Erfolgserlebnis vergönnt. Im Gegenteil – nach nur 4 Minuten stürzte die Laune in den Keller, unter dem kollektiven Raunen von 40.000 Zuschauern und einem grün-weißen Meer des Jubels, von dem ich hoffte, es nicht ertragen zu müssen. Auch nachhaltig vermochte das Spiel nicht besser zu werden. Ein Fehlpass folgte dem anderen, es war zum Davonlaufen. Mit 0:1 ging es schon fast “folgerichtig” in die Halbzeit.

Auch im zweiten Durchgang blieb die andauernde Pomadigkeit unseres Vereins nicht ohne Konsequenzen: nach 51 Minuten lichteten sich die Reihen in der Mercedes-Benz Arena. Wo ich dabei bleibe, ein Spiel nicht vorzeitig zu verlassen, folgten andere dem Ruf des Frustbieres und verschwanden aus dem Stadion und waren an diesem 4. Oktober nicht mehr gesehen worden. Bei einem Stand von 0:2 trug auch ich allmählich meine Hoffnunge zu Grabe.
Der Abpfiff nach 90 gespielten Minuten kam einer Erlösung gleich. Nach dem Spiel trafen wir noch Bremen-Fan Micha und seine Frau Jenny zur Kartenübergabe, als Trost wurde mir ein VfB-Cappi überreicht. Es konnte den Frust aber nicht lindern. Kurz darauf machte ich mich schon auf dem Weg zu Ottos Kneipe, wo mein Stammfahrer Reinhart nur noch auf mich wartete und wir sogleich losfuhren. Schnell weg von diesem Ort der Schmach. Um 2 Wochen später zurückzukehren, mit neuer Hoffnung und alten Befürchtungen.

14.10.2009 um 23:47 Uhr · Veröffentlicht unter Fussball, Live im Stadion, Vereinsspiele
…sondern der Moment, in dem du auf dem Boden aufschlägst. Das wussten schon die Caesars. Und es ist jedes Mal aufs Neue schmerzhaft und erniedrigend, es am eigenen Leib zu spüren. Ob es Absicht war, so viel Zeit seit diesem Spiel ins Lande gehen zu lassen, kann ich nicht einmal sagen, zu schnell wollte ich vergessen, was während des Bundesliga-Heimspiels gegen den 1. FC Köln passiert ist.

Der Ort, der mich ein zweites Mal geboren hat, zusammen mit den Menschen, die mich geboren haben: nachdem ich meine Eltern bereits im vergangenen Dezember beim Auswärtserfolg in Cottbus dabei hatte, traten sie nun gemeinsam mit mir und meinem Stammfahrer Reinhart die 500-Kilometer-Strecke nach Stuttgart an. Und ich wünschte bei Leibe, man hätte sich ein anderes Spiel ausgesucht.

Doch wie es nunmal so ist, du weßt nie was passiert und du glaubst selber immer nur das, was du glauben willst. Du glaubst daran, dass sich Bilanzen und Statistiken bewahrheiten und vertraust auf das, was immer passiert – oder du kennst die Bilanzen und Statistiken und hoffst, es kommt anders. Und das jeden Spieltag aufs Neue, auch dann noch, wenn jede Statistik schon längst wieder gebrochen wurde.
Als die Temperaturen noch mild und erträglich waren, am 19. September des laufenden Jahres, machten wir uns auf den Weg, um das zu glauben, was wir glauben wollten, nämlich dass den Kölnern es nicht 2 aufeinander folgenden Saisons schaffen würden, uns daheim in Stuttgart zu düpieren. Doch dann kam alles doch ganz anders. Und am Ende reichte es nicht zu mehr als einem “Warum habe ich nur der Statistik nicht geglaubt?”.

Nicht vergessen werde ich zumindest nicht den Gesichtsausdruck meiner Mutter, als wir die Treppenstufen zu unserem Block 37c hinaufstiegen und sich vor ihr zum ersten Mal die Mercedes-Benz Arena öffnete, unser geliebtes Stadion, unsere Heimspielstätte, Schauplatz grandioser Spiele und so manchen bitteren Enttäuschungen, unsere Baustelle und dennoch für jeden von uns ein Zuhause. “Beeindruckt” beschreibt jenen Gesichtsausdruck wohl am besten. Und auch ich erinnere mich natürlich gern an jenes “erste Mal“.
Zum Spiel möchte ich nicht viele Worte verlieren, das war es eben einfach nicht wert, wirklich nicht. Während unsere Jungs von einem Fehlpass zum Nächsten stolperten, machte sich das kollektive Raunen relativ schnell breit und ließ die Unzufriedenheit wie ein kalter Schatten über uns kommen. Nach dem verlorenen Spiel eine Woche zuvor in Hamburg brauchten wir nun wieder dringend einen Sieg – doch kassierten dafür nach nicht einmal einer halben Stunde den Rückstand.
Kopfschüttelnd kauerte ich auf der roten Sitzschale, meiner Sitzschale, die mit der Plakette “6″ versehen ist. Auch meinen Erzeugern fiel dazu nicht mehr wirklich viel ein. Der Gästeblock mit den mitgereisten Kölnern war bester Laune, was man ihnen noch nicht einmal verübeln konnte. Und durch die Nähe meines Sitzplatzes zum Gästeblock ist eben jener streckenweise um einiges lauter zu hören als der eigentliche Support-Block auf der anderen Seite der Cannstatter Kurve. Auch in der zweiten Halbzeit machte sich kaum Besserung breit, weder in der Kurve, noch auf dem Spielfeld. Es war beängstigend und frustrierend zugleich.

Jeder kennt das Gefühl, wenn einem zu einer Situation wirklich nichts mehr einfällt, nicht wahr? So, wie die Mannschaft spielte, sehnte man sich nichts mehr herbei als den Abpfiff, doch auch diese simple Tat war uns an diesem Tag ohne die komplette Blamage nicht erspart geblieben. Wenige Momente noch bis zum Schluss, als sich unser sonst eigentlich konzentrierte Keeper Jens Lehmann zu einem spontanen Ausflug aus seinem Revier entschloss, um in einen Zweikampf mit Sanou zu gehen. Das Ende vom Tanz weit vorm Strafraum: ein langer Ball, viele bange Blicke und ein anschließend jubelnder Gästeblock.
Ich glaube, das Geräusch von einem 39.000-fachen “PLATSCH” vernommen zu haben, der Momemt, als wir auf dem Boden aufschlugen und zu einer faden, breiigen Masse zerflossen. Schlimmer als das konnte es eigentlich schon gar nicht mehr werden – das war das, was ich ab dem Ende dieses Spiels denken wollte. Doch auch hier musste ich mich natürlich irren – auch das Pech kommt in der Ketschupflasche. Erst gar nicht (Rückrunde 2008/2009) und nun alles auf einmal.
Den Heimweg traten wir nach dem Spiel wieder gemeinsam an, begleitet von der Portion Frust und Unverständnis, die vor dem Spiel nicht zu erwarten war, aber auch nach dem Spiel nicht einfach vergessen werden konnte. In Mark und Bein ging diese bittere Niederlage. Und ob die Spieler ebenso darunter nachhaltig leiden würden wie ich zum Beispiel, das möge ich doch stark anzweifeln. Es war für unsere Mannschaft nur ein Spiel mehr, nach dem sie mit einem gellenden Pfeifkonzert von der Kurve weg gescheucht wurden.
« Vorherige Einträge