Es war eine Premiere, die besser hätte nicht laufen können: das erste internationale Auswärtsspiel mit dem VfB auf ausländischem Boden wurde zu einem absoluten Traum, den ich mir (fast) genau so vorgestellt habe.
Nach einer langen Reise über Stuttgart, Amstetten (Österreich) und Szeged (Ungarn) führte mich mein Weg nach Timisoara, der zweitgrößten Stadt Rumänien. Wie die Reise war und was ich mit meinen Mitfahrern erlebt habe, ist natürlich ebenso beschrieben – weiterlesen.
Die großen Flutlichtmasten des “Stadionul Dan Paltinisanu” ragen schon von weitem gut sichtbar in den rumänischen Himmel der untergehenden Sonne. Dort angekommen war mir schon wieder ordentlich warm, denn ich hatte eine dünne Jacke an, um mein darunter befindliches VfB-Shirt zu verbergen, bis wir am Gästeblock angekommen waren, bis dahin war es die klügere Variante, fürs erste inkognito zum Stadion zu laufen.
Und wie bereits gedacht, kamen wir auf der Seite der rumänischen Fans an, und als die weiß-roten Massen in Sicht waren, konnte auch ich endlich die Jacke ausziehen – bei immer noch hochsommerlichen Temperaturen an diesem fortschreitenden Abend war das zwar eine Wohltat, änderte jedoch nichts an der vorherrschenden tropischen Hitze.
Nach der Entledigung von unerwünschten Gegenständen, unter anderem meiner Sonnencreme und meines VfB-Feuerzeugs gingen wir hinein, wo schon einige VfB-Fans da waren und der “rumänische Rest” noch so gut wie unbesetzt war. Uns wurde dann aber auch klar, wieso: die rumänische Uhrzeit ist der deutschen um 1 Stunde voraus, was wir zwar berücksichtigt hatten beim Loslaufen, aber nicht, dass die feste Uhrzeit zur Übertragung um 20:45 Uhr deutscher Zeit ist – und wir somit eine Stunde zu früh am Stadion waren.
Da wir nun aber schon einmal im Stadion drin waren, bekamen wir die eine Stunde auch noch rum, wenn auch mehr oder weniger mit dem einen oder anderen Grummeln von Reinhart. Ich konnte die Zeit zumindest währenddessen sinnvoll für Fotos und ein paar Gruß-SMS nach Deutschland nuzen.
Doch auch diese Zeit ging rum, das Stadion füllte sich immer mehr und die Stimmung war bestens. Als auch mein Kumpel Philipp auftauchte und man sich herzlich begrüßte, wollten Reinhart, Conny und Torsten den Platz wechseln und eine bessere Aussicht haben aus der obersten Reihe. Während mir zunächst mehr an guter Stimmung lag und ich mit Philipp unten beim Stimmungskern bleiben wollte, siegte dann das schlechte Gewissen und ich ging dann doch wieder nach oben zu meiner “Zweitfamilie”, mit der ich schon tausende von Kilometern gefahren war und es nicht nett gewesen wär, hier beim Spiel woanders zu sein.
Die Gänsehaut, die mich beim Abspielen der Champions League Hymne überkam und mir einen positiver Schauer über den Rücken jagte, werde ich wohl nie vergessen: hier stand ich nun, weit über 1.000 Kilometer von zu Hause entfernt beim Champions League Qualifikationsspiel des VfB Stuttgart in Timisoara, der zweitgrößten Stadt Rumänien. Und ja, mir ist durchaus bewusst, dass das absolut verrückt ist.
Das Spiel begann und gleichzeitig mit dem Schiedsrichterpfiff war mir klar, dass ich mit den Fotos und Videos am heutigen Abend sparsam sein musste – nicht des Speicherplatzes wegen, sondern weil ich natürlich keine Batterien mit ins Stadion nehmen konnte. Und wenn ich eines nicht leiden kann, dann sind das erschöpfte Batterien oder volle Speicherkarten mitten im Spiel, wenn man weiß, dass man keinen Nachschub hat.
Dennoch ließ ich es mir nicht nehmen, fleißig Fotos und auch Videos anzufertigen – knapp eine halbe Stunde lang tasteten sich die beiden Teams einander ab, doch dann sollte es Schlag auf Schlag gehen. Nach 28 Minuten wurde unser rumänischer Stürmer Ciprian Marica im Strafraum gefoult – logische Konsequenz: Elfmeter für den VfB Stuttgart, die Spannung im Stadion war greifbar. Timo Gebhart fasste sich ein Herz und vollstreckte, ungeachtet der Zappeleinlage des Torwarts. So weit weg von zu Hause, so weit weg von Stuttgart, im Torjubel ist man doch irgendwie immer vereint.
Während die meisten der mitgereisten Fans noch mit Jubeln beschäftigt waren, offenbarte sich denen, deren Blick sich wieder gen Spielfeld zuwandt, ein einzigartiges Schauspiel: Alex Hleb, unser neuer und alter Held, dribbelte auf der linken Seite in Richtung Tor, ließ dabei 1, 2, 3, 4 rumänische Spieler des FC Timisoara aussteigen und verschaffte ihnen einen Platz in der ersten Zuschauerreihe, für einen absoluten Sahnetreffer. Im Gästeblock gab es nun kein halten mehr, es wurde nicht nur gebrüllt und geschrien vor Freude, man umarmte Fremde Menschen, busselte sich ab, sprang in die Luft und versuchte krampfhaft zu glauben, was hier gerade passiert ist. Keine 120 Sekunden waren seit dem 0:1 vergangen und nun führten wir auswärts äußerst komfortabel mit 0:2. Ich rieb mir die Augen und hoffte, das wäre kein Traum gewesen. Und es war kein Traum, welch unwiderstehliches Solo von Alex Hleb, traumhaft und doch kein Traum.
Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es gut und gerne so weitergehen können, doch der Rest der 1. Halbzeit verlief mehr oder weniger ereignislos, außer dass nun auch die Rumänen vermehrt zu Torchancen kamen, die unser Torwart Jens Lehmann, an diesem Abend erneut mit dem Attribut “Weltklasse”, allesamt entschärfen konnte. Er hielt alles, was es zu halten gab.
Die Halbzeitpause nutzte ich zugleich für ein zweites kurzes Treffen mit Philipp, der daherkam, wie die meisten im Stimmungskern des Gästeblocks: hunderte gutaussehende Männer oben ohne, da sage ich natürlich nicht “Nein”. Kurz geschwätzt, dann ging ich wieder nach oben an meinem Platz mit bester Aussicht über das ganze Stadion, es war immernoch wahnsinnig heiß, auch für die abendlichen Stunden.
Nach der Pause wurde die 2. Halbzeit zum Geduldsspiel, es wollte einfach nicht mehr so gut klappen. Es ist müßig, zu überlegen, wie fantastisch das Spiel noch hätte werden können, wenn Pavel Pogrebnyak in der 56. Minute das 0:3 versenkt hätte, doch abschlachten wollten sie sich nicht, die tapferen Rumänen.
Als die letzten 30 Minuten ebenso torlos waren und bis auf ein paar “Puh, Glück gehabt”-Verschnaufer auch nicht wirklich spannend gewesen sind, lenkte sich mein Hauptaugenmerk größtenteils auf die Fans der beiden Mannschaften. Zusehendst konnte man beobachten, dass die rumänischen Fans vom deutlichen 0:2-Rückstand eher unbeeindruckt waren und ihre Mannschaft fleißig nach vorne peitschten, ein schönes Schauspiel. Und auch der gut gefüllte Stuttgarter Gästeblock machte eine gute Stimmung im Stadion, ungeachtet dessen, dass die Gegenseite die Fangesänge ohnehin nicht verstehen könnte.
Nach 90 Minuten, von denen 1 Stunde plus Halbzeitpause wie im Fluge vergingen, vorbei waren, rollte eine Welle der Glückseligkeit durch den Gästebereich. Es war geschafft, der wichtige Auswärtssieg mit 2 geschossenen und keinen kassierten Toren, das war schon die halbe Miete. Ausgelassen feierten wir die Jungs, als sie am Ende des Spiels zu uns in die Kurve kamen und sich für die tolle und vor allem zahlreiche Unterstützung bedankten, unter anderem mit in die Menge geworfene Trikots, die aufgrund meines Platzes unerreichbar waren.
Es folgte die obligatorische Blocksperre, die bei allen internationalen Spielen auf Vereinsebene Anwendung findet, und so wurde auch in diesem Falle der Gästeblock bis eine halbe Stunde nach Abpfiff verschlossen gehalten. Auch wenn wir wieder nach Hause fahren wollten nach dieser langen, ereignisreichen Reise durch Europa, so bin ich doch dankbar für diese Blocksperre, denn ich konnte sie im doppelten Sinne genießen.
Während der 2. Spielhälfte sah ich einige Reihen vor mir einen jungen Mann mit einer professionellen Fotokamera, der Fotos vom Stimmungskern des Gästeblockes machte und verschiedene Perspektiven ausprobierte. Er kam mir bekannt vor, ich war mir jedoch nicht sicher – doch statt zu warten, bis ich wieder daheim bin und es mir später per E-Mail bestätigen zu lassen, dass er es war und ich mich vermutlich maßlos geärgert hätte, zückte ich mein Handy und schrieb demjenigen eine SMS. 30 Sekunden und ein kurzes Handy-Piepsen später herrschte Gewissheit. Während der Blocksperre machte ich mich auf die Suche nach ihm und fand ihn auch. Fast 2 Jahre hat es mit dem ersten Treffen gedauert, war er doch der Einzige, der einst Fotos vom Gästeblock meines ersten VfB-Spiels in Berlin hatte und man seitdem in E-Mail-Kontakt stand.
Darüber hinaus war es überaus schön zu beobachten, was zwischen den Fanblöcken von Timisoara und des VfB Stuttgarts passierte. Die heimische Fankurve der Rumänen blieb trotz des frustrierend anmutenden Ergebnisses aus Sicht des rumänien Vizemeisters, bis lange nach dem Abpfiff gut gefüllt. Und da die VfB-Fans ohnehin noch nicht aus dem Block rauskonnte, lieferten sie sich ein unablässiges Hin- und Her der Fangesänge, die gegenseitig geduldig angehört und ausgiebig beklatscht wurden, was ein zartes Band der Sympathie zwischen beiden Fan-Lagern knüpfte. Mit dem letzten Fangesang der Stuttgarter öffneten sich die Tore des Gästeblocks: “Wir wollen jetzt weiterfahrn, wir wollen jetzt weiterfahrn, wir wollen, wir wollen, wir wollen jetzt weiterfahrn!”.
Am 12.06.2009, 2 Tage vor meinem 23. Geburtstag, klingelte kurz nach um 12 Uhr mittags mein Telefon. In schönstem schwäbischen Dialekt wurde mir mitgeteilt: “Du darfst dich jetzt offiziell ‘Dauerkartenbesitzerin‘ nennen!”. 7 schöne Worte, deren erstmalige Erfüllung noch knapp über 2 Monate auf sich warten ließ: das erste Heimspiel der Saison 2009/2010. Endlich war es soweit.
Das erste Heimspiel wurde sogleich zum “neuen Derby”, nach Karlsruhes Abstieg in die 2. Liga ist Freiburg im Badnerland als Zweitliga-Aufsteiger unser neuer Konkurent im Kampf um den Titel “Die Nummer Eins im Ländle”. Und auch sonst war es weit mehr als ein “normales Heimspiel”, es sollte nicht nur der Auftakt in meine erste Dauerkartensaison sein, sondern zu gleich der Startpunkt zu einer 5-tägigen Europareise, die mich auf meinem Weg durch ganz Deutschland, Österreich und Ungarn nach Rumänien führte. Aber dazu an anderer Stelle.
Seit 2007 ist es eine junge Tradition, die Heimspielsaison mit der “Karawane Cannstatt” zu starten, ein riesiger Fanumzug durch die Straßen des Stuttgarter Stadtteils Bad Cannstatt, der sich jedes Jahr einer wachsenden Gemeinde erfreuen kann. In dem Bestreben, auch dieses Erlebnis mitzunehmen, ging es schon frühs um 7 in Grimma bei Leipzig los in Richtung Stuttgart, damit man auch rechtzeitig da ist.
Eindrücke von der Karawane Cannstatt
Daraus wurde wegen Stau allerdings nichts, jedenfalls dachte ich das zunächst – meinem Stammfahrer Reinhart habe ich es zu verdanken, dass ich doch noch dabei sein konnte, in dem er absichtlich den Weg der Karawane kreuzte und ich aus dem Auto aussteigen konnte – während er selbst eine halbe Stunde des Wartens meinetwegen in Kauf genommen hatte.
Schnell holte ich die Karawane von hinten ein, machte meine Fotos und Videos und genoss die herrliche Atmosphäre, dass es endlich wieder losgehen konnte. Auf den letzten Metern schritt ich mitsamt den Hunderten voran bis zum Stadion. Zu guter letzt wollte der Mannschaftsbus des VfB an uns vorbei, bereitwillig, wenn auch langsam, machten wir Platz und bejubelten unsere Helden im Vorbeifahren, denen unser ganzer Stolz gebührt. Und auch, wenn man durch die abgedunkelten Scheiben kaum etwas sehen konnte, der eine oder andere wird sicherlich geschmunzelt haben bei diesem Anblick eines bestens gelaunten weiß-roten Fan-Meeres.
Am Stadion angekommen ging es am Fancenter sogleich die altbekannten Treppenstufen in Richtung Palm Beach, wo ich die Erste war zum ersten Heimspiel-Treffen mit meinen Leuten vom Forum tooor.de. Kumpel Phillip konnte gleich seine Wette einlösen, die er verloren hatte – als vor einigen Wochen das Transfergerücht “Klaas-Jan Huntelaar zum VfB Stuttgart?” immer größere und euphorischere Kreise zog, befürchtete ich zunächst, es würde nicht klappen, Phillip hielt dagegen. Am Ende wäre es mir lieber gewesen, wir hätten diesen Stürmer bekommen und ich hätte meine Wetter verloren – so stießen wir an mit unserem Wetteinsatz: Pulle Wulle. Und dann wurde es auch langsam Zeit.
Es heißt immer “Das erste Mal vergisst du nie” – so viele Dinge, gerade in Bezug auf den Fußball, habe ich in den letzten 3 Jahren kennen und lieben gelernt. Der Moment, das erste Mal die eigene Dauerkarten an den Scanner zu halten und durch das Drehkreuz zu laufen, gehört zweifelsohne mit dazu. Die Band Juli hat es in Strophen und Refrain gefasst: “Ich bin viel zu weit gegangen, um jetzt zurück zu gehen; ich habe viel zu viel gesehen, zu spät um umzudrehen”.
Das erste Mal mit der eigenen Dauerkarte durch den Eingang, das erste Mal dem Ordner am Eingang lässig das Plastikkärtchen zeigen. Ganz und gar nicht neu: die Treppenstufen zum Platz hinaufgehen, den ersten Blick ins weite Rund werfen. Ich war hier bei weitem nicht zum ersten Mal – aber es ist immer noch die fesselnde Leidenschaft wie damals. Nirgendwo sonst wollte ich nun lieber sein als hier, im geliebten Stadion in Stuttgart-Bad Cannstatt.
Schnell suchte ich meinen Platz in Block 37c in Reihe 44, denn recht bald ging es auch schon los, mit dem üblichen Programm: Mannschaftsaufstellung, das letzte Warmsingen bevor die Mannschaften den Rasen betraten unter dem tosenden Beifall Zehntausender, denen die Sommerpause und die damit verbundene Trennung vom Heimstadion ebenso lang vorkam wie mir.
Schon ein eigenartiger Anblick, wie die Untertürkheimer Kurve auf einmal nicht mehr vorhanden war und stattdessen einen freien Blick nach draußen in Richtung VfB-Trainingsgelände freigab. Bis zum Beginn der Saison 2011/2012 würde unser Stadion endlich fertig sein, doch bis dahin geben Mannschaft und Fans alles – auch wenn die Zuschauerzahl bis auf weiteres statt 55.000 nur 39.000 fassen wird. Und auch die Tatsache, auf einer Baustelle zu spielen: ich freute mich, wieder hier zu sein. Die Trillerpfeife des Schiedsrichters läutete es ein, das erste Heimspiel der Saison 2009/2010 – auf gehts Stuttgart, kämpfen und siegen!
Grund für den Umbau sind die Belange des Fans: eine Tartan-Laufbahn ums Spielfeld herum sorgt dafür, dass die Zuschauer allesamt recht weit vom Spielfeld entfernt sind. Diese soll wegkommen und Fans und Spieler näher zueinander bringen. In diesem Zuge wurde das Spielfeld in der Sommerpause tiefer gelegt, die Untertürkheimer Kurve wurde abgerissen und wird in den nächsten Monaten näher am Spielfeld neu aufgebaut. In der nächsten Sommerpause wird diese fertig sein und die Fans aus der Cannstatter Kurve, inklusive meiner Wenigkeit, wird umziehen auf die Gegenseite und das Spiel beginnt von vorne. Wir dürfen gespannt sein, ich freue mich sehr auf das neue Stadion und die damit verbundene noch bessere Stimmung im Stadion, die sich bisher im weiten Rund ein wenig verloren hatte.
In den ersten 45 Minuten wollte nicht ernsthaft etwas zusammenlaufen auf dem Rasen – Fehlpässe und nicht genutzte Torchancen sorgten für steigendes Unwohlsein. Denn jeder weiß, dass es einem durchaus auf die Füße fallen kann, wenn man vorne die Tore nicht macht. Dann kassiert man sie nämlich hinten, wie die Erfahrung schon oft gezeigt hat, zuletzt in Wolfsburg, eine Woche zuvor. Es wurde zum Geduldsspiel und bis zum Beginn der 2. Halbzeit war es das größte Highlight, meine Freundin Julia und deren Schwester Lena in der Halbzeitpause zu treffen. Voller Hoffnung, es würde im letzten Durchgang besser werden, nahm ich dann wieder meinen Platz ein – und ich sollte nicht enttäuscht werden.
Kaum waren die ersten 7 Minuten gespielt, so durfte ich endlich erstmals jubeln. Nahezu “selbstredend” hielt ich mit meiner altbewährten Digitalkamera aufs Spielfeld. Ich weiß es noch als wäre es gestern gewesen: Eine Ecke von Elson landete per Verlängerung bei unserem alten und neuen Helden Alex Hleb, der in einer fantastischen Bewegung den Ball weiterleitete an Arthur Boka, der genau wusste, wie er nun laufen musste. Eine kurze Flanke und auf dem nun aufgezeichneten Video ist nur “G & G” zu hören und zu sehen: Geschrei und Geschüttel. Unser Stürmer-Neuzugang Pavel Pogrebnyak vollstreckte und erzielte im ersten Heimspiel sogleich sen erstes Tor für den VfB. So konnte es weitergehen. Und meine Gebete wurden erhört.
Weitere 12 Minuten vergingen, die im Vergleich zu den ersten torlosen 45 wie im Fluge vergingen. Torschütze Pogrebnyak wurde im Strafraum gefällt – später erfuhr ich, dass es wohl kein einwandfreier Elfmeter war, aber diesen nahmen wir natürlich dankbar an. Ich sah ja auch nur das, was 39.000 Menschen im Stadion sahen: Strafraum, Foul, Sturz, Pfiff. Elson, der schon einige wichtige Tore schoss, war selbstbewusst genug, den Strafstoß zu verwandeln, was er aus eiskalt tat. Somit stand es nach 65 Minuten 2:0 für den VfB, und das Spiel war ja immer noch nicht vorbei.
Eines ist klar: wenn ich vorher gewusst hätte, wie spannend dieses Spiel werden würde, ich hätte mir Herztabletten mitgenommen, soviel ist sicher. Die darauffolgenden Minuten wurden zum Auf und Ab der Gefühle: nur 5 Minuten nach unserem komfortablen 2-Tore-Vorsprung erzielten die Freiburger das 2:1-Anschlusstor, die Nervosität, die sich daraufhin schlagartig im Stadion ausbreitete, war von dieser unheimlichen, kalten Sorte. Glücklicherweise war das kein allzu langer Zustand, denn im direkten Gegenzug erzielte der Mann des Tages, Elson, das 3:1. Das Stadion wurde endgültig zum Tollhaus, denn es war ein derart schönes Traumtor, zum Zunge schnalzen schön. Ich hatte noch keine Gelegenheit, es mir genau anzuschauen, aber ich sah es im Stadion schon, wie schön dieses Tor war: Elson zog ab aus 27 Metern, der Ball wurde länger und länger um sich dann hinter dem Torwart so schnell zu senken wie ein Stein. Eine Ehre, bei so einem Treffer live dabei gewesen zu sein.
Wieder 10 Minuten später machten es die Freiburger erneut spannend und machten sogar noch das 3:2. Es war zum verzweifeln, die heimischen Fans machten das Stadion zum Hexenkessel und peitschten unsere Mannschaft nach vorne, immer weiter, immer weiter, immer weiter. Nach einer 2:0-Führung in der Situaion sein, noch das 3:3 zu befürchten, absolut nicht auszudenken, zumindest nicht im Derby.
Der Support der VfB-Fans zeigte durchaus seine Wirkung. Zu meinem Kumpel Marc, der neben mir saß, meinte ich nach dem 3:1 noch voller Euphorie: “Pass auf, der Schieber macht in der 90. Minute auch noch ein Tor”. Kurz vor Schluss, in der 89. Minute war es dann auch tatsächlich unser junger Julian Schieber, der zum 4:2-Endstand erhöhte und dem VfB dem Derbysieg endgültig klar machte. Jede Anspannung, Nervosität und Panik, die uns von den Anschlusstreffern zum 2:1 und 3:2 in den Knochen war, fiel schlagartig von uns ab und wir feierten unsere Mannschaft und uns selbst ausgelassen als die Nummer eins im Ländle. Und jene Siege sind und bleiben nun einmal die schönsten in der Saison.
Nach dem Spiel ging es wieder zum Otto, wo noch ein wenig gefeiert wurde. Doch dann war es auch schon wieder Zeit zu gehen, denn ich hatte noch etwas vor am Abend. Doch erst einmal wurde Quartier bezogen in der Jugendherberge Stuttgart – von wo aus ich am nächsten Morgen zu großen Taten aufbrechen wollte. Die Reise ging weiter – weiterlesen.
30.08.2009 um 18:51 Uhr · Veröffentlicht unter Allgemein
Tage wie diese vergisst du nie, die du derart genossen hast und die vollends erfolgreich gelaufen sind. Tage wie diese sind der Grund, warum du Fußballfan bist. Nun ist es zwar schon wieder ein paar Tage her, aber diese lange Reise ist noch sehr gut im Gedächtnis haften geblieben. Wo ich hingefahren bin? Zuerst nach Stuttgart zum Bundesligaspiel gegen den SC Freiburg über Amstetten (Österreich) und Szeged (Ungarn) nach Timisoara (Rumänien), zum Champions League Qualifikationsspiel. Ungeachtet dessen, dass das manche als “Hardcore” bezeichnen würden, das war die tollste Reise meines Lebens.
Tag 1: Stuttgart
Samstag, 15.08.2009, Abfahrt 7:25 Uhr
Kilometerstand: 3500 km
Los ging es am Samstag, den 15.08.2009 um 6:30 Uhr morgens in Richtung Grimma, von wo aus wir in Richtung starten wollten. Torsten aus Weißenfels und André aus Halle (nicht wirklich ein Fußballfan) holten mich am Leipziger Hauptbahnhof ab. In Grimma angekommen konnte sie losgehen, die lange Reise. Erstmals fuhren wir allemann mit dem neuen Mercedes Viano meines VfB-Stammfahrers Reinhart und dessen Frau Conny. Also alle an Bord: Reinhart, Conny, deren gemeinsame Tochter Olivia, André, Torsten und Ich – und das viele Gepäck natürlich, was unter größter logistischer Herausforderung gut im Kofferraum verstaut wurde.
Zunächst führte uns unser Weg nach Stuttgart, wo wir das spannende Bundesliga-Heimspiel gegen den Aufsteiger SC Freiburg anschauten und wir mit einem saftigen und höchst nervenaufreibendem 4:2 belohnt wurden und ich zuvor noch bei der Karawane Cannstatt (oder zumindest einem Teil davon) mitgelaufen war – weiterlesen.
Am Abend traf ich mich noch mit Janine und Renate sowie ein paar von deren Freunden, wir verbrachten noch einen netten Abend beim Stuttgarter Sommerfest. Im Schlossgarten waren überall Getränke- und Essensstände, Terassen, Liegewiesen und etliche Bühnen für Bands aufgebaut und eingerichtet. Natürlich machte es sehr viel Spaß – zumindest bis zum Zeitpunkt, als ich mich vor Erschöpfung nicht mehr auf den Beinen halten konnte und immer schwächer und schwächer wurde und der Abend dann für mich gelaufen war.
Einquartiert in der Jugendherberge in Stuttgart sollte es nach einem leckerem Frühstücksbuffet und dem Tanken frischer Kräfte weitergehen.
Tag 2: Amstetten (Österreich)
Sonntag, 16.08.2009, Abfahrt 9:41 Uhr
Kilometerstand: 3993 km
Weiter ging es nach Amstetten in Österreich (etwa 130 km und anderthalb Stunden westlich von Wien), wo wir ebenfalls übernachten wollten.Noch war es aber zu früh, um schon unsere Herberge zu beziehen, also was tun mit der freien Zeit? André, technisch versierter Spezialist und “Mädchen für Alles” hatte ein Navigationsgerät dabei, was uns Sehenswürdigkeiten und Anlaufpunkte für Kultur und Freizeit mit anzeigt, somit war ein schönes Freibad schnell gefunden, in dem wir den Nachmittag verbrachten.
Als es sich ausgebadet hat und jeder mehr oder weniger platt war, durften wir im Schloss Ulmerfeld einchecken, von außen alt, von innen topsaniert – ich war offiziell beeindruckt. Der riesige Burggraben ringsherum war schon längst Nährboden für viele Bäume geworden, die meterlang in den Himmel ragten und dem ganzen optisch ein fantastisches Flair verliehen haben.
Begrüßt wurden wir vom traditionellen Burgfräulein, nicht älter als 25 Jahre, die uns auf die Zimmer aufteilte und ich mit einem Einzelzimmer einen traumhaften Jackpot gezogen habe. Die Zimmer waren spartanisch eingerichtet, aber sehr sauber, hell und freundlich.
Uns allen grummelte schon der Magen, es wurde höchste Zeit für ein gutes Abendessen. In der Nähe des Schlosses trafen wir auf Einwohner, die uns das Gasthaus Graf in Winklarn empfohlen haben, gut zu erreichen mit dem Auto. Also alle wieder rein in den Viano und losgefahren. Schön abgelegen saßen wir in einem gemütlichen Biergarten, aßen und tranken und planten schon einmal vor für den nächsten Tag in Ungarn. Abends hatten wir das Schloss für uns allein, keine weiteren Gäste waren anwesend. Zu einer sturmfreien Partynacht reichte allerdings die Kraft nicht mehr. Es ist in jedem Falle äußerst bequem und entspannend, ein Einzelzimmer bei einer Übernachtung zu haben. Nach einer schönen Dusche und dem darauffolgenden Frühstück am nächsten Morgen verließen wir das Schloss Ulmerfeld und mussten weiterziehen.
Tag 3: Balaton und Szeged (Ungarn)
Montag, 17.08.2009, Abfahrt 8:40 Uhr
Kilometerstand: 4567 km
Ich könnte darauf schwören, das meine Eltern vor Neid fast geplatzt sind. In meinem Alter hatten sie bestimmt mal davon geträumt, Urlaub am Balaton (bzw. Plattensee) in Ungarn zu machen, dessen bin ich mir sicher. Ganze 10 Jahre nach dem Fall der Mauer marschiere ich also vorneweg und lebe den unerfüllten Traum vieler ehemaliger DDR-Bürger und machte Zwischenstation am Lieblings-Urlaubsort der Ostdeutschen.
Für einen Tag in Balatonfüred am Balaton erwischten wir perfektes Wetter: Sonne, Sonne und nochmal Sonne. Und dieses Mal habe ich sogar an die Sonnencreme gedacht. Und diese hatte ich auch bitter nötig, besonders versessen auf Verbrennungen 2. Grades war ich jedenfalls nicht. Ein schönes Plätzchen mit genügend Anteilen an Sonne und Schatten hatten wir recht schnell gefunden, und für rund 2 Euro Eintritt pro Person war das im Vergleich zu deutschen Seen und Bädern ein echtes Schnäppchen.
Das Wasser war herrlich und ging sehr lange sehr flach ins Tiefe über. Einziger Wermutstropfen: wo deutsche Seen mit Algen zu kämpfen haben, hatte auch der Balaton etwas Ähnliches, aber für meine Begriffe Unangenehmeres zu bieten: es war zwar eine Art Alge, aber nicht glatt und glitschig, sondern rauh und kratzig, das von mir “Kraut” genannte Zeug wickelte sich gelegentlich um den Knöchel, was zumindest keine feine Sache, in Anbetracht der Natürlichkeit des Plattensees durchaus zu verschmerzende Sache.
Und wenn ich mich mal nicht in die stillen Fluten gestürzt habe, habe ich mich abwechselnd eingecremt und gesonnt, was durchaus seine Wirkung zeigte: der zu vermeidende Sonnenbrand blieb aus, stattdessen bekam ich etwas, was ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe – so etwas wie eine Bräune auf der sonst so bleichen Haut, deren Tönung man allenfalls als “Programmierer-Weiß” bezeichnen kann.
Als auch hier jeder ausreichend Eindrücke gesammelt, genug gebadet und reichlich gesonnt hatte, packten wir wieder unsere Sachen und stiegen wieder in den von der Sonne aufgeheizten Viano, in dem die kleine Olivia nicht einmal 10 Minuten brauchte, um in einen langen, friedlichen Schlaf zu fallen, bis wir am späten Nachmittag die Stadt Szeged, nahe der ungarisch-rumänien Grenze erreichten.
Dort angekommen lotste uns erst einmal Andrés Navigationsgerät falsch – doch einen Vorwurf kann man der Technik hierbei nicht zwingend machen, gab es in Szeged doch zweierlei: das “Tisza City Hotel” und das “Tisza Sport Hotel”, wo wir für letzteres eine Reservierung für unsere letzte Übernachtung hatten. Wir landeten zuerst in ersterem, eine noble Hütte, die zu schön gewesen wäre, um wahr zu sein. Mein Verdacht, am Ende in einer Bruchbude zu landen, bestätigte sich dann leider auch, das “Tisza Sport Hotel” reicht allenfalls, um entweder erschöpft genug oder betrunken genug zu sein, um es nicht vollends ertragen zu müssen – und wir waren weder das eine noch das andere.
Über diese Unzulänglichkeiten und eine etwas lockerer gesehene Interpretation des Wortes “Sauberkeit” sahen wir für die letzte Übernachtung hinweg und gingen stattdessen in der Innenstadt etwas essen, was uns für unser Quartier entschädigte. Ein sehr schönes Restaurant servierte uns auf der Terrasse eine super Abendessen, und dank der Nähe zum Straßenbahn- und Busbahnhof war auch eine teilweise ungemütlich gelaunte Olivia beschäftigt – neuerdings winkt sie nämlich so gut wie jedem hinterher.
Gut gesättigt drückten wir dann bei unserem Quartier das eine oder andere Auge zu und überstanden auch die letzte Nacht. Das durchaus reichhaltige Frühstücksbuffet, was im Preis von an sich unverschämten 25 Euro mit enthalten war, ließen wir uns gut schmecken und reisten recht schnell wieder ab, die letzte Station unserer Europareise wartete bereits auf uns.
Tag 4: Timisoara (Rumänien)
Dienstag, 18.08.2009, Abfahrt 9:25 Uhr
Kilometerstand: 5204 km
Ein weiter Weg war es wahrlich nicht: nach einer geschätzten Stunde erreichten wir schon die ungarisch-rumänische Grenze. Wie zu erwarten, gab es dort noch Zollkontrollen, die es an den an Deutschland anliegenden Grenzpunkten ins europäische Ausland nicht mehr gibt. Nach dem prüfen unserer Personalausweise kam eine Mitarbeiterin der Zollkontrolle um das Auto gelaufen, öffnete die große Schiebetür des Vianos, war einen kurzen Blick und schockierte uns Mitreisende mit den 2 Wörtern: “Kinder Passport”. Denn eben jenen hatten wir für Olivia nicht dabei.
Mit ruhigen Worten und Erklärungsversuchen in einem Mix von Deutsch, Englisch und der Verständigen mit Händen und Füßen, war leider keiner zur Vernunft zu bringen, weswegen wir an die Seite fahren und warten musste. Quälend lange Minuten, in denen uns die 10 Busse, die in Stuttgart am Vortag um 18 Uhr aufgebrochen sind, einholten und die Grenze passierten. Erst als ein halbwegs deutsch sprechender Zollbeamter aufzutreiben war, dem wir die Geschichte schilderten, Fotos von der kleinen im VfB-Dress mit ihren Eltern zeigten, erweichte sein Herz und er ließ uns ohne Kinder-Reisepass weiterfahren.
Das war noch einmal ordentlich Aufregung für alle Beteiligten, insbesondere Reinhart und Conny, die jetzt hoffentlich daraus gelernt haben und entweder einen Kinder-Reisepass für die nächste Reise anfertigen lassen oder Olivia zumindest im Personalausweis eintragen lassen. So konnten wir dann doch noch weiterfahren.
Neben Ungarn hat auch Rumänien eine eigene Währung, somit waren wir noch einmal zum Umtauschen gezwungen. In der ersten Stadt hinter der rumänischen Grenze, die wir nur mit Glück doch noch passieren durften, wollten wir ein paar Euro umtauschen. Dort trafen wir auf der Suche nach einer Bank den lustigerweise Deutsch sprechenden Bürgermeister des hiesigen Ortes Cenad, der uns mit seinem klapprigen und rostigen Mofa vorausfuhr und uns zu einer guten Geldwechselstelle fuhr, vor der wir noch ein Erinnerungsfoto gemacht haben, was wir ihm später per E-Mail oder Post zukommen lassen wollen.
Dann endlich angekommen in Timisoara, der zweitgrößten Stadt Rumäniens (nach Bukarest), sahen wir alte und heruntergekommene Häuser, alte Autos, aber auch hier und da Reklame von modernen Produkten und Firmen, die man auch hier in Deutschland kennt. Bei der Suche nach einer guten Beschäftigung für die nächsten paar Stunden bis zum großen Spiel in der Champions League Qualifikation gegen den hier heimischen FC Timisoara, wurde im Kollektiv erneut die Entscheidung “Freibad” kund getan. Schon wieder baden – aber warum eigentlich nicht, waren es doch wieder sommerliche Temperaturen. Doch diese rumänische Hitze an jenem Dienstag Nachmittag gehört eher in die Kategorie “Glut-Ofen”.
Ohne der Landessprache mächtig zu sein ein Freibad zu finden, wurde für uns alle zum Erlebnis. Wir fragten viele Leute, die meisten konnten weder mit Deutsch noch Englisch etwas anfangen, doch als Reinhart Schwimmbewegungen nachahmte, vermochten uns zumindest ein paar wenige zu helfen – deren Angaben über Entfernungen, Kreisverkehre, Kreuzungen und der Unterscheidung von Rechts und Links waren jedoch teilweise mehr oder weniger weit auseinander.
An einer Kneipe versuchten wir noch einmal unser Glück und fanden jemanden, der vorne weg fuhr und uns zu einem modernen Schicki-Micki-Beach Club fuhr. Mag sein, dass das seine Vorstellung von Freibad war, ich nahm das ganze eher kritisch beäugend in Kauf, machte mir aber dennoch einen schönen Nachmittag mit meiner “Zweitfamilie”, wenn auch unter Dauerbeschallung mit Techno-Musik, was den wenigsten von uns voll und ganz zusagte, aber jetzt noch ein anderes Freibad zu finden, wollten wir uns dann allerdings doch nicht antun.
Die Stunden vergingen, die Aufregung stieg, nicht mehr lange bis zum Beginn meines ersten VfB-Auswärtsspiels im Ausland. Am späten Nachmittag fuhren wir zurück zu der Kneipe, in der wir wegen des Freibades nachfragten und uns jemand vorausfuhr stellten den Viano ab. Nach einem Abendessen liefen wir gemeinsam zum Stadion, André und Olivia blieben in der Kneipe, oder vielmehr: im Biergarten. Die übrigen Legionäre besuchten das Champions League Qualifikationsspiel gegen den FC Timisoara – weiterlesen.
Tag 5: Heimfahrt
Mittwoch, 19.08.2009, Abfahrt 1:05 Uhr nach dem Spiel
Kilometerstand: 5350 km
Nach dem Auflösen der Blocksperre, als auch wir aus dem Stadion rauskonnten und heimfahren wollten, holten wir noch André und eine mittlerweile schlafende Olivia in der Kneipe ab und stiegen wieder ins Auto ein. Wir waren alle Müde, obgleich des Adrenalins, das den Spielbesuchern in den letzten Stunden durch die Adern geströmt ist. Alle waren glücklich und zufrieden und es konnte wieder zurückgehen nach Hause.
Es war ein organisatorischer Fehler, die Heimreise die Nacht hindurch ohne Zwischenstopp zu planen. Nachdem wir Nachts um 1 aus dem Stadion rauskamen, fuhren wir die Nacht durch über Ungarn und Tschechien. Das war nicht nur unbequem für die Mitfahrer, sondern auch insbesondere anstrengend für Reinhart als Fahrer. In Tschechien machten wir in der Nähe von Prag einen ersten Boxenstopp und genehmigten uns ein paar Brötchen, das erste Recken und Strecken des Tages.
Erneute Pause machten wir in Dresden bei einem McDonalds, wo wir uns alle einen Kaffee (und dessen zahlreiche Sorten) genehmigten: ob schwarzer Kaffee, Milchkaffee, Cappuchino, jeder wusste, wie er am leckersten und effektivsten zu neuen Kräften kommt. Und die kleine Olivia? Sie darf zwar noch keinen Kaffee trinken, wurde aber durch die Kinderrutsche auf der Terrasse von McDonalds ganz automatisch von alleine putzmunter.
Gegen Mittag kamen wir dann in Grimma an, alle zwar noch mehr oder weniger mit der Anstrengung der letzten Tage in den Knochen, aber alle glücklich und zufrieden – ausnahmslos! Ein letztes Mal die Reisekosten durchrechnen und nachdem die letzten Scheine ihren Besitzer gewechselt haben, war es Zeit zum Durchpusten. Geschafft.
Ein letztes Abschlussfoto zur Erinnerung und für den Reisebericht, den ich nun noch für alle anfertigen möchte, dann war es Zeit, fürs Erste “Auf Wiedersehen” zu sagen. Man wird sich ohnehin sehr bald wiedersehen. Torsten fuhr mich noch nach Hause, und auch wenn es ein wahnsinnig schöner Urlaub war, der sich in so gut wie allen Belangen voll und ganz gelohnt hat, so war es auch schön, wieder daheim zu sein. Keine 5 Minuten später war die Kamera zur Bildübertragung bereits am Rechner angeschlossen.
Sie kann elendig lang werden, und je mehr man mit Leidenschaft für diese Sache lebt, desto länger und länger kommt sie einem vor: die Sommerpause. Jedes Jahr aufs Neue tritt sie auf den Plan, wir können sie nicht aufhalten und das Füllen des Sommerlochs ist auch nicht immer das, was man gerne hören, sehen und lesen möchte. Nach (zu) vielen Wochen fußballfreier Zeit konnte sie aber endlich beginnen, die Bundesligasaison 2009/2010. Meine offiziell erste Saison als Dauerkartenbesitzerin des VfB Stuttgart 1893 e.V. – allein das geht schon runter wie Öl.
Noch bevor ich das erste Mal voller Stolz die eigene Dauerkarte an den Scanner der Mercedes-Benz Arena in Stuttgart halten konnte, sollte mich mein Weg zunächst an einen weniger geliebten Ort führen: Auswärtsspiel in Wolfsburg zum Bundesliga-Auftakt, eines von 3 Paarungen die ich flehentlich nicht als Auftaktspiel wollte – aber auf mich hört ja keiner.
Den Weg nach Wolfsburg kenne ich mittlerweile schon ganz gut. Theoretisch gesehen kommt man über die A14 bis Magdeburg und fährt dann auf die A2 bis man nach knapp 2 Stunden Fahrt an der Volkswagen Arena in Wolfsburg ankommt. Praktisch gesehen fährt man mit zittrigen Knien hin und hofft, man möge nicht wieder abgeschlachtet werden wie die letzten beiden Male im Mai und November 2008.
Ungeachtet dessen, was einen wohlmöglich erwartet, fährt man frohen Mutes hin und stellt sich der Herausforderung. Das Spiel sollte in 181 Ländern der Erde live übertragen werden, ausverkauftes Stadion, das erste Bundesligaspiel nach der Sommerpause, die beste Mannschaft der letzten Saison empfängt die drittbeste Mannschaft, Meister 2009 trifft auf den Meister 2007, der VfB-Ex-Trainer stellt sich dem Duell mit seiner Ex-Mannschaft, es sprach viel für einen heißen Fußballabend.
Umso nervöser wurde ich, als sich ein Stau bemerkbar machte und wir später als erwartet am Stadion ankamen. Noch in der Warteschlange am Gästeblock traf ich Pascal wieder, den ich einst bei einem Mannschaftstraining in Stuttgart kennengelernt hatte, wir hatten uns verabredet für dieses Spiel, und bei der wenigen Zeit, die noch bis zum Anpfiff blieb, war ich froh über jede Minute, die man noch schwatzen konnte, und das sind wahrlich nicht viele Minuten gewesen.
Nicht nur der Weg nach Wolfsburg, auch der Weg zu meinem Platz war mir nicht neu, schon beim Auswärtsspiel im November nannte ich eine Stehplatzkarte für Block 29 im Gästebereich mein eigen. Auch wenn ich wusste, dass der Stimmungskern der mitgereisten VfB-Fans diesmal woanders sein würde, ich entschied mich aus finanziellen Gründen für eine Investition von “nur” 15 Euro. Hauptsache dabei, oder?
Kaum war ich Treppenstufen hochgestiegen, bekam ich bereits einen Schreck: Block 29 war schon pickepacke voll, keine Chance mehr, hinein zu kommen. Um überhaupt etwas zu sehen, stellte ich mich hinten auf die letzte Reihe der Stehränge, während die ersten Minuten der traditionellen Eröffnungsfeier von Statten gingen wusste ich sofort: das wird morgen erst richtig weh tun. Die Stimmung des Gästeblocks zu genießen war jedoch das allerwichtigste an diesem Abend – oder das zweitwichtigste, ein gutes Spiel mit entsprechend gutem Ergebnis wären nicht weniger wichtig gewesen.
Nachdem uns der Unaussprechliche in Richtung München verlassen hat, dachte jeder, wir würden jetzt einbrechen – doch wir haben und im letzten Moment gut verstärkt, haben Alex Hleb nach Hause geholt und den russischen Nationalstürmer Pogrebnyak verpflichtet, zumindest ein sehr guter Anfang. Und siehe da, die erste Halbzeit des Spiels war sensationell, 2 Mannschaften auf Augenhöhe, es war eine Augenweide. Beide Mannschaften schenkten sich nichts, es machte wirklich Spaß, dabei zu sein. So konnte es weiter gehen, das 0:0 zur Halbzeitpause nur eine Momentaufnahme, da waren sich die Fans beider Mannschaften unzweifelhaft sicher.
Es dauerte ganze 71 Minuten, bis gejubelt werden durfte – man mag von Pessimismus und Angst im Voraus halten was man will, aber “Ich habs befürchtet” trifft es wie der Nagel auf den Kopf. Mit einem Sonntags- oder vielmehr Freitagsschuss schlug der Schuss von Wolfsburgs Spielmacher Zvjezdan Misimovic unhaltbar für Jens Lehmann im Gehäuse ein. Und wieder war sie da, die Schockstarre. In diesem Stadion kannte ich sie nur zu gut.
Die Abwehr unseres Vereins für Bewegungsspiele wackelte letztendlich immer mehr, eine schnelle Stabilisierung schien nicht in Sicht. Nur 6 Minuten nach dem Führungstreffer der Wölfe bekam ich nur halb mit, wie einer unserer Spieler in der Nähe des Tores, auf der gegenüberliegenden Seite des Spielfelds lag und nicht wieder aufstehen konnte, bis er nach einigen Minuten mit der Hilfe von 2 Betreuern vom Platz musste. Da wir zu diesem Zeitpunkt schon 3 Mal gewechselt hatten, mussten wir ab ca. der 77. Minute zu zehnt weiterspielen. Christian Träsch blieb nach seiner Verletzung draußen, wie schlimm diese ist, erfuhr ich erst auf dem Heimweg.
Die Wolfsburger Meistermannschaft spielte sich in einen Rausch, wusste, dass sie jetzt nachlegen konnten, bereits in Führung und in Überzahl. Gesagt getan, 4 Minuten später machte der Fußballer des Jahres 2009, Grafite, den Deckel drauf und ließ beim 2:0 für Wolfsburg die Volkswagen Arena beben – eine unsäglich schmerzhafte Geräuschkulisse. Nach dem Abpfiff traf ich noch einen Bekannten vom tooor.de-Forum, plauschte noch kurz und machte mich dann mit meinem Stammfahrer Reinhart auf den 2-stündigen Heimweg, wo mir mein Vater noch währenddessen telefonisch mitteilte, Christian Träsch hätte sich bei seiner Verletzung ernsthaft verletzt, eine gebrochene Hand wird ihn für mehrere Wochen außer Gefecht setzen.
Was bleibt ist – anders als bei meinen ersten und letzten beiden Erfahrungen in der Autostadt – ein halbwegs gutes Gefühl, das Wissen, sich gut geschlagen zu haben und durch einen unhaltbaren Schuss, eine Unterzahl durch Verletzung und letztenendes das Glück des Tüchtigen nicht alles schwarz sehen zu müssen, denn unsere Jungs haben gut gekämpft. Gerade die Neuzugänge Pogrebnyak und Alex Hleb zeigten gute Ansätze und lassen mich bereits jetzt auf die Zeit freuen, wenn beide richtig fit und eingespielt sind.
Die Nationalmannschaft bereitet einem zusehendst keine Freude in der letzten Zeit. Seit einem müden 3:3 gegen Finnland im letzten Herbst, ging es bergab, es folgten unnötige Niederlagen, langweilige Quälereien und enttäuschende Leistungen, so dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die Phase beginnt, in der die Nationalmannschaft an Attraktivität verliert, wie wir sie von der WM 2006 bis zur EM 2008 kannten.
Was ist nur los mit den Jungs, ein Grottenkick nach dem anderen. Neulich gab es ein WM-Qualifikationsspiel in Baku gegen die Auswahl von Aserbaidschan – und da ich zu dieser Zeit lange arbeiten musste und das Spiel schon um 18 Uhr am frühen Abend begann, konnte ich es mir nicht ansehen. Etwas ungewohnt war es jedoch, dass ich mir nicht einmal die Mühe machte, das Spiel aufzeichnen zu lassen, um es mir später anzusehen.
Somit ist es das erste Länderspiel seit dem 09.06.2006 (Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft gegen Costa Rica, 4:2), das ich nicht gesehen habe, ob live im Stadion, im TV oder später als Videoaufzeichnung. Doch ich schreibe zu jedem Länderspiel etwas, das sollte man ja mittlerweile gewohnt sein von mir. Und auch, wenn es mich ehrlich gesagt nervt und ich keine Lust habe, da ich noch mindestens 3 weitere Berichte schreiben muss, bzw. möchte, fasse ich mich kurz.
Die Spielzusammenfassung habe ich lediglich im Internet nachgelesen. Ein müdes 2:0 für Deutschland mit Toren von Schweinsteiger und Klose. Natürlich freue ich mich, das die erwarteten 3 Punkte eingefahren wurden anstatt sich erneut zu blamieren, jedoch schwingt leider nicht mehr jene Leidenschaft mit, wie sie es noch vor einem Jahr tat. Schuld daran: der Rumpelfußball aus längst vergangen geglaubten Tagen.
Als einzige Tprschützen der Partie konnte Bastian Schweinsteiger in der 12. Minute durch einen abgefälschten Schuss in Erscheinung treten sowie Miroslav Klose mit einem Nachschuss in der 54. Minute, nachdem ein Schuss des Unaussprechlichen nur an den Pfosten ging. Das ist alles, was ich weiß und auch alles, was relevant im Sinne der WM-Qualifikation ist. Fragte ich andere, ob ich denn viel verpasst habe und ich mich ärgern müsste, das Spiel verpasst zu haben und auch später nicht sehen zu können. Kollektiv übereinstimmende Antwort: Nein. Hauptsache 3 Punkte auf dem Weg zur WM 2010, das Spiel soll in etwa so interessant gewesen sein, als wenn in China ein Sack Reis umfällt – soviel dazu.
Dennoch werde ich hoffentlich keine Gewohnheit daraus machen müssen. Natürlich werde ich versuchen, mir die Länderspiele anzuschauen, und auch, wenn die Art und Weise des Spiels und ab und zu ein entsprechend schlechtes Ergebnis nicht das ist, womit man mit Leidenschaft und Begeisterung leben kann, so lasse ich niemals einen Zweifel daran, das ich eine Befürworterin der Deutschen Nationalmannschaft bin – nur manchmal eben mit mehr oder auch weniger Begeisterung.