Es hatte sich angedeutet, und was schon in den letzten Spielen des VfB Stuttgart suboptimal lief, sollte sich gnadenlos fortsetzen. Besser als mein Kumpel Franz konnte man es an jenem frustrierenden Abend nicht ausdrücken: “Warum nur fallen die Jungs neuerdings immer nach einer halben Stunde zusammen wie ein Soufflé?”. Beantworten konnte er es nicht. Und auch ich kann es nicht.
Unvergessen wird sie bleiben, die Champions League Hymne, die ich zum ersten Mal in meinem live im rumänischen Timisoara zur Champions League Qualifikation hören durfte und mein VfB in die Königsklasse kam. Dafür haben wir schwer geschuftet, um uns mit den Großen Europas messen zu können. Niemand denkt gerne zurück an die katastrophalen Auftritte im Jahr 2007 nach der Deutschen Meisterschaft, als gar nichts zusammenlaufen wollte und man mit einem einzigen Sieg aus 6 Spielen sang- und klanglos ausschied. Wir können das doch wirklich besser.
Mannschaftsaufstellung
Die Zeichen standen gut, schließlich treffen die Schwaben in jeder der letzten Champions League Saisons auf die Glasgow Rangers aus Schottland, beide Heimspiele konnten wir gewinnen, also kein Grund zur Sorge, auch wenn die letzten Ligaspiele nicht optimal gelaufen sind.
Die magische Formel lautete “2x 0,5″ – zumindest meine eigene Formel, denn der Ausflug nach Stuttgart mitten in der Woche kostete mich 2 halbe Urlaubstage, am Tag des richtungsweisenden ersten Champions League Gruppenspiels wurde noch bis Mittags gearbeitet, der Tunnelblick schon längst gen Zweitheimat. Eingepfercht in die ungeliebte Mitte auf dem Rücksitz ging es zu Fünft in die baden-württembergische Landeshauptstadt. Es gibt doch nichts schöneres als der geliebte Stallgeruch.
Angekommen in Bad Cannstatt wurde Kumpel Micha vom Forum tooor.de zum ersten bekannten Gesicht, das ich an diesem Tag begrüßen durfte. Er kam gerade an aus seiner Heimat Freudenstadt und musste mich sogleich wieder gehen lassen, ich leistete Stammfahrer Reinhart und seiner Frau Conny Gesellschaft beim verspäteten aber gemütlichen Mittagessen in einem Restaurant neben dem Cannstatter Bahnhof. Leckere Maultaschen zum guten Preis – nur zu emfehlen: “Cannstatter Tor”.
Der schönste Zustand auf der Skala nach dem Torjubel ist jener Zustand eines vollen Magens und einer leeren Blase – im Gegensatz zu anders herum. Gut gesättigt fuhren wir zum Stadion, ich begrüßte wieder ein paar Bekannte und lief dann sogleich rüber zum Stadion, wo Micha schon wartete und wir es uns auf der großen Treppe vorm Carl Benz Center gemütlich gemacht haben und die Zeit wie im Flug verging. Zu uns gesellten sich noch weitere Bekannte.
Und auch am Platz im Block 37c in der Cannstatter Kurve riss die Flut an bekannten Gesichtern nicht ab, Martin, Bruder von Marc, einer der ersten VfB-Fans die ich vom Forum kennengelernt hatte, war schon da und amüsierte sich köstlich über mein Update an mehr oder weniger abenteuerlichen Livespielen. Trotz der Aussage, das Stadion wäre nicht ausverkauft, war es für das Auge des Betrachters sehr voll, der Gästeblock neben uns war komplett in Blau getaucht.
Das 1:0 durch Pawel Pogrebnyak
Nach 4 Heimspielen in dieser Saison habe ich mich sogar schon an das Fehlen einer Leinwand gewöhnt, auch wenn es als Dauerzustand alles andere als wünschenswert ist. Das Gröhlen der Mannschaftsaufstellung lief jedenfalls reibungslos, an der überraschenden Aufstellung von Alex Hleb (was ich zugegebenermaßen schon einige Minuten zuvor auf einem TV-Bildschirm sah) erfreuten sich 39.000 Zuschauer.
Wochenlange Tristesse, doch die Jungs legten los wie die Feuerwehr. Nach nur wenigen Sekunden die erste Chance, die erste Parade des schottischen Keepers. es entwickelte sich in den darauffolgenden Minuten zu einem klasse Spiel, unsere geliebten Jungs schnürten die Rangers förmlich in der eigenen Hälfte ein, die Chancen kamen im Minutentakt. Wann hier das erste Tor fallen würde, wäre nur noch eine Frage der Zeit.
Auch die Stimmung ließ nicht zu wünschen übrig: mit einer Lautstärke, wie ich sie schon seit Monaten nicht mehr erlebt habe, ließ sich jeder von der Stimmung anstecken, die in den Steh- und 30er-Blöcken ihren Ursprung hatte. In jedem Falle ein Grund, es zu genießen, wenn sogar das geneigte Sitzpublikum durchweg steht, zumindest in den ersten Minuten. Man konnte dieses Spiel und diese Stimmung, diese Mannschaft und dieses Stadion einfach nur genießen mit jedem einzelnen Atemzug.
Und auch der neue Stürmer Pawel Pogrebnyak trug dazu bei, dass es so fantastisch weitergehen konnte: er ließ uns mit seinem Tor zum 1:0 jubeln. Wie schon “üblich”, die Kamera war dabei. Und ja, ich schaffe es tatsächlich, das Spiel nicht ausschließlich durch ein 3″ Zoll Display zu verfolgen. Hand hoch, wer nicht in diesem Moment das Gefühl hatte, es würde gut gehen und wir würden das Kind schaukeln, wenn wir so weiterspielen.
Wie zu erwarten bauten die Jungs danach etwas ab, bis zum Halbzeitpfiff allerdings kein Grund zur Sorge. Die freien 15 Minuten der Pause nutzte ich obligatorisch aus, um meinem Kumpel Martin in Block 33 einen Besuch abzustatten. Auf dem Weg dorthin traf ich zum ersten Mal meinen Italo-Kumpel Patrick, es wäre interessant, es mal als Außenstehener zu beobachten, wenn 2 Menschen, die sich online kennengelernt haben, sich unerwartet live treffen. Ob es am Stadion ist oder einst in einer Autobahnraststätte auf dem Weg nach Hause vom Auswärtsspiel. Nach über anderthalb Jahren studiVZ traf man sich zufällig vor dem Stadion zwischen den Blockeingängen 35 und 34. Da Martin bereits auf mich wartete, konnte ich Patrick nur versprechen, mir beim nächsten Mal bewusst mehr Zeit für ihn zu nehmen – und ich habe vor, mich daran zu halten.
Ein weiteres bekanntes Gesicht, das höchst erstaunt war, mich vor Ort zu treffen: Martin begrüßte mich wie immer herzlich, auch Micha aus Freudenstadt war mit bei mir, wir waren ohnehin für die Halbzeitpause verabredet. Ein kurzer Plausch und ich tauschte mit Micha meine Karte, ich bin dann hinein in Block 33d, Micha nahm meinen Platz in Block 37c ein – ich wollte ohnehin mal etwas mehr von der Stimmung “abbekommen”, obwohl die Stimmung in der ersten Halbzeit selbst bei den zum Sitzen neigenden Blöcken überzeugte.
Block 33d – da war doch mal was. Während der Schiedsrichter wieder anpfiff und das erste Gruppenspiel in den zweiten Durchgang startete, zückte ich mein Handy und versuchte mit mehreren SMS meine Freundin Bea aus Fellbach ausfindig zu machen. Knapp 15 Minuten, etliche Blicke nach oben, verdutzte Gegenblicke von Leute, die dachten, ich meinte sie, wieder einige SMS später fand ich sie 5 Reihen hinter mir und winkte ihr zu.
Währenddessen setzte sich der Leistungsabbau fort, anstatt das Spiel weiterhin mit festen Zügeln im Griff zu behalten. Wenn man die aktuelle Formkurve betrachtet glich die erste Hälfte einem Rauschzustand, dass auch der nicht ewig halten würde, war ja leider zu erwarten. Die Fehlpässe häuften sich und statt immer lauter werdender Fans, die sich am Spiel ihrer Mannschaft ergötzen, vernahm ich zunehmend eines: das kollektive Stöhnen.
Die Redewendung “Um ein Gegentor betteln” hat selten so zugetroffen wie im letzten Drittel des Spiels. Die Hülle der Konzentration verpuffte vollends und ließ uns in der 77. Minute zusammenfallen wie ein Soufflé – das Geräusch des Torjubels aus dem Gästeblock war unbeschreiblich markerschütternd.
Ein letztes Aufbäumen hätte sich wohl jeder gewünscht, Chance um Chance, es wurde einfach nichts daraus. An guten Tagen reicht eine schlecht geschossene Zufallsflanke oder ein blöd abgefälschter Pass, um die in andere Sphären zu heben, an schlechten Tagen kannst du 5 aussichtsreiche Freistöße und 10 gut eingedrehte Eckbälle vorgelegt bekommen und es will einfach nichts gelingen.
Wut und Enttäuschung, zu Recht – so dämlich kann man doch eigentlich kaum sein, ein gutes Spiel so dermaßen herschenken und den Traumstart in die Champions League Saison vergeigen. Die Pressemeldungen werden sich wieder dem annähern, was vor 2 Jahren wie ein hämischer Sturm über uns hinweg fegte.
Die Heimreise wurde spät, lang und traurig, ich ertrug es nur in dem Zustand, der mich nichts mehr mitbekommen ließ: schlafend auf dem Rücksitz – mit Pulli, Decke und Kissen. Nach einigen Unterbrechungen, um das Auto erneut mit Autogas vollzutanken, wurde ich halb 4 vor der Haustüre abgeliefert, wo ich 3 Tage später wieder abgeholt werden würde.
Es könnte einen härter treffen, als in der Champions League ein Unentschieden zu spielen – dennoch hatten wir uns das alle etwas anders vorgestellt. Die Müdigkeit forderte ihren Tribut und ich schlief die nächsten 8 Stunden durch, ohne einen einzigen Moment von den Geschehnissen des Abends zu träumen. Das war wahrscheinlich auch besser so.
Wie beinahe schon üblich kamen die Länderspiele wieder im Doppelpack – gerade 4 Tage nach dem 2:0-Erfolg gegen Südafrika stand das Spiel in der WM-Qualifikation gegen Aserbaidschan an, das Hinspiel gewannen wir neulich zwar effizient aber wenig attraktiv mit 2:0, und nach dem Freundschaftsspiel am Samstag zuvor war auch die Hoffnung zurück, es würde sich wieder in Richtung “attraktiver Fußball” entwickeln.
Das Ergebnis von 4:0, was nun seit Abpfiff des Qualifikationsspiels zu Buche steht, sieht zwar schön und effizient aus, das traf aber allenfalls auf die zweite Halbzeit zu, die erste war erneut ein Rückfall zum Rumpelfußball, den ich nicht wieder sehen wollte. Viel Zeit ist es nicht mehr hin, bis die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika beendet ist – und da Russland mit uns im Gleichschritt durch die Qualifikation marschiert, findet in einem Monat das Rückspiel in Russland statt, gegen das wir so (be)zaubern sollten wie im Hinspiel.
Die ersten Minuten waren vielversprechend, in der 14. Minute ging unsere Nationalmannschaft in Führung, Michael Ballack verwandelte den Elfmeter eiskalt unten rechts – und mein Vater gewann damit seinen Tipp, ich hätte gedacht, er schießt nach oben links. Und ich dachte, ich kenne meine Pappenheimer. Den deutschen Kasten hütete mein persönlicher Favorit René Adler – ich finde es allerdings schade, dass gerade Robert Enke wieder erkrankt war und somit sein Heimspiel in Hannover nicht haben konnte. Er wird sich denken können, wie es ist. Zum Länderspiel in Leipzig gegen Liechtenstein war es Adler, der ausgerechnet zum Heimspiel passen musste.
Danach verflachte das Spiel wieder und es gab wieder das entsetzliche Ballgeschiebe zu sehen, was einem die Zornesröte in den Kopf steigen lässt. Es war kaum zu fassen, wie entsetzlich lahm das Spiel wurde, gespickt von Fehlpässen wollte nichts mehr zusammen laufen. Es ist anzunehmen, dass Bundestrainer Jogi Löw eine lautstarke Halbzeitansprache gehalten hat.
Und es wurde dann ja auch besser in der zweiten Hälfte, nicht nur weil ich den unerträglichen Blick in den Sturm nicht mehr riskieren musste – Miroslav Klose, der zuletzt nicht gerade durch blendende Form bestach, kam für den nach München abgewanderten Ex-Helden. Klose kam, sah – und traf. Und zwar im Doppelpack! In der 46. und 66. Minute traf er zum 2:0 und 3:0, mit 2 tollen Toren, die einen mit der Zunge schnalzen lassen, wunderschön!
Den Schlusspunkt der späten Torflut setzte Lukas Podolski, der nur 4 Minuten später zum 4:0 einnetzte und für Begeisterung auf den Reihen sorgte. Berti Vogts hatte auf der Trainerbank Aserbaidschans nun nicht mehr ganz so viel zu lachen – die Deutschen wiederrum schon, denn endlich zeigten sie das, was sie können: schönen Fußball.
Sicherlich mag Aserbaidschan jetzt nicht der Übergegner sein und das eine oder andere Tor nicht so hoch zu bewerten wie gegen große Nationalmannschaft, dennoch machte die zweite Hälfte im Vergleich zur ersten einigermaßen Spaß. Nach einem mäßigen Länderspieljahr 2008 ist man dankbar für alles, was einen nicht sofort wieder den Fernseher ausschalten lässt (oder alternativ: fluchtartig das Stadion verlassen lässt). Mesut Özil, der beste Spieler des Freundschaftsspiels gegen Südafrika, blieb das gesamte Spiel über blass.
Immernoch mitten in der Genesungsphase von meiner Weisheitszahn-OP am Samstag zuvor war ich auch nicht wirklich traurig, nicht dabei gewesen zu sein, denn ich hatte es auf meinem Plan, dieses Länderspiel in Hannover. Jedoch hat die 5-Tages-Europareise nach Rumänien viel Geld gekostet, und auch wenn ich es nicht bereue, das Länderspiel, was im Vorfeld nicht als Knaller einzustufen war, fiel anderen Prioritäten zum Opfer.
Währenddessen gewann auch Russland sein Spiel gegen Wales und nun sind alle Augen gerichtet auf das alles entscheidende Spiel im Oktober. Wenn unsere deutschen Jungs sich auf das besinnen, was sie seit der Weltmeisterschaft 2006 bis zum Frühjahr 2008 so stark gemacht hat. Ich habe schon oft gehofft, das ein mäßiges Spiel das Ende des Rumpelfußballs ist – also nur allzu verständlich, dass ich mich hier und heute an dieser Stelle nicht so weit aus dem Fenster lehnen möchte.
Es waren schöne Zeiten, zwischen der WM 2006 und den letzten paar EM-Qualifikationsspielen, tolle Spiele erlebten wir von und mit der Deutschen Fußballnationalmannschaft. Grandiose Momente, an die ich mich immer wieder gern zurückerinnere. Durch die 2006 (wieder)erweckte Liebe zum Fußball wuchs ich quasi hinein in dieses homogene Gebilde genannt Nationalmannschaft. Ich fieberte mit, fuhr zu den Länderspielen ins Stadion und war mit so viel Leidenschaft und Begeisterung dabei, ob Torparty gegen San Marino, kämpfen bis an die körperlichen Grenzen gegen Tschechien oder geschlossene Weltklasseleistungen in England und gegen Russland.
Doch was sich schon bei manchen Spielen der Europameisterschaft 2008 zeigte, die ich mit den Spielen gegen Österreich und Portugal live erleben durfe, deutete es sich bereits an. Und seit Herbst 2008 wurde es der triste Alltag: die Langeweile. Lahme Test-Kicks, peinliche Niederlagen, schlechte Leistungen. Lange haben wir darauf gewartet, dass es endlich wieder bergauf gehen würde.
Viele schlimme Dinge mussten wir ertragen, nur 3:3 gegen Finnland, ein 1:2 daheim gegen England, peinliche 0:1-Pleiten gegen die vermeintlichen schwachen Länder Dänemark und Norwegen, unattraktive Arbeitssiege gegen Liechtenstein und Aserbaidschan.
Nach einer langen Leidenszeit erlöste uns der Fußballgott zumindest ansatzweise und bescherte uns ein Freundschaftsspiel gegen den WM-Gastgeber Südafrika, der endlich wieder recht passabel anzusehen war. Nicht umwerfend schön, aber immerhin attraktiver als die letzten Spiele zusammen. Das Ergebnis von 2:0 stand am Ende auf der Anzeigetafel in der BayArena in Leverkusen, es war die Rückkehr zu den schönen Zeiten.
Wo ich noch vor 5 Monaten in der Mannschaftsaufstellung stets einen Namen lesen wollte, jagt es mir mittlerweile einen kalten Schauer über den Rücken – und soviel vorweg: ich wäre zufrieden gewesen, wenn das Endergebnis 1:0 geheißen hätte. Für maximal 90 Minuten werde ich sie überwinden müssen, die Abneigung, Mario Gomez spielen zu sehen. Er begann als einziger Stürmer.
Zum absoluten emotionalen Highlight kam es bereits vor dem Anpfiff: Bernd Schneider, gebürtiger Ossi, langjähriger Nationalspieler und einer der Publikumslieblinge wurde in seinem Heimstadion in Leverkusen offiziell verabschiedet. Wenige Monate vor der EM 2008 erlitt er einen Bandscheibenvorfall, so dass es nur noch für Kurzeinsätze gegen Ende der abgelaufenenen Bundesliga-Saison reichte, was ihn schließlich zum Aufgeben zwang. Die (Fußballer-)Karriere des weißen Brasilianers ist zu Ende. Bernd, auch wenn du das hier nie lesen wirst: DANKE für Alles und alles Gute für dich.
Die ersten 15 Minuten waren schonmal vielversprechend, schnelle, kurze und präzise Pässe, engagiertes Pressing, genau so gefiel mir das und genau so wollten wir es schon die ganzen Monate haben. Doch das alte, leidige Problem haftete uns wieder an: die Chancenverwertung vor dem gegnerischen Tor. Eine halbe Stunde mussten wir warten. Deutschland führte 1:0, ich schwieg und schloss verzweifelt meine Augen. Vielleicht werde ich eines Tages auch jubeln, wenn Mario Gomez für Deutschland trifft. Hätte er es nur einmal beim Länderspiel gegen Liechtenstein in Leipzig gemacht, als er mir noch wichtig gewesen wäre.
Das Spieltempo ebbte wieder ab, verfiel aber noch nicht in die Tristesse der vergangenen Monate, was schonmal ein gutes Zeichen war. Ich sehnte das 2:0 herbei, schließlich saß ich in Trikot und Schal vorm Fernseher bei meinen Eltern und schwieg beim 1:0 für meine Mannschaft, als wäre es ein Eigentor gewesen.
Nach 77 Minuten war es dann soweit, der noch relativ neue Jung-Nationalspieler Mesut Özil markierte das 2:0, ließ mich endlich jubeln und brachte unbeabsichtig eine pressetechnische und journalistische Eigendynamik ins Rollen: nur wenige Momente nach dem Spiel sollte er bereits als der Spielmacher von morgen, der zukünftige Nachfolger unseres Kapitäns Michal Ballack geadelt werden.
Der Abpfiff des Schiedsrichters nach 90 Minuten bescherte uns nicht nur einen 2:0-Erfolg in einem eher unwichtigen Testspiel, sondern auch die Rückkehr unserer Hoffnungen, die Rückkehr zum schönen Spiel. Besonders erfreute ich mich an der Position des Torwarts René Adler, mein Leipziger Landsmann, und die Einwechselung von Sami Khedira, der es nach über 2 Jahren nach seiner ersten Nominierung für die A-Nationalmannschaft geschafft hat, endlich eingewechselt zu werden. Nun ist er ein vollblütiger Nationalspieler, unser Sami, VfB-Mittelfeldspieler, gebürtig aus Bad Cannstatt, Held des Bayern-Spiels und Stuttgarter aus Leidenschaft.
Wollen wir hoffen, dass dieses Spiel keine Ausnahmeerscheinung war, sondern dass sie sich jetzt stetig verbessern, schließlich ist es nicht mehr lange bis zur WM im nächsten Sommer, das wichtigste Qualifikationsspiel gegen Russland steht auch noch aus. Und wir werden eine wache, engagierte und schön spielende Mannschaft brauchen, die uns zum Siege führen soll.
Während ich meinen zweiten Kurzurlaub des Monats August in Stuttgart genoss, stieg die Vorfreude aufs Heimspiel gegen Nürnberg – ein durchaus härteres Kaliber als Freiburg 2 Wochen zuvor. Nach einem schönen Weiberabend bei meiner Freundin Julia frühstückten wir am Samstag Morgen lange und ausgiebig und machten uns dann auf den Weg nach Stuttgart-Bad Cannstatt, inklusive dem neuen Shirt, was ich mir erst gekauft hatte.
Julia verabredete sich mit Bea, ich hatte ein Treffen mit meinen Jungs vereinbart – groß geworden ist es nicht, und außer mir waren auch nicht nur Jungs da. Ich lerne Sandy kennen, die sich vor wenigen Wochen im Forum angemeldet hat. Auf der Treppe vorm Carl Benz Center sitzend wurde wieder fleißig geplaudert, Hauptinhalt war dabei die Champions League Auslosung vom Donnerstag. Wer fliegt wohin, wer ist wo dabei und wer verzichtet aus Zeit- und Geldgründen. Noch wusste ich nichts von meinem nächsten großen Vorhaben nach der Rumänien-Reise.
Mannschaftsaufstellung
Da ich erst recht spät am Treffpunkt war und der obligatorische Schwatz nicht kürzer war als sonst, war ich auch erst recht spät im Stadion drin, obwohl ich noch als erste reinging, die Jungs, Micha und Andy folgten später. Aber die Mannschaftsaufstellung verpassen? Trotz der fehlenden Anzeigetafel auf der Gegenseite zum Ablesen – undenkbar für mich!
Es war durchaus eines der Gründe zum Freuen auf diese Partie: die Stimmung im Stadion gegen Nürnberg ist jedes Jahr bestens, so zumindest die Meinung der von mir Befragten, denn für mich war es ja das erste Heimspiel gegen Nürnberg. Und ich wurde in dieser Hinsicht nicht enttäuscht, die Stimmung war wirklich elektrisierend, ein ständiges Hin und Her. Nun liegt es an den Jungs auf dem Platz, die mit dem Spiel schon längst begonnen hatten, das ganze in einen nächsten Heimsieg umzumünzen.
Trotzdem prima Stimmung!
Im Rückspiel gegen Timisoara nur wenige Tage zuvor war es eher die nichts riskierende Verwaltung des Hinspielergebnisses, doch was sich uns gegen Nürnberg bot, war allenfalls als “entsetzlich” zu bezeichnung. Haarsträubende Fehlpässe, vor Müdigkeit fast einschlafende Spieler – und viel zu viele Chancen für den Gegner. Das sollte jedem klar geworden sein, auch wenn ich mich von dieser entsetzlichen Vorstellung mit dem Schießen von Fotos abzulenken versuchte – vergeblich.
Auch die SMS meines Kumpels Franz (der das ganze von einem Leipziger Sportcafe aus beobachtete), was der VfB denn mache und ob das nicht doch die erste Bundesliga-Heimniederlage seit Markus Babbels Amtsantritt im November 2008 werden würde, machte es nicht wirklich besser, das zu ertragen. Im Gegenteil, sie gehörte zu diesen SMS, die die Welt nicht braucht.
Endlich Halbzeit, also flüchtete ich gerade zu von diesem Kriegsschauplatz der öden Langeweile und traf mich erneut mit Martin, wir konnten uns nun endlich auch darauf einigen, uns in Halbzeitpausen in der Mitte zu treffen, bei den jeweiligen Plätzen in Block 37 und 33 ist Block 35 wie geschaffen – direkt neben den Toiletten, vor der sich eine beachtliche Schlange bei den Damen bildete. Immer dann, wenn es dringend ist.
Mit Hoffnung, es würde besser werden, bin ich wieder an meinen Platz. Und wie im Rückspiel gegen Timisoara blieb meine Hoffnung vergebens. Das kollektive Stöhnen machte sich bei jedem nicht angekommenen Pass breit, die schlechter werdende Laune breitete sich unaufhörlich aus. Eines der wenigen Spiele, die keinen Spaß mehr machen.
Besser als eine Niederlage, aber zufrieden sein mussten wir wohl oder übel mit dem Ergebnis – denn der Nürnberger Pinola vergab zum Schluss die Chance aufs späte Siegtor. Einmal kurz durchpusten, und als ich ausatmete, vernahm ich so einige Pfiffe. Zufrieden war ich selbstredend nicht mit dem Ergebnis, aber zu dieser Phase der Saison zu pfeiffen, das würde ich mir nicht anmaßen.
Später traf man sich wieder beim Otto, mehr oder weniger unglückliche Gesichter. Im TV liefen die ersten Minuten des Spieles Bayern gegen Wolfsburg, ein echtes Topspiel. Bis zum Schluss bleiben konnten wir nicht, halb 8 wollten wir aufbrechen, aber jede Minute wurden den Wolfsburgern die Daumen gedrückt.
Es ist müßig, sich zu fragen, warum wir nicht viertel 8 schon losgefahren sind – denn so werde ich in Erinnerung behalten, dass das einzige Tor, was ich an jenem Tage war, ausgerechnet das von unserem ehemaligen Helden, jetzt Judas und Verräter, Mario Gomez im Bayerntrikot geschossen wurde – Endstand des Spiels: 3:0. Durchaus ein Grund, schlecht drauf zu sein. Aber es wird wieder besser, auch hieran habe ich keinen Zweifel.
04.09.2009 um 16:04 Uhr · Veröffentlicht unter Fussball
Es kribbelt immernoch wie beim ersten Mal: du fährst zum Stadion, läufst durch das Drehkreuz und wenn du Treppenstufen zu deinem Platz hinaufsteigst, weißt du, du bist zwar weit weg von daheim, aber hier bist du zu Hause. Das Neckarstadion (Mercedes-Benz Arena) in Stuttgart ist mein zu Hause – Renovierungsarbeiten werden daher äußerst aufmerksam verfolgt.
Wo vor einigen Monaten noch 15.000 VfB-Fans Platz hatten, klafft nun ein riesiges Loch im Stadion. Die einstige Untertürkheimer Kurve wurde in der Sommerpause zwischen den Saisons 2008/2009 und 2009/2010 abgerissen und bietet nun einen Blick Richtung Bundesstraße und Trainingsgelände.
Die Laufbahn muss weg, so stimmte die große Mehrheit der Fans. Eben jene gehört zwar zu den Dingen, an die man sich schon irgendwie gewöhnt hat, aber eben auch zur Kategorie: Keine Tränen nachweinen. Denn sie war Schuld daran, dass diejenigen, die in den Kurven weiter hinten saßen, am anderen Ende des Spielfelds nur noch wenig erkennen konnten.
Und nicht zuletzt schädigte sie die überaus tolle Stimmung, die sich nicht so leicht auf den Rest des Stadions übertragen kann. Somit wurde beschlossen, die Laufbahn zu entfernen und die Tribünen und Kurven näher ans Spielfeld heranzuführen – mit dem Wissen, dass dies 2 Jahre Baustelle im Neckarstadion bedeutet.
Meinen Platz für Block 37c habe ich nur für diese Saison, bis zum Beginn der nächsten Saison wird die neue Untertürkheimer Kurve fertig sein und alle aus der Cannstatter Kurve werden die Seiten wechseln – dann wird nämlich die Cannstatter Kurve abgerissen, um auch diese neu zu bauen.
Auch, wenn es anstrengend wird und nur noch 39.000 statt 55.500 Menschen hineinpassen und der Gästeblock sich nun in der Cannstatter Kurve befindet, so freuen wir uns doch sehr auf unser neues Stadion, in dem die Stimmung ungehindert ihren Lauf nimmt und wir schönere Stunden erleben, als wir uns erträumt haben.
Grund genug, mich auch mal auf der Baustelle umzusehen. Natürlich wird man da nicht ohne weiteres reingelassen, und auch das Argument, dafür wäre man 500 Kilometer gefahren, zieht nicht unbedingt bei den Bauarbeitern. Aber durch kleine Gucklöcher konnte man den einen oder anderen Blick erhaschen, und mit Fingerspitzengefühl sogar ein paar (Panorama-)Fotos machen.