Zwei Dinge finde ich schon schade: dass die Saison nun bald vorbei ist (zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Artikels in nur wenigen Stunden) und dass das letzte Spiel der Saison kein Heimspiel ist. Also ließ ich es mir nicht nehmen, dem letzten Heimspiel der Saison beizuwohnen, das Ticket hängt bereits seit Monaten an meiner Pinnwand, durch nichts würde ich es mir nehmen lassen, mich von der Mercedes-Benz-Arena, so wie ich sie kenne, zu verabschieden. Nach dem Spiel rollten die Bagger an und eine 2-jährige Umbauphase beginnt.
Anders als zum Beispiel vor den Spielen gegen Hamburg und Wolfsburg gab es bei Energie Cottbus weniger Grund zur Sorge, aber es stand viel auf dem Spiel. In einem Interview nur wenige Tage zuvor äußerte Lucien Favre, Trainer bei Hertha BSC Berlin, folgendes Statement: “Der erste, der schwächelt, ist weg”. Gewinnen wir, bleiben wir oben dran im Titelrennen, patzen wir, müssen wir noch um die internationalen Plätze zittern. Ein heißer Drahtseilakt, der wieder das ganze Ländle elektrisierte.
Mannschaftsaufstellung
Und wenn es schon das letzte Mal in Stuttgart für voraussichtlich 3 Monate ist, verlängerte ich meinen Aufenthalt kurzerhand übers ganze Wochenende. Da es übernachtungstechnisch bei Freunden nicht gut aussah, recherchierte ich nach günstigen Gästezimmern aus privater Vermietung. Schnell wurde ich fündig in Stuttgart-Bad Cannstatt, der Stadtteil, in dem das Stadion steht. Perfekter gehts eigentlich nicht. Nach einem halben Arbeitstag wurde ich Freitag Mittag abgeholt und es ging los in Richtung Hauptbahnhof um 2 Mitfahrerinnen einzuladen, dann wieder direkt nach Weißenfels, VfB-Mitfahrer Torsten wartete bereits und wir fuhren über Erfurt und Würzburg, da wir dort Conny, die Frau meines Stammfahrers nebst Tochter einsammeln mussten. Ein letztes Stück Autobahn auf dem Weg nach Stuttgart.
Gegen 21 Uhr konnte ich dann in meinem gemütlichen Gästezimmer einchecken, ein gemütliches Bett, ein Sofa, ein Schreibtisch, ein Kleiderschrank, ein gigantischer Spiegel und ein Fernseher, das ganze für 21 Euro die Nacht, beschweren kann man sich da wirklich nicht. Besonders erfreulich: eine Familie von VfB-Fans, bei denen ich gelandet bin. Das ist in Stuttgart-Bad Cannstatt aber vermutlich kein Kunststück. Eine Leipzigerin, die 500 Kilometer für den VfB fährt, allerdings schon. Genüsslich schaute ich noch fern während ich mein mitgebrachtes Abendessen verputzte und ging dann schlafen, voller Vorfreude auf den nächsten Tag.
TOOOOOR! Hitzes Freistoß zum 1:0!
Früh musste ich aufstehen, als erste im Haus war ich aus den Federn, duschte und machte mich fertig. Auf gehts in Richtung Stadion, wo bereits am späten Vormittag der Hans auf mich wartete, ein Bekannter vom Tooor.de-Forum, seines Zeichens Fan von Energie Cottbus. Eine kleine Stippvisite im Fanshop mitsamt neuer Errungenschaft ging es direkt zu Ottos Kneipe in der Nähe des Stadions, wo wir es uns im Biergarten im Schatten gut gehen lassen haben bei Bier und Spezi, und später um die Mittagszeit bei einem schönen Schnitzel.
Später ging es wieder rüber zum Stadion, das große Fantreffen für die Leute vom Tooor.de-Forum ging los. Durch mein Eingreifen und die Koordination der Leute über SMS und Co. werden die Fantreffen zunehmend gut besucht, wo vorher nur 4-5 Leute waren, sind es heutzutage auch schonmal bis zu 8-10 Leute. Sie werden mir zweifelsohne ebenso fehlen, hier und jetzt wollte ich das letzte Fantreffen genießen, bevor es gegen 15 Uhr Nachmittags ins Stadion ging. Block 34 stand auf meinem Ticket, ebenso wie am Eingang, als ich die Treppenstufen nach oben stieg, stellten sich einmal mehr die Nackenhaare auf. Wir waren auf dem Weg wieder Fußballgeschichte zu schreiben, und heute sollte das vorletzte Kapitel mit einem Lächeln geschrieben werden.
Der Zwischenstand aus Hoffenheim
Ich hatte einen guten Platz, schön zentral in der Cannstatter Kurve, hinter mir war ein leerer Platz, so konnte ich hoffen, keine “Hinsetzen!”-Rufe ertragen zu müssen. Anders als beim Wolfsburg-Spiel hatte ich zumindest keinen Zaun direkt neben mir, der mir die Sicht versperren würde. Ein letztes Mal die Mannschaftsaufstellung voller Inbrunst mitschreien, ein letztes Mal die kribbelnde Vorfreude und ein letztes Mal der Anpfiff des Spiels, dem man live beiwohnen darf. Es ging los. Lasst uns 3 Punkte holen.
Das Spiel war zäh, aber das war so schließlich zu erwarten. Energie Cottbus, Abstiegskandidat, mit dem Rücken zur Wand. Und wenn uns die Fußballgeschichte eines gelehrt hat, dann das Energie Cottbus durchaus Wunder vollbringen kann. Ein schnelles Tor wie das von unserem Torero Mario Gomez gegen Wolfsburg, wo er bereits nach 28 Sekunden ins Schwarze traf, war also nicht wirklich zu erwarten. Stattdessen ging das kollektive Raunen durch die Reihen, als die Bayern in Hoffenheim in Führung gingen. Nun war der VfB im Zugzwang.
Mario wird eingewechselt
Gedulden mussten wir uns lediglich bis zur 19. Minute. Mittlerweile schon fast gewohnt, hielt ich die Kamera auf die andere Seite des Spielfelds, wo unser Kapitän Thomas Hitzlsperger für einen Freistoß bereit stand. Was zu tun war, war klar: schön in den Strafraum hineinziehen, wo einer unserer großen Jungs nur noch einzuköpfen brauchte – soviel jedenfalls zur Theorie. Aufgrund der großen Distanz zur anderen Spielfeldseite sah ich es nicht wirklich, aber der Ball segelte vorbei an Freund und Feind – und zwar direkt ins Tor. Erneut riss ich die Kamera in die Luft unter einem lauten Jubelgeschrei. Beeindruckend zu sehen, dass in Marios Abwesenheit unsere anderen Helden die Tore machen, denn unser Torero vom Dienst saß zunächst nur auf der Bank. Offizielles Statement: Adduktorenprobleme. Inoffiziele Vermutung: Schonung für Bayern.
Keinesfalls geschockt zog Energie Cottbus weiterhin ihr Spiel durch, was lediglich so ziemlich nur aus einer einzigen Sache bestand: in der Abwehr Beton anrühren, tief stehen, Manndeckung. Kurz gesagt: dann war erstmal kein Durchkommen mehr. Machte aber nichts, die Stimmung war prächtig bei strahlendem Sonnenschein. Verwirrt war ich lediglich, als alle um mich herum aufsprangen und jubelten – auf dem Platz war aber nichts zu sehen, was eines Jubels wert gewesen wär. Niemand in meiner Nähe vermochte die Frage, was los ist, zu beantworten. Die Anzeigetafel mit den Zwischenständen aus den anderen Stadien setzte meinem Umwissen ein Ende. Und wer es noch nicht anhand des Buschfunkes mitbekam, dürfte sich wohlwollend an Hoffenheims Ausgleich gegen die Bayern erfreut haben.
Weiterhin taten unsere Jungs auf dem Rasen nur das Nötigste, um den Spielstand vorerst zu halten, es war kein schön anzuschauendes Spiel. Nur 7 Minuten nach Hoffenheims Ausgleich gegen die Bayern, sprang erneut nahezu jeder in der Cannstatter Kurve auf. Sie haben doch nicht… doch, sie haben. Die Anzeigetafel bestätigte unsere Hoffnungen: Hoffenheim führt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stand der VfB auf dem 2. Tabellenplatz. Bei uns passierte auf dem Spielfeld nicht viel, also ging es mit dem 1:0 Pausenstand in die Halbzeitpause, die ich sofort nutzte, die Treppenstufen nach unten lief um am benachbarten Eingang des Blocks 33 meine Freundin Bea zu treffen, die ich nun schon seit Januar nicht mehr in die Arme geschlossen hatte. Es war nicht viel Zeit, die uns blieb, es war dennoch schön, sich noch einmal beim letzten Heimspiel der Saison zu sehen.
TOOOOOOOR! Cacau macht nach Marios Vorarbeit das 2:0!
Auf gehts in die Hälfte Nummer Zwei. Wollten wir dieses Spiel gut überstehen, würde uns ein zweites Tor sicher gut tun, denn für einige Minuten des Spiels schien es so, als wäre Energie Cottbus dem Ausgleich näher als wir dem 2:0. Und solange Mario Gomez fit fürs Bayernspiel ist, wäre es mir auch egal, wer das Tor machen würde, wir brauchten es jedenfalls ganz dringend. Das ständige Aufstehen und wieder Hinsetzen wurde in der Hitze dieses Samstags ohne Getränke an der Hand zur Belastung, deswegen lehnte ich mich lediglich gegen meinen Sitzplatz und hatte eine super Sicht auf das Geschehen vor mir, niemanden hinter mir schien das zu stören. So konnte ich aller Ruhe meine Fotos und Videos machen.
Ole Ole Ola!
Kein anderer wird so derart in Stuttgart gehuldigt wie im Moment unser Mario Gomez – alle erhoben sich von ihren Plätzen, als er in der 68. Minute endlich eingewechselt wurde, weil nach vorne so gut wie gar nichts ging. Bei allem Respekt vor seinem Vertreter Ciprian Marica, der das erlösende und superwichtige 2:1 gegen Schalke einige Tage zuvor gemacht hatte, aber Mario ist ein Ausnahmestürmer. Nun sollte es doch hoffentlich nicht mehr lange dauern, bis das 2:0 fallen würde. Gesagt, getan: 10 Minuten nachdem er eingewechselt wurde, verhalf er dem VfB zu 2:0-Führung. Nicht als Vollstrecker, sondern als Vorbereiter für Cacau. Da platzte die Cannstatter Kurve erneut aus allen Nähten, man umarmte wildfremde Menschen und war einfach nur noch glücklich.
Noch etwas mehr als 10 Minuten zu spielen, das sollte doch zu schaffen sein. Und genauso war es dann auch, der Abpfiff kam und das Stadion jubelte. Die Nachricht, dass die Bayern doch noch ausgeglichen haben, kam erst zu spät, aber das sollte uns nicht groß irritieren. Erfreulicherweise hat Schalke 04 der Hertha ein torloses Unentschieden abgetrotzt und somit zogen wir durch unsere eigenen 3 Punkte vorbei von Platz 4 auf Platz 3.
Laaaooooooooolaaaaa
Wie gewohnt kamen zuerst die Spieler in die Kurve, die frenetisch gefeiert wurden. Ich werde bis ans Ende aller Tage Gänsehaut bekommen, wenn ich mich nur daran zurückerinnere, wie es gewesen war: inmitten der Cannstatter Kurve, vor der Nase die Helden des Neckarstadions, und ein ohrenbetäubendes “Zieht den Bayern die Lederhosen aus!” bereiteten mir eine Gänsehaut. Nicht nur ich werde sie gehabt haben.
Danke Jungs! Und nun zieht den Bayern die Lederhosen aus!
Wer ist schon nicht enttäuscht gewesen, als wir nach dem Frankfurt-Spiel das Erscheinen des Trainers gefordert hatten: “Wir wollen den Trainer sehen!” sangen wir an jenem 25. April vor wenigen Wochen. Markus Babbel, der im Ländle für viele schon längst ein Heiliger ist, erschien nicht. Er wolle ja erst in die Kurve kommen, wenn er etwas zu präsentieren hatte. Unerwartet, und doch von allen Seiten des Stadions bejubelt, ließ er sich nun endlich blicken. Er klatschte in die Hände, winkte uns zu und warf Handküsschen in die Menge – ein gebürtiger Bayer und Ex-Bayernspieler wirft den Schwaben 1 Woche vorm vieles entscheidenden Südgipfel Handküsse zu – es war irgendwie ironisch und doch wieder so schön mit anzusehen.
Die Ausgangslage für das letzte Spiel gegen München könnte kaum spannender sein: Wolfsburg mit 66 Punkten nach einem 5:0 gegen Hannover auf Platz 1, die Bayern mit 64 Punkten nach einem 2:2 gegen Hoffenheim auf Platz 2 und wir waren nach unserem 2:0 mit ebenfalls 64 Punkten und der leicht schlechteren Tordifferenz auf Platz 3. Alles kann passieren. Und nun beginnt die große Rechnerei: Wolfsburg reicht bereits ein Unentschieden zum ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte. Verlieren sie gegen Bremen, wird der Sieger unseres Spiels in München über die Meisterschaft entscheiden. Es könnte kaum aufregender sein.
Dann kam auch endlich der Trainer in die Kurve
Nach dem Spiel schlenderte ich hinüber zu Ottos Kneipe, wo ich mich später noch mit Torsten traf und wir uns zu einer kleinen Gruppe anderer VfB-Fans dazustießen und einen tollen Abend erlebte. Es wurde gesungen, gejubelt, gelacht – und natürlich auch getrunken. Wir hatten auch etwas zu feiern: nämlich die Tatsache, unser vorgegebenes Saisonziel erreicht zu haben (Platz 5, den man uns nicht mehr nehmen konnte, war fix) und die damit einhergehende Chance, noch Größeres zu erreichen, wie aufregend.
Und zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind es nur noch wenige Stunden bis zum Anpfiff des entscheidenden Spiels, ich bin dankbar, dass ich mich mit dem Schreiben dieses Artikels von der stetig steigenden Nervösität ablenken zu können. Nach jenem tollen Abend schlief ich besonders gut, wenn auch nicht besonders lang. Denn am nächsten Morgen stand schließlich noch das Mannschaftstraining auf dem Programm, wieder getragen von der fortwährenden Hoffnung, endlich ein Foto zusammen mit Mario Gomez zu bekommen, bevor es zu spät sein könnte.
Es ist viel zu tun in den letzten und auch in den nächsten Tagen. Da ich noch den Artikel zum Cottbus-Spiel und auch meinen Saisonrückblick in Kürze fertigstellen möchte, will ich euch nun noch teilhaben lassen an jenem denkwürdigen 09. Mai des Jahres 2009. Kein Tag wie jeder andere – das sind Ausflüge zu Fußballspielen ohnehin für mich nicht – aber was ich an jenem Tag erlebte, war von einem anderen Stern. Und auch darüber lohnt es sich zu schreiben.
Was war zu erwarten vom Top-Spiel gegen Wolfsburg? Zugegebenermaßen hätte diese Spielansetzung noch vor wenigen Jahren nicht zu den am meisten erwarteten und spanenndesten Top-Spielen des Spieltags gezählt, zu klar verteilt waren in der Vergangenheit die Rollen der dominierenden Mannschaft. Doch unter Trainer Felix Magath vollzog sich in der Autostadt eine Verwandlung, die man ruhigen Gewissens als enorm ansehen kann. Waren sie 2007 fast abgestiegen, erreichten sie 2008 den UEFA-Cup Platz (wenig erfreulich war, das es durch ein Spiel gegen uns besiegelt wurde) und 2009? Die Wölfe stehen an der Tabellenspitze, der VfB ist in Lauerstellung. Ein vorentscheidendes Spiel in Richtung Saisonfinale.
Mannschaftsaufstellung
Entsprechend groß war natürlich auch die Anspannung und die Nervosität, die mit dem Näherrücken des 31. Spieltags einher ging. Ursprünglich hatte ich das Spiel gar nicht auf meiner Liste, doch die Gunst eines Bekannten im Tooor.de-Forum ließ mir die Zusage für das begehrte Spiel zukommen. Längst war klar, das ich den Verstand verloren hatte – ich füllte den Endspurt der Saison mit dem letzten verbleibenden Spiel des 4-Heimspiele-Saisonfinales, als ob ich es schon vorher geahnt hätte, dass es wundervolle Wochen werden würden.
In der Nacht davor war natürlich nur schwerlich an einen durchgängigen und ruhigen Schlaf zu denken, zu aufgewühlt war ich. Das Klingeln des Weckers und der damit verbundene Startschuss zum vorletzten Heimspiel der Saison ließ meine Vorfreude auf den langen Tag auch nicht unbedingt geringer werden. Los ging es am frühen Morgen mit dem traditionellen Abholen an der Haustüre. Nach einer Zwischenstation in Weißenfels, wo wir Mitfahrer und VfB-Dauerkartenbesitzer Torsten eingesammelt haben, konnte es losgehen. Es gab kein Zurück mehr.
Nach einer langen und anstrengenden Fahrt fand man sich dann endlich ein, direkt gings zu Reinharts Stammkneipe “Ottos Vesperstüble”, was auch für mich ein wichtiger Anlaufpunkt geworden ist. Da ich mir 2 Wochen nach dem Frankfurt-Spiel zuvor mein geliebtes VfB-Shirt habe signieren lassen und mir die freundliche Mitarbeiter in der Reinigung um die Ecke keine großen Hoffnungen auf Konservierungsmöglichkeiten machen konnte, war klar, dass ich mir ein neues Trikot organisieren wollte.
Kaum gesessen, schon steht man wieder.
Das 1:0 nach nur 28 Sekunden!
Das ohnehin schon schwer gebeutelte Sparschwein musste wieder dran glauben und so lief ich zum Fanshop rüber. In den letzten Wochen probierte ich im örtlichen Karstadt in Leipzig einige VfB-Trikots an und freute mich, dass mir die Kindergröße 176 noch gut passt. Ich wunderte mich schon, dass diese im Fanshop selbst sehr viel kleiner ausfiel. So griff ich zum einzigen Gomez-Trikot in Größe S, welches noch da war – aber auch das war zu Klein. Der Griff zu Größe M und die anschließende Beflockung machte mich nicht nur knapp 75 Euro leichter sondern auch sehr glücklich. Und auch, wenn ich mir wünschte, der VfB müsste den Gürtel in Sachen Saisonendspurt nach dem Wolfsburgspiel nicht enger schnallen müssen, so kaufte ich mir eben jenen noch dazu: einen schicken VfB-Gürtel.
Im Fanshop selbst verabredete ich mit dem Bekannten vom Tooor.de-Forum, dem ich die Karte zu verdanken hatte. Wir staunten nicht schlecht, tippte er – den ich vorher noch nicht persönlich kennengelernt hatte – mir auf die Schulter und wir beide sahen uns mit einem vielsagenden “Wir kennen uns vom Sehen”-Blick an. Wie klein die Welt doch ist, ist manchmal schon wirklich erstaunlich, ich sah ihn schon beim Auswärtsspiel in Cottbus und beim Heimspiel gegen die Bayern, beide Spiele waren ein gutes halbes Jahr her und doch erinnerte man sich sofort, trotz der Anwesenheit von Scharen an Menschen, denen man an jenen beiden Tagen am 06. und 13. Dezember über den Weg gelaufen sein muss.
Torero zum Zweiten, das 2:0!
Frisch beladen mit neuen Errungenschaften ging es zurück zum Otto, eine weitere Station eines Laufweges, der mich an jenem Tag von einer Seite des Stadions zur anderen jagte. Nicht fürs Stadion benötigtes Zeug ließ ich von Reinhart ins Auto einschließen und machte mich nur mit dem Nötigsten – und mit dem nagelneuen Gomez-Trikot natürlich – auf den Weg in Richtung PSV, der Gaststätte des Polizeisportvereins, wo ich mit meinen leuten treffen wollte. Vor Ort traf man sich und wir staunten nicht schlecht: es waren so viele Leute wie schon lange nicht mehr. Es lohnt sich schon, das alles mittels SMS und Telefonaten zu organisieren, ansonsten bekommt man die weiß-rote Bande von VfB-Fans nicht in den Griff.
Nach einem tollen Treffen gings dann auch schon ins Stadion, erstmalig war ich in keiner der beiden Kurven platziert sondern ganz offiziell auf der EnBW-Tribüne (Gegentribüne), am Rand zur Cannstatter Kurve. An meinem Platz angekommen fiel mir gleich der Zaun auf, der direkt rechts von mir stand und so die Sicht aufs Spielfeld und auf die Cannstatter Kurve behinderte – nach dem Spiel sollte es mir ohnehin egal gewesen sein, immerhin war die Karte ermäßigt und für 15 Euro günstig erstanden. Die Anspannung, die kribbelnde Vorfreude im Stadion war deutlich zu spüren, vom Block 32 in der Cannstatter Kurve bis hin zur hintersten Reihe der Untertürkheimer Kurve, jeder freute sich auf dieses Spiel.
Ole Ole Ole Ola
Endlich konnte es losgehen, der Ball rollte und nach 90 Minuten Spielzeit sollten wir klüger sein. Durchaus nichts neues: die Tatsache, dass ich sobald der Ball in Richtung des gegnerischen Tores kommt, alles mit meiner Digitalkamera aufzeichne. Ich ahnte ja gar nicht, wie sehr mir diese Fähigkeit in Mark und Blut übergegangen ist. Viele haben noch nicht einmal an ihren Plätzen gesessen, noch nicht einmal 30 Sekunden waren gespielt – so konnten alle, die sich eben erst gesetzt haben, schon gleich wieder aufstehen: Mario Gomez schoss nach 28 gespielten Sekunden das 1:0 für den VfB Stuttgart – willkommen zu Hause, willkommen zu einem beeindruckenden Spiel. Das ging ja schonmal gut los. Meinte übrigens auch mein VfB-Kumpel Franz, dessen gleich lautende SMS mich nach ca. 50 gespielten Sekunden erreichte.
Das war natürlich der perfekte Startschuss für eine klasse Stimmung im Stadion. Etwas neidisch schweifte mein Blick oft vom Spielfeld ab durch den eisernen Zaun hindurch auf die Cannstatter Kurve, in der ich jetzt gerne gestanden hätte. So oder so, ich war unbeschreiblich happy über dieses schnelle Tor, weiß man doch nur zu gut, ein schnelles Tor ist förderlich, um dem Gegner den Zahn zu ziehen – und eben jene Zähne sind bei starken Wölfen umso gefährlicher. Also nur raus damit.
Die pure Schusskraft, das 3:1!
Eine Angriffswelle nach der anderen rollte auf das Tor zu, welches Diego Benaglio hütete, seines Zeichens ehemaliger VfB-Spieler. Und wer sich von den Emotionen des schnellsten Tores der Saison gerade erst wieder beruhigt hatte, bekam nun wieder ordentlich Puls in den Adern: erneut war es Mario Gomez, der die Bude machte und mich nach dem 2:0 in der 20. Minute an meinem Kumpel Franz per SMS antworten ließ: “Geil, ich krich gleich Zuständ”. Dieser Mann ist unglaublich.
Nur für wenige Minuten sollte sich mein außerordentlich gutes Bauchgefühl für den positiven Ausgang dieser Partie verflüchtigen: Als Edin Dzeko in der 36. Minute das Anschlusstor zum zwischenzeitlichen 2:1 machte, begannen furchtbare 10 Minuten bis zum Ende der 1. Hälfte. Es wollte nichts mehr so recht gelingen, stattdessen war auf einmal Wolfsburg die spielbestimmende Mannschaft und über den Ausgleich hätten wir uns auch nicht einmal beschweren dürfen. Eine Zitterpartie, da kam die Pause gerade zur rechten Zeit: durchatmen und Kraft tanken, das galt für die Spieler genauso wie für die Fans, die ein klasse Spiel zu sehen bekamen.
Frohen Mutes, noch weitere Tore für den VfB sehen zu können, freute ich mich natürlich auf die 2. Halbzeit, in der ich die Tore für meine eigne Mannschaft direkt vor mir gesehen hätte – wenn auch mit einem störenden Metallzaun, der von mir kurzerhand als Stativ für etwas ausgeglichenere Foto- und Videoaufnahmen umfunktioniert wurde, frei von meinem gewohnten Gezitter und Gezappel.
Einer geht noch! Das 4:1!
Eine Zeit lang passierte nichts weiter, doch meine Kamera lief unbeeindruckt weiter, bei jeder Torchance für die Schwaben wurde der Aufnahmeknopf gedrückt und gleich wieder zum Stoppen betätigt, wenn die Situation bereinigt oder die Chance versemmelt war. Ich nahm es ihnen jedoch nicht übel, immerhin hatten sie sich wieder gefangen nach den nervenaufreibenden Minuten kurz vor der Halbzeitpause.
Danke, Mario! Dem Applaus hast du dir verdient!
Was in der 63. Minute geschah, wird in die Saisonhistorie 2008/2009 mindestens als “Die pure Schusskraft” eingehen: mit einer, entschuldigt den Ausdruck, “Mords-Wuchtbrumme” wurde der Ball unhaltbar zum 3:1 in die Maschen gedroschen. Ich hielt die Kamera drauf, sah das Tor vor meiner Nase und riss sofort die Arme – samt laufender Kamera – in die Luft. Wohlwissend, meine eigene Stimme nur ungern als Tonaufnahme zu hören, vergaß ich das jedoch im Eifer des Jubels und brüllte hochzufrieden, wobei hochzufrieden in diesem Spiel noch die Untertreibung der Woche ist, ein genüssliches “Jaaaaa, Baby!” ins weite Rund des Neckarstadions in Stuttgart. Hatte ich bereits erwähnt, dass Mario Gomez unglaublich ist? Habe ich das? Nunja, dann sei dies hiermit noch einmal bestätigt.
Der Drops war gelutscht, Wolfsburg würde dieses Spiel verlieren, dank eines überragenden Mario Gomez, der an jenem Samstag Nachmittag ein weiteres Mal der hellste Stern am Stürmerhimmel war. Vielmehr stellte sich die Frage: wie hoch würde der VfB dieses Spiel gewinnen? In den Reihen der Wolfsburger konnte Jeder den Kräfteverschleiß ausmachen, kurz: sie gaben sich auf.
Ooooh, wie ist das schön!
Nicht einmal mehr 15 Minuten waren noch zu spielen. So sehr erhofft wurde mein Wunsch erfüllt: noch einmal die Tormelodie des VfB hören, noch einmal in diesem ohnehin schon wahnsinnigen Spiel gemeinsam mit den anderen Fans steil gehen. In der 77. Minute platzte das Stadion endgültig aus allen Nähten: das 4:1. Da gab es kein Halten mehr, abgesehen von den Gästefans wurde jeder in diesem Stadion Zeitzeuge einer unglaublichen Geschichte. Wer hat denn das Tor gemacht? Diese Frage muss man nicht stellen, man stelle sich einfach nur in diesem Moment mein zufriedenes Lächeln vor und hat die Antwort.
Nur 2 Minuten später erhob sich jeder im Stadion von seinem Platz: unter tosendem Applaus und “Mario Gomez!”-Sprechchören durfte er den Platz verlassen unter dem verdienten Extra-Applaus der entzückten Zuschauer. Minutenlang wurde er gebührend gefeiert, was für eine Show, was für eine Riesenleistung. Und wenn ich heute daran zurückdenke, dass ich dieses Spiel gar nicht auf meiner Liste hatte…
Laola-Welle
Wie unendlich genüsslich waren die letzten Minuten doch, zum Zunge schnalzen schön. Mit einem ohrenbetäubenden “Einer geht noch, einer geht noch rein!” begleiteten wir unsere Jungs bis zum Schluss. Der Ärger über den von Ciprian Marica (für Mario Gomez ins Spiel gekommen) nur an die Latte gesetzten Ball verflog schnell, niemand hielt es noch auf den Plätzen. Der Sieg, der abgesehen von den letzten 10 Minuten vor der Pause, nie in Gefahr war, wurde nach 90 Minuten besiegelt und wurde sofort ausgezeichnet mit dem Siegel “richtungsweisend”. Für die Pessimisten und Realisten unter uns war diese Partie allenfalls aus der Abteilung “Froh, wenn zumindest ein Punkt bei rumkommt”. An dieser Stelle herzliche Grüße an Jonas.
Für Spiele wie diese kann man viele Worte finden, ich entscheide mich kurzum für “unglaublich”. Nach der Ehrenrunde der Jungs und dem schnell verflogenen Frust über die ebenfalls erzielten Siege der Konkurrenz ging es auch schon wieder rüber zum PSV, wo man mich bereits grinsend erwartete, wohlwissend, dass dieses Spiel mehr Emotionen freigesetzt hat, als so manch anderes Spiel. An einem warmen Tag kam dann auch der kühlende Regen einer Erlösung gleich. Nach einem kurzen Plausch mit meinen Jungs und Mädels ging es abermals zurück zum Otto, wo mich zwei ebenfalls breit grinsende Herren in Empfang nahmen: Reinhart und Torsten, sie sahen mir meine Stimmung an. Jenen Gesichtsausdruck kann man am besten mit “Honigkuchenpferd” bezeichnen.
Wir singen UMBA UMBA UMBA Tätäräääää!
Nach einem verdienten Bierchen ging es wieder in Richtung Heimat. Wenn wir nicht hätten fahren müssen, ich hätte vermutlich noch 24 Stunden später auf der Holzbank gesessen und glücklich vor mich hin gegrinst. Mein Puls kam langsam wieder etwas nach unten und ein anstrengender Tag forderte seinen Tribut, nach nicht einmal 200 absolvierten Kilometern nickte ich ein und schlief…und schlief… und schlief.
Danke, Danke, Danke!
Daheim abgesetzt und schon einige Zeit “vorgeschlafen” war nun nicht mehr sofort an Nachtruhe zu denken. Sofort wurde der Rechner angeworfen und der Fernseher angeschalten, natürlich wollte ich mich vorm erneuten Einschlafen in den sich überschlagenden Pressemeldungen suhlen. Frisch gebadete in eben Jenen legte ich mich ins Bett… und träumte…und träumte… und träumte. Von einem Mann, der eine Mannschaft im Alleingang erledigen kann. Und von der ganzen Mannschaft, die ihn so exzellent in Szene gesetzt hatte. Und ich bin sicher, ich habe noch im Schlaf zufrieden gelächelt, voller Stolz, was ich an jenem 09. Mai 2009 gesehen hatte.
18.05.2009 um 19:54 Uhr · Veröffentlicht unter Fussball
Man kann nicht sagen, dass ich nicht vorher gewarnt wurde. Ich übernachtete in Beutelsbach, 25 Minuten vom Stuttgarter Zentrum entfernt bei einem Bekannten, und wie das bei mir mittlerweile fast schon liebgewonnene Tradition ist, war auch der Besuch des Mannschaftstrainings nach dem Spiel gegen Frankfurt auf meiner Liste bis zur Abfahrt am Nachmittag.
Mario Gomez zum Greifen nah!
Beim gemeinsamen Frühstück warnte man mich noch vorsorglich, ich solle nicht allzu enttäuscht sein, wenn Trainer Markus Babbel das Training erneut wegen des tollen Sieges am Sonntag Morgen ausfallen lassen würde. Ein müdes Lächeln konnte ich mir noch abringen, gerade zu betend, dass dies nicht eintreten würde.
Gleich mal das Shirt signieren lassen
Die Sonne schien warm an jenem frühen Morgen und ich erhoffte natürlich, das eine oder andere Autogramm und/oder Foto zu erhaschen. Den Jungs ganz nah sein können, das ist genau meine Welt. Noch fehlte es mir, das Foto mit meinem Helden Mario Gomez – würde ich es heute endlich bekommen?
Marios Auto
Hitzlspergers Auto
Matthieu Delpierre
Kurz nach 10 Uhr kam ich am Trainingsplatz an, doch als ich von der S-Bahn-Station Neckarpark um ein Stück des Platzes zum Eingang lief, beschlich mich das blöde Gefühl, dass keiner da wäre, der meine Foto- und Autogrammwünsche erfüllen könnte. Vorne angekommen, begegnete ich zahlreichen hoffnungsvollen VfB-Fans, die allesamt warteten. Warten auf die Helden des Neckarstadions. Auf dem Platz, wo sonst die Jungs die ersten Runden drehten, war niemand zu sehen und meine Frage an den Nächstbesten, der mir entgegen kam, ob das Training ausgefallen wäre, wurde mit einem klaren “Ja” beantwortet. Davor wurde ich gewarnt, die Enttäuschung, die durch die Vorwarnung gering sein sollte, war dennoch immens groß.
Sami Khedira
Süße Kleine
Hitze kommt wieder
Ich blieb noch einige Minuten und beobachtete fasziniert einen Vater mit seiner überaus niedlichen Tochter, die ein selbstgedrucktes Shirt mit dem Foto von Mario beim Torjubel anhatte – mein geschultes Auge in Kombination mit meinem Fußballstatistik-Elefanten-Gedächtnis ließ mich schmunzeln, wusste ich doch ziemlich sicher, es wäre sein Torjubel nach dem 2:1 gegen Hoffenheim (Endstand 3:3) in der Rückrunde gewesen, das Spiel war 2 Monate her.
Arthur Boka
Da ich auf mich allein gestellt mittlerweile nicht lange die Klappe zu halten vermag, kam man ins Gespräch, plauderte und mutmaßte, ob sich noch jemand blicken lassen würde. Mein Plan, die Rückfahrt Richtung Zentrum wieder anzutreten, wurde sofort zerschlagen als der Vater meinte, er hätte vor einigen Minuten den Mario Gomez mit dem Auto hineinfahren gesehen. Wie gut, das ich mittlerweile so gesprächig bin, sonst wäre ich schon längst wieder gegangen statt mir noch stundenlang die Beine in den Bauch zu stehen, was ich für ein Foto nur zu gern in Kauf genommen hätte.
Das Training wurde tatsächlich abgesagt. Aber das wurde weniger schlimm, als ich merkte, dass doch einige Spieler an jenem Morgen da waren, nach und nach sah man sie, wie sie entweder mit dem Auto reinfuhren oder bereits fertig waren. Höchst erfreut sah ich einen um den anderen VfB-Spieler, von denen ich einige bereits letztes Jahr getroffen hatte. Mit immer mehr Leuten kam ich ins Gespräch und fühlte mich richtig wohl.
Sami Khedira
Nachwievor im Gespräch mit dem Vater und seiner 2 einhalbjährigen Tochter mit dem tollen Gomez-Shirt amüsierte man sich köstlich über die niedliche Kinderstimme: “Wo isn der Mariiioooo?” Ich war entzückt. Dafür, dass das Training nicht stattfand, ergatterte ich dennoch so einige Blicke. Nach einigen Stunden auf dem Trainingsgelände war es dann soweit: Elvis hat das Gebäude verlassen. Oder vielmehr Mario, leger gekleidet, ganz ohne Trainings- oder Spielklamotten würde man ihn als Laie kaum wiedererkennen.
Nervös kramte ich mein Gomez-Shirt hervor, das mir die Kollegen zu meinem Geburtstag 2008 schenkten und den wasserfesten Stift, den ich extra mitgebracht hatte. Als er im Hof in sein Auto stieg, fuhr er vor und hielt vor uns an und gab noch Autogramme. Der unbedingte Wille, mich mit Mario fotografieren lassen zu wollen, verpuffte in Sekundenschnelle unter der Wucht meiner Nervosität. Mario – direkt vor mir. Es gab nur 3 Möglichkeiten, wenn er vor mir hält: 1. ich falle in Ohnmacht, 2. ich frage ihn auf der Stelle, ob er mich zur Frau nehmen will oder 3. und am wahrscheinlichsten: kein Wort rausbekommen, stotternd das Textil hinhalten und befreit von jeglicher Kraft, ihn auch nur halbwegs verständlich um ein Foto zu bitten. Somit musste ich dann doch damit Vorlieb nehmen, Mario mein Gomez-Shirt durchs Autofenster zu reichen und ein paar Fotos vom ihm zu machen. Getraut ihn zu fragen, ob er für ein Foto aussteigen würde, habe ich mich allerdings nicht.
Thomas Hitzlsperger
Er sollte nicht der letzte geblieben sein – wie wir gemeinsam feststellten, ging es im Halbstundentakt weiter: Serdar Tasci, Thomas Hitzlsperger, Sami Khedira, Arthur Boka und Matthieu Delpierre, sie alle kamen noch für ein Autogramm nach draußen. Mit Hitze durfte ich sogar abklatschen, das war weltklasse! Unserem französischen Innenverteidiger Matthieu Delpierre schüttelte ich die Hand, nachdem er bei mir im VfB-Jahrbuch unterschrieben hatte. Es wird aber nachhaltig in Erinnerung bleiben als vergebene Chance, ihm zum Geburtstag zu gratulieren, das Geburtsdatum stand im Jahrbuch genau neben dem Foto, auf dem er mit meinem schwarzen Stift seine Unterschrift gesetzt hatte. Erst am Abend sah ich es.
Lockeres Auslaufen
Als der letzte Spieler gegangen, das letze Autogramm abgeholt war, wollte ich langsam aufbrechen. Pascal, seines Zeichens ein VfB-Fan aus Bremen, begleitete mich für die Zeit bis zu meiner Abfahrt. Wir hatten dann doch eines gemeinsam, weite Reisen aus voller Leidenschaft für den VfB Stuttgart.
Clubgelände
Nach einem schnellen Mittagessen ging es auch schon wieder los nach Hause, immernoch euphorisiert von der Tatsache, dass Mario mein Shirt signiert hatte. Auch wenn damit klar war, das ich es nicht mehr so lange anziehen könnte. Wie ich einige Tage später von der freundlichen Frau in der Reinigung mitgeteilt bekam, solle ich drauf verzichten, das Shirt zu waschen, wenn ich Wert darauf lege, diese Unterschrift zu behalten. Bis zum Ende der Saison werde ich es noch irgendwie durchschleusen, ein neues Gomez-Trikot musste her, soviel war sicher. Aber fürs erste ging es wieder heim. Ein weiteres Mal ganz stolz auf das, was ich gesehen und erlebt habe.
Der Abpfiff war schon über 15 Minuten her und es hallte immernoch “Deutscher Meister wird nur der VfB!” und “Wir wollen den Trainer sehen!” durch die nachwievor gut besetzten Tribünen des Neckarstadions in Stuttgart, auch bekannt als Mercedes-Benz-Arena. Hier und heute wuchs in jedem von uns die Gewissheit, das wir das noch vor ein paar Monaten für unmöglich Gehaltene doch noch schaffen können. Nach einer mehr oder weniger verkorksten Hinrunde mit mehr Tristesse als Triumph kehrte seit dem Trainerwechsel der Erfolg in die baden-württembergische Landeshauptstadt zurück. Und nicht nur ich war mir sicher, dass unser Weg nach oben noch nicht beendet war.
Ein Sieg gegen Eintracht Frankfurt war Pflicht und die Erinnerungen an letzte Saison immernoch spürbar vorhanden, sie gehört zu den schönsten Erinnerungen in meinem noch relativ jungem VfB-Leben. Wir hatten einen mordsmäßigen Lauf, haben seit Ende November 2008 nur ein einziges Bundesligaspiel verloren, wenn auch deftigst (0:4 gegen Werder Bremen) und es war offensichtlich, das ein gut aufeinander abgestimmter VfB mit euphorischen Fans im Rücken so ziemlich alles erreichen kann: auch von Platz 11 bis auf Platz 4 und besser vorrücken.
Mannschaftsaufstellung
Wie war das nochmal mit dem Freizeitstress? Ein enger Terminplan ist an meinen Live-Spieltagen stets vorprogrammiert, der Wecker klingelt immer sehr früh am morgen und wenn ich in der Regel des Nachts wieder ins heimische Bett falle, bin ich zusehendst geschafft, meist mehr vor Emotion und Freude über den erlebten Tag.
Die offizielle Abfahrtsszeit war auf 7 Uhr in der Früh festgelegt – tatsächliche Abfahrt: 7:45 Uhr. Mein Stammfahrer Reinhart hatte ungeplante Probleme mit der Deinstallation eines riesigen Subwoofers im Kofferreim in Stiefsöhnchens Auto, mit dem wir die 500 Kilometer an jenem sonnigen Samstag Morgen antreten wollten. Auch seine Frau Conny und die kleine Olivia (im März 1 Jahr geworden) waren mit dabei, was mich natürlich sehr freute. Schnell noch in Weißenfels den Torsten, der mittlerweile auch zum Stamm-Mitfahrer geworden ist, eingeladen – seines Zeichens ebenfalls ein Fan der Weiß-Roten – eingeladen und schon konnte es losgehen, inklusive Tunnelblick auf das am Nachmittag bevorstehende wichtige Spiel gegen die Eintracht.
Ich wurde im Auto auf die Rückbank verfrachtet und hatte größtenteils meine helle Freude daran, mit Olivia zu spielen, doch wenn Sie mal eingeschlafen ist, war mir das auch nicht unbedingt unrecht, schließlich hatte ich bis Mitternacht meinen frisch gekauften MP3-Player aufgeladen und mit Musik bespielt und wegen der großen Nervosität auch nur mehr kurz als lang geschlafen und war froh über jede Möglichkeit, doch mal die Augen schließen zu können.
(Fast) Perfektes Timing beim Klatschen
Uns war bewusst, dass wegen des Cannstatter Frühlingsfestes etliche Straßensperren errichtet worden waren, und da sich das Frühlingsfest auf dem Cannstatter Wasen und das Stadion im selben Stadtteil Bad Cannstatt befinden, mussten wir ohnehin extra Zeit einrechnen, deswegen auch die frühe Anfahrt. Brachte am Ende nur relativ wenig, denn bei der Durchfahrt an Schwäbisch Hall vorbei, die uns Zeit sparen sollte, durchkreuzte ein minutenlanger Stau unsere Pläne – in der Stuttgarter Innenstadt wartete schon Kumpel Micha, mit dem ich eigentlich Mittag essen gehen wollte. Daraus wurde zwar nichts, aber man traf sich stattdessen am Hauptbahnhof und fuhr von dort aus gemeinsam zum Wasen, wo man eine erste Runde inklusive Bratwurst und Pommes gedreht hat.
Viel Zeit blieb nicht, die vermeintliche Abkürzung über Schwäbisch Hall kostete zu viel Zeit, so war auch auf dem Wasen nicht mehr Zeit als zu einer kurzen Inspektion und den direkten Weg zum Stadion, wo bereits meine Leute auf mich warteten. Man könne sich glatt daran gewöhnen, alle 2 Wochen die selben Gesichter sehen – ich habe meine helle Freude daran!
Nicht ganz so unruhig-nervös wie vor manch anderen Spielen, denen ich beigewohnt habe, war ich etwas entspannter und ruhigen Gewissens, das die Jungs ihren Job schon machen würden. Nach einem kleinen Diesel musste man sich auch schon wieder verabschieden, schnell noch ein gemeinsames Foto fürs Album gemacht und ich machte mich auf zu Block 33b, so nah war ich abgesehen vom B-Block zur Pokalpleite noch nie am Kern der guten Stimmung. Eine Wohltat, vor Nervosität noch nicht auf allen Vieren kriechen zu müssen, das sparte ich mir lieber für das Saisonfinale auf.
Torjubel vom 1:0 durch Cacau
Ich liebe Rituale, eines davon ist natürlich jenes, wenn man die Treppen hochläuft ins Stadion, ich schaue ins weite Rund, lächle zufrieden, atme tief ein und flüstere “Willkommen zu Hause” – nirgendwo auf der Welt ist es schöner. Denn zu Hause ist, wo das Herz ist. Nach einigen ersten Fotos nahm ich dann auch schon meinen Platz ein und musterte die Leute um mich herum, die ich alle nicht kannte aber im Verlauf des Spiels wahrscheinlich noch kennenlernen würde.
So nah am Herzen der Cannstatter Kurve ließ auch die Teilnahme am Schal-Intro zu den elektrisierenden Klängen von “You’ll Never Walk Alone” nicht zu wünschen übrig: hoch die Schals und aus voller Lunge mitgesungen. Man mag sich darüber streiten, dass dieses Lied, ursprünglich aus England, mittlerweile in so gut wie jedem Stadion gesungen wird, aber eines steht außer Frage: eine Gänsehaut macht es einem immer wieder.
Auch wenn ich mich zu gern an das 4:1 der letzten Saison zurückerinnere, so vermutete ich auch, dass die Partie gegen die Frankfurter alles andere als ein Selbstläufer werden würde, schließlich gelang denen eine Woche zuvor der große Befreiungsschlag um die Abstiegssorgen zu vertreiben. Das Spiel wurde angepfiffen und auch unter dem erwartet sensationellen Support der Heimfans merkte ich, dass es wohl schwerer werden würde als letztes Jahr, als wir nach nur wenigen Minuten schon 2:0 führten. Konzentration aufs Spiel, heute zu siegen ist ohne Frage wichtiger als sich an Statistiken zu erinnern.
Toooooooooor! Mario macht das 2:0!
Schon eine halbe Stunde gespielt und nach wie vor 0:0. Wenn wir am Ende mindestens ein Tor mehr als Frankfurt geschossen haben, sollte es sich trotzdem gelohnt haben. In der 33. Minute setzte Cacau, unsere schwarze Perle, dem ungeduldigen Warten auf das 1:0 ein Ende: mit einem tollen Flugkopfball ging der VfB in Führung und ich begann, wildfremde Menschen um mich herum zu umarmen. Man lebt schließlich nur einmal, nicht wahr?
So konnte es doch weitergehen, an einem traumhaft sonnigen Samstag Nachmittag beweist mir der VfB einmal mehr, wie sehr sich doch jedes Mal die Fahrt nach Stuttgart lohnt, der Torjubel entschädigt für jede Strapaze, sei er in den Armen deiner vertrauten Freunde gefeiert oder mit wildfremden Menschen, die in diesem einen Moment mindestens eines mit dir gemeinsam haben: die personifizierte Freude.
Der dazugehörige Torjubel mit Ansage
In der Halbzeitpause hatte ich meine liebe Mühe, meinen schmerzenden Rücken wieder auf Vordermann zu bringen, die lange Fahrt über und die kurzen Schlafphasen machten aus meinem Rücken ein Gefühl wie nach einer Nacht im Betonmischer. Meine yogamäßigen Verrenkungen fielen dem VfB-Fan schräg links von mir auf, mit dem ich so ins Gespräch kam und man sich auf Anhieb gut verstand. So ging auch die Halbzeit schnell vorüber und es konnte losgehen mit Halbzeit zwei. Und bekanntermaßen liebe ich es, wenn die Jungs auf meine Richtung zuspielen und man logischerweise auch mehr vom Spiel sieht.
Wir wollen hüpfen, hüpfen, hüpfen!
Lange musste ich nicht warten. Wie gewohnt fast das komplette Spiel mit der Kamera aufgezeichnet – man bedenke: nur bei aussichtsreichen Torchancen, von denen es natürlich einige gab – wurde ich ein weiteres Mal belohnt, und wie! Schaue ich mir heute das Video an, was dabei entstand, so ist mein kreischend lauter Jubelschrei derart unüberhörbar, dass es sich hierbei selbstverständlich nur um einen einzigen Torschützen handeln kann, der mich und meine Lungen zu Höchstleistungen antreibt. Der anschließende kollektive Torjubel gemeinsam mit dem Stadionsprecher bescherte mir erneut große Glücksgefühle: “Toooor für den VfB..STUTTGART… Torschütze mit der Nummer 33, Mario…GOMEZ!!! Achtung, Spielstand: VfB Stuttgart…ZWEI…Frankfurt…NUUUULLLLL. Und das ist auch…GUT SO!” – zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Jaaaaaa, der VfB!
Das eine oder andere Törchen mehr hätte es ruhig noch sein können, doch es blieb bis zum Ende des Spiels beim hochverdienten 2:0. Nach einigen Torchancen, die aber entweder nicht richtig genutzt wurden oder die der dennoch starke Pröll an diesem Nachmittag gehalten hatte, wurde das Spiel abgepfiffen und versetzte das Ländle in vollkommene Entzückung.
Olé Olé Olé Olé Olé Olé Ola!
Die darauffolgenden Minuten waren wie ein wundervoller Traum – nachdem die Mannschaft in die Kurve kam und sich für den sensationellen Support bedankte, nach einer Welle die ich natürlich vollends genoss und nach der Bekanntgabe der Konkurrenz-Ergebnisse, die allesamt zu unseren Gunsten ausgefallen waren, wurden die Sprechchöre in der Kurve lauter und lauter bis sich keiner dieser Gänsehaut-Athmosphäre mehr entziehen konnte.
Que Sera, Sera, die Schwaben sind wieder da!
Mir stellten sich die Nackenhaare auf, als wir sangen “Deutscher Meister wird nur der VfB!” und als wir – man bemerke, dass der Abpfiff schon weit über 10 Minuten her war – auch noch “Wir wollen den Trainer sehen!” skandierten in diesem Moment der großen Freude, brannte sich mir die Szenerie nur zu freiwillig ins Langzeitgedächtnis. Es war unbeschreiblich klasse. Leider hat sich Markus Babbel nicht in der Kurve blicken lassen, aber er wird hoffentlich gemerkt haben, dass ihm und seiner Marschroute nicht nur 11 Spieler auf dem Platz folgen sondern auch der gesamte Anhang von VfB-Fans. Selbst dem Letzten dürfte spätestens jetzt gedämmert haben, dass ALLES möglich ist.
Deutscher Meister wird nur der VfB!
Nun war der Abpfiff und besiegelte 2:0 gegen die Hessen schon eine halbe Stunde her. Noch dachte ich nicht daran, das Stadion zu verlassen, stattdessen plauderte ich engagiert mit dem jungen Mann, mit dem ich mich bereits in der Halbzeitpause kurz unterhalten hatte. Man quasselte über den VfB, die Möglichkeiten für den Rest der Saison und so vieles andere über den Fußball, das man nur nebenbei bemerkte, dass sich langsam, aber nur langsam das Stadion leerte und die Mercedes-Benz-Arena im Urzustand freigegeben wurde: mit leeren Rängen und roten Sitzschalen. Doch nun war es auch für mich an der Zeit zu gehen. Gemeinsam mit Martin, so stellte er sich vor, schlenderte man in aller Seelenruhe in Richtung Wasen, wo er seinen Bus bestieg und ich mich auf dem Weg zum Volksfest machte.
Danke, Danke, Danke!
Ich war unglaublich stolz auf die Jungs und war mir sicher, dass es in dieser Saison nicht das letzte Mal gewesen sein dürfte. Nur 2 Wochen später wartete bereits das nächste Live-Spiel auf mich. Und mit dem Tabellenführer Wolfsburg ein ganz anderes Kaliber als die Eintracht im grauen Mittelfeld der Liga.