Beginnen wir heute erneut gänzlich unpoetisch, fast schon mit Gossensprache: Ey, wie geil war das denn? Das war der absolute Oberhammer. Soviel schonmal vorab, es war das emotionalste VfB-Spiel, dem ich in diesem Jahr beiwohnen durfte. Absolute Emotion, absolute Extase, absolute Leidenschaft – Momente, für die man lebt. Wen kümmert es dann, das man einem Tag insgesamt 9 Stunden in einem Auto ohne Klimaanlage verbracht hat, 2x 500 Kilometer gefahren ist und erst ganz zum Schluss belohnt wurde. Es spielt keine Rolle, denn DAS sind die Momente, die man nie vergisst.
Der Tag begann früh morgens halb 7, als der Handywecker klingelte und ich mich geschwind aus dem Bett schälte – alles eine Frage der Motivation, ich habe es ja immer gesagt! Schnell geduscht, gefrühstückt und fertig gemacht, klingelte kurz vor 8 das Telefon – Stammfahrer Reinhart war bereits auf dem Weg, mich abzuholen. Mit 15 Minuten Verspätung starteten Reinhart, sein Stiefsohn Felix und ein weiterer Mitfahrer in Richtung Stuttgart, die Sonne schien fröhlich am Himmel und ließ mich frohen Muttes für das Spiel sein, welches am Nachmittag stattfinden sollte.
Mannschaftsaufstellung
Mit einem anderen Gefährt als sonst waren wir unterwegs, es schlug sich spürbar in der Fahrzeit wieder: Wir benötigten inklusive 20 Minuten Rast und kurzem Tanken sage und schreibe 5 Stunden statt der üblichen 4 Stunden, wenn wir gut waren, erreichten wir sogar schon 3 einhalb Stunden. Leider war das Gefährt nicht so schnell und so brauchten wir längere Zeit. Aber im Nachgang betrachtet: ich bereue nichts!
Endlich in Stuttgart angekommen, nachdem wir zunächst in Ludwigsburg den anderen Mitfahrer abgeladen haben, führte uns der Weg direkt zu “Ottos Vesperstüble”, Reinharts Stammkneipe, und auch mir schon längst nicht mehr unbekannt. Wir waren immer noch früh dran, keiner meiner Leute würde von halb 4 Nachmittags in Stadionnähe auftauchen und so verblieb ich bis dahin mit Reinhart und Felix dort, sah einige bekannte Gesichter wieder und man freute sich offensichtlich sehr, mich auch mal wieder im Ländle begrüßen zu dürfen.
Die Zeit verging mit einem leckeren Eis und einem köstlichen Radler wie im Fluge und schon meldete sich Jonas an, schnell die Straße überquert und rund ums Stadion herum gelaufen war ich schon da, an der Gaststätte Polizeisportverein (PSV), eigentlich der Stammtreffpunkt von meinen Leuten. Pünktlich zu meiner Ankunft erreichte mich die SMS von Marc, der auch für das kleine Tooor.de-Fantreffen angekündigt war – er würde an der Kneipe Palm Beach auf uns warten – diese war allerdings wiederrum auf der anderen Seite. Egal, also einfach die selbe Strecke noch einmal zurückgelaufen, kaum waren wir da, gab mein Handyakku den Geist auf und das Treffen mit Marc fiel ins Wasser. Kein Grund zum Traurigsein, ich hätte ihn eh beim Spiel wieder gesehen.
Auch Jonas verabschiedete sich schon bald, es war etwa eine Dreiviertelstunde vor Anpiff des Spiels, er nahm seinen Platz ein und ich den meinigen. Ein tolles Gefühl, voller Stolz mit einem Gomez-Trikot durch die Massen zu laufen, ohne angestarrt zu werden – hier ist mein wahres (Fußball-)Zuhause. Schmunzelnd betrat ich das Stadion, wo mir eine EnBW-Fahne in die Hand gedrückt wurde – Erinnerungen wurden wach an das selbe Spiel vor einem Jahr und einer Woche, zum Spiel VfB Stuttgart gegen den Hamburger SV gab es bereits letzte Saison eine Fahnenaktion. Es ist so schön, wieder hier zu sein.
TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR!!!
So früh im Stadion zu sein hat auch etwas gutes: ohne Hektik in aller Ruhe erst mal ein paar Fotos machen und sich fürs Spiel preparieren: den Trinkbecher unter dem roten Klappsitz verstauen, den Rucksack dazu, die ersten Ersatzbatterien in die Hosentasche samt Speicherkarte, ich war optimal vorbereitet. Mit Genuss sang ich “You’ll never walk alone” mit, selbstverständlich mit meinem VfB-Schal, den ich voller Stolz in den traumhaft sonnigen Stuttgarter Ostersonntags-Himmel streckte, an dem kein Wölkchen zu sehen war.
Pünktlich zur Mannschaftsaufstellung bewegten sich auch endlich meine Leute an ihre Plätze: Andy, Marc und sein Bruder, ich freute mich so, die Jungs wieder zu sehen. Begrüßung mit Umarmungen sind ja an sich gut und schön, das ganze mit auf die Videowand gerichtete Kamera während der Mannschaftsaufstellung machte das ganze zwar etwas schwieriger, aber nicht unmöglich. Wozu bin ich schließlich multitaskingfähig?!
Danke für die Unterstützung!
Es konnte losgehen, das erste Heimspiel für mich seit dem bitteren Pokalabend Ende Januar. Ich hatte ein gutes Gefühl für heute, es würde nicht schief gehen. Das haben die Jungs anscheinend gehört: sie begannen engagiert, mit gutem Pressing und aussichtsreichen Torchancen – noch waren ja “ein paar” Minuten zu spielen, es würden schon noch die Tore fallen, hoffentlich nur für den VfB Stuttgart, dem Verein meines Herzens.
Im Sternzeichen Zwilling Geborene bin ich natürlich von Haus aus ungeduldig, ob es um Tore geht oder um das Warten auf den Märchenprinzen, der mit seinem Gaul endlich mal vorbeigeritten kommen soll. In den ersten 45 Minuten bis zur Pause schenkten sich die beiden Mannschaften nichts – es ging schnell zur Sache, der Ball ging hin und her, das Spiel war ausgeglichen. Zu ausgeglichen für meinen Geschmack, aber wer liebt es nicht, wenn die eigene Mannschaft den Gegner an die Wand spielt. Der Schiedsrichter bittete an jenem Ostersonntag um 17:45 Uhr zum Pausentee, das gab mir die Gelegenheit, etwas durchzuschnaufen und mich mit meinen Jungs zu unterhalten.
Auch in der zweiten Halbzeit setzte ich das fort, was ich schon in der ersten Halbzeit fleißig vollzogen hatte: das Aufzeichnen von aussichtsreichen Torchancen des VfB mit der Videofunktion meiner Digitalkamera, die mir schon so oft gute Dienste geleistet hatte – und, wenn ich schon einmal mit dem Schwelgen in Erinnerungen begonnen hatte, so gelang es mir auf vor einem Jahr, Roberto Hilberts Tor zum 1:0-Endstand aufzuzeichnen. Die Ersatz-Speicherkarte hatte ich bereits griffbereit in der Hosentasche, ich machte mir keine Gedanken um die Massen an Megabytes, die ich nach dem Spiel auf meine Festplatte spielen müsste, die schon fast bis zum Rand voll ist mit Fotos und Videos von den ganzen Fußballreisen, die mir so unendlich viel mehr gegeben haben als nur Bits und Bytes.
Das Spiel schritt voran, die Kamera lief heiß, denn nach wie vor war das Spiel alles andere als langweilig. Die Vorstellung gefiel mir, dass wenn das Siegtor für den VfB in diesem Spiel noch fallen würde, so wäre das direkt vor meiner Nase, jede Minute, die zweite Halbzeit voran schritt, wurde die Hoffnung größer. Ich genoss es zusehendst, wie toll es ausseh, wenn deine eigenen Spieler mit einer weiteren Welle des Angriffs auf dich zurollen und vor deiner Nase wie in Trance alle Fans aufstehen. Auch ich bildete da keine Ausnahme, das Spiel von Aufstehen und Hinsitzen wurde mit jeder Minute intensiver und der Überlegung, gleich ganz stehen zu bleiben, konnte ich nur aus Rücksichtnahme auf die ebenso klein gewachsene Frau auf dem Sitz hinter mir, wiederstehen.
Schneller als mir lieb war, war das Spiel auch schon fast vorbei: ich habe bisher kein einziges Tor gesehen, es stand nach wie vor 0:0 – das langweiligste Ergebnis, das es wohl geben kann. Das wäre nüchtern betrachtet immerhin noch ein einziger Punkt, besser als gar keiner aber viel schlimmer als 3 Punkte, und die wollte der VfB, das Engagement und die Leidenschaft der Jungs übertrug sich auf die 55.700 Fans, die an diesem Tag in der Mercedes-Benz-Arena waren, die Fans wollten den Sieg genauso wie die Mannschaft, es lag ein Kribbeln in der Luft was jeder im Stadion spüren konnte, es stellte einem die Nackenhaare auf.
Dass nicht nur die Fans sondern auch ein guter Stadionsprecher zu wichtigen Situationen auf dem Spielfeld beitragen und noch das letzte Leben aus den Spielern herausholen können, ist hinreichend bekannt. Was soll der Stadionsprecher bei einem 0:0 in der 90. Minute auch anderes tun, als alle, aber auch wirklich alle noch einmal aufzurütteln, zum Aufstehen zu bewegen und alle VfB-Fans dazu zu bewegen, noch einmal alles für den VfB zu geben, wie der VfB auch alles geben würde, doch noch 3 Punkte zu holen. Aber auch der Hamburger SV wollte die 3 Punkte, so einfach wollten sie es uns nicht machen, auch wenn die Zufriedenheit der Nordlichter mit einem 0:0 mehr und mehr offensichtlich wurde. Nach einem von Hamburg ausgeführten Einwurf landete der Ball über Serdar Tasci bei seinem französischen Kollegen Matthieu Delpierre – und das Ostermärchen nahm seinen unaufhaltsamen Lauf.
Unser groß gewachsener Innenverteidiger spielte einen gut getimten Pass auf den links gestarten Tschechen Jan Simak, der eingewechselt worden war. Der Hamburger Albert Streit ließ ihn ohne jegliche Konsequenz gewähren. Ich sah Mario Gomez dort vorne stehen, was er machte, als die Flanke kam, entzog sich zunächst meinem Verständnis: er lief ein paar Schritte zurück während 2 Meter weiter unser Kapitän Thomas Hitzlsperger nach vorne stürmte und den Ball volley aufs Tor drosch. Das Abklatschen der Torwarthandschuhe konnte man wahrscheinlich bis in die oberste Reihe hören.
Danach ging alles ganz schnell: während ich die Kamera weiterhin nach vorne hielt, sah ich für einen Bruchteil der Sekunde Mario Gomez wieder, die Redewendung, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, war selten so passend wie in der 92. Minute, als der Schiedsrichter bereits die Pfeife im Mund hatte. Bevor ich sehen konnte, wie der Ball das Netz ausbeulte, konnte ich mich bereits am Jubel um mich herum orientieren: es war da, das späte, aber so verdiente Siegtor vom Mario. Der Jubel, die Emotionen und die Freude kannten keine Grenzen mehr, es wurde geschrien und in die Luft gesprungen, die Arme in die Luft gerissen und ein ungeheures Glücksgefühl sprudelte plötzlich aus mir – und auch aus allen anderen VfB-Fans heraus – in der 92. Minute der Siegtreffer, etwas schöneres, leidenschaftlicheres kann es kaum geben. Eine derartige Stimmungsexplosion auf den letzten Drücker, das sind die Momente, für die man lebt.
Sofort fiel ich meinen Jungs um den Hals, freute mich so sehr, das ich meine Stirn an Marcs Zähnen anschlug, was sofort anfing mit bluten – nichts weiter wildes, das Adrenalin ließ mich die kleine Verletzung erst richtig schmerzhaft spüren, als sich der rasende Puls wieder halbwegs aufs Normalmaß beruhigt hatte. Genauso gut hätte ich Marc auch die Zähne mit meiner harten Rübe ausschlagen können, von daher kann ich froh sein, das nur ich etwas abbekommen habe.
Wohin man auch schaute, überall hat die grenzenlose Freude Einzug gehalten, gepaart mit erleichterten Gesichtern und auch den einen oder anderen Freudentränen, die sich so mancher starke Mann nicht verkneifen konnte, war es das schönste, was passieren konnte. Ich glaubte noch nicht ganz, was in den letzten Sekunden passierte. Nur kurz nachdem sich die große Freude wieder etwas gelegt hatte, rollte die zweite Rolle der Erleichterung durchs Stadion: der Abpfiff und der damit verbundene späte, sehr sehr späte 1:0-Sieg über Hamburg ließ allen Emotionen freien Lauf. Der Tag war gerettet.
Nach der Ehrenrunde und der Welle mit den Fans wurde es für meine Leute vom Forum tooor.de auch recht schnell Zeit zum Aufbrechen, während ich noch minutenlang im Stadion an meinem Platz verweilte und das, was gerade passierte, noch einmal vor meinem inneren Auge Revue passieren ließ. Mit der kleingewachsenen jungen Dame hinter mir kam ich dann schließlich ins Gespräch, die ebenso erleichtert über den Sieg war wie ich und jeder andere im Stadion auch (der Gästeblock natürlich ausgenommen). Nach ein paar Minütchen Smalltalk war es auch für mich an der Zeit zu gehen, schnell noch ein Foto machen lassen und schon ging es wieder zurück zu Reinharts Stammkneipe auf der anderen Seite der Mercedesstraße im wunderschönen Stuttgart. Dort war noch Zeit für eine Bratwurst als Abendessen, dann ging es auch schon wieder los in Richtung Stuttgarter Hauptbahnhof, wo wir noch 2 Mitfahrer eingeladen haben. Nach einigen Minuten fand man sich endlich und wir luden 2 nette, aber nur sehr wenig Deutsch sprechende junge Mexikaner ins Auto ein, Reinhart quetschte sich hinten auf die Rückbank dazu – den Beifahrersitz hat er mir ganz gentlemanlike überlassen, was er bereits vor der Hinfahrt am frühen Morgen als meinen Platz deklarierte: “Dein Platz ist vorne auf dem Beifahrersitz!”.
Reinharts Stiefsohn Felix, der die Rückfahrt am Steuer saß und ich, die ich immernoch voller Adrenalin war, amüsierten uns köstlich über die Gespräche auf der Rückbank. Reinhart, des englischen nur dürftig gewachsen, erzählte von seinen Reisen nach Argentinien und Mexiko, ebenfalls im Namen der Fußball-Leidenschaft, wir beiden kichernden Vornesitzer sprangen hin und wieder als kurzes Vokabel-Lexikon ein.
Nach 4 einhalb Stunden Fahrt waren wir wieder in Leipzig, luden die Mexikaner des Nachts am Leipziger Hauptbahnhof ab und ich wurde noch bis vor die Haustür – wie immer – heimgefahren. Ein Kurztrip nach Stuttgart ist immer etwas sehr schönes, doch es ist auch immer wieder schön, nach einem anstrengenden Tag mit vielen Emotionen, wieder nach Hause zu kommen. Noch liegen zwischen beiden Welten ganze 500 Kilometer, und in absehbarer Zeit wird sich daran auch nichts ändern. Und wenn ich bis ans Ende der Welt für den VfB fahren muss, ich werd es immer wieder gerne tun.
In den letzten Wochen habe ich selten so gut geschlafen wie in jener Nacht. Ganze 12 Stunden schlief ich durch, träumte von späten Entscheidungstoren, riesigen Emotionen und der Tatsache, das nicht nur Mario Gomez zur rechten Zeit am rechten Ort war – sondern auch ich. Ich liebe es, wenn meine Pläne funktionieren – und ein VfB-Sieg gehörte nicht nur an diesem Tag definitiv mit dazu.
Nur 3 Tage nach dem Spiel gegen Liechtenstein, in dem die 3 Punkte in der WM-Qualifikation bereits fest eingeplant waren, sollte gegen Wales der nächste Sieg eingefahren, was selbstredend kein Spaziergang wie gegen Liechtenstein werden würde. Und es wurde wie erwartet ein hartes Stück Arbeit.
Da das Spiel schon wieder gut anderthalb Wochen zurückliegt, fasse ich mich kurz. Die Enttäuschung vom Samstag zuvor steckte mir noch spürbar in den Knochen, doch war ich voller Hoffnung, Mario Gomez würde sein Tor hier und heute schon machen, wenn es darauf ankommt – und ich sollte, jedenfalls zur Hälfte, nicht enttäuscht werden.
An für sich mag ich es nicht, Spiele alleine zu Hause zu sehen, diesmal blieb mir jedoch keine andere Wahl. Ich wurde zwar von meinem bekannten Fotografen Uwe in eine Kneipe in der Nähe meines Büros zum Länderspiel anschauen eingeladen, doch hatte ich zu Hause noch zu viel Hausarbeit zu erledigen. So schaute ich zu Hause, meine Lautstärke erreichte zeitweise dennoch den Pegel einer voll besetzten Kneipe.
Mit Sprudelwasser, einem giftgrünen Apfel und dem drübergezogenen Trikot platzierte ich mich vorm Fernseher und musste nur 10 Minuten warten, um das erste Mal zu jubeln. Unser Kapitän Michael Ballack zog aus 25 Metern eiskalt aufs Waliser Tor, der Ball schlug knallhart ins Netz ein und ließ mich aufspringen, schreien und über alle Maßen freuen: 11. Minute, Tor für Deutschland, 1:0.
Das Spiel blieb spannend, es ging dauernd hin und her. Nationalkeeper Robert Enke entschärfte einige sehr gute Bälle und hielt den 1:0-Vorsprung eisern fest. Ohne weitere große Vorkommnisse ging es in die Pause, die ich gemäß meines Plans auch so nutzte, wie es angedacht war: durch die Wohnung wirbeln und aufräumen, Hausarbeiten erledigen und den ganzen Scheiß, Zeug, wofür sich normale Frauen, die nichts mit Fußball anzufangen wissen, mindestens 90 Minuten Zeit dafür nehmen. Aber wann war ich das schon jemals: normal?!
Noch weitere 45 Minuten waren Zeit, damit er sein Tor machen konnte, und all die Pfiffe vom Spiel gegen Liechtenstein vergessen machen konnte. Es kann das Einfachste der Welt sein: Einen Ball ins Tor schieben. Entweder mit dem Fuß, dem Oberschenkel, dem Kopf, dem Hintern, den Kronjowelen, der Ball muss einfach ins Tor. Klingt einfach – und ist dennoch so kompliziert, wie mir scheint. Aber was weiß ich schon – vor 10 Jahren habe ich auf dem elterlichen Hof in der Plattenbausiedlung gebolzt, ich kenne am eignen Leib das Tor nur mit 2 Bäumen, die links und rechts zum Tor geworden sind.Alle Hoffnung war nur auf eine Sache gerichtet: er soll ein Tor machen. Und Deutschland sollte siegen, nicht zu vergessen, nicht, das mir außer dieser einen Sache nun wirklich alles egal gewesen wäre. Er mühte sich, er ackerte und rackerte, rieb sich auf und erspielte sich zahlreiche Chancen, es wollte nicht klappen in der ersten Halbzeit.
Umso euphorischer sprang ich auf, als zu Beginn der 2. Halbzeit Mario aufs Tor zulief, bei einem Zweikampf mit einem Waliser im Strafraum zu Fall kam doch statt vor “unsäglichen Schmerzen” zu schreien, stand er wieder auf, spielte den Ball in die Mitte, voller Hoffnung es wäre ein Weißer mitgelaufen – man konnte förmlich das Raunen des deutschen Gästeblocks in Wales über die Außenmikrofone vernehmen, da kam ein Waliser angerauscht, wollte den Ball endgültig klären – was ihm nur unzureichend gelang, denn mit seinem sogenannten “Klärungsversuch” verursachte er meinen lautesten, erleichtertsten Torjubel der letzten Zeit. Eigentor Wales – zur Hälfte darf man es dem Mario Gomez zuschreiben. Eine kleine Last fiel von ihm ab, als ich in den Fernsehbildern sein erleichtertes Gesicht sah, bekam ich eine Gänsehaut.
An den Rest des Spiels kann ich mich kaum noch erinnern, ich war froh, das wir 2:0 führten und Enke souverän einen Schuss nach dem anderen entschärfte und uns nach und nach der Sieg in einem weiteren WM-Qualifikationsspiel immer nähe rückte: mit dem Abpfiff war es dann geschafft, die Hände in die Luft gestreckt, nochmal kurz gejubelt, das obligatorische kurze in die Hände klatschen – was gibt man nicht alles für seine Rituale.
Ich kann mich leider nicht mehr erinnern, wo ich es gehört oder gelesen habe, aber derjenige hatte durchaus Recht: Dem Hurra-Fußball, der seit Ende der WM 2006 unter Jogi Löw gespielt wurde, wurde seit November 2008, beginnend mit dem Unentschieden gegen Finnland, was sich mit Niederlagen gegen England und Norwegen fortsetzte, eine regelrechte “Nationalmannschafts-Tristesse”, passend zur Finanzkrise. Statt begeisternden Spielen wollte nichts mehr so recht klappen. Doch auch hier trage ich selbstredend die Hoffnung in mir, schon bald wieder mitreißende Spiele zu sehen. Wie das 4:1 gegen die Slowakei, das 2:1 gegen Tschechien und vor allem das 3:2 gegen Portugal, dem ich live beiwohnte. Schön waren die Zeiten – und sie werden wiederkommen, dessen bin ich mir ganz, ganz sicher.
Schon zwei Wochen ist es her, das Länderspiel, auf dass ich so lange gewartet habe, bei dem 3 Punkte Pflicht waren und ich keinen Zweifel daran hatte, das ich meinen Spaß daran haben würde – so wäre der entsprechende Blogartikel keine 24 Stunden später samt Bildern und Videos hier zu sehen gewesen. Ich habe lange warten müssen auf diesen Tag, was ich bekam, war der traurigste 4:0-Sieg den ich mir hätte vorstellen können. Wie das gehen kann, davon handelt diese Geschichte.
Als im Sommer 2007 bekannt wurde, der Deutsche Fußballbund würde im Jahr 2008 ein Länderspiel nach Leipzig mit einem attraktiven Gegner vergeben, war die Freude selbstredend riesig bei mir – als ich das erfuhr, hatte ich gerade einmal mein erstes Länderspiel gegen die Slowakei hinter mir und schwebte nun im siebten Himmel. Seit Sommer 2005 hat meine Heimatstadt kein Länderspiel der deutschen Mannschaft gesehen, es wurde also höchste Zeit. Im Januar 2008 als man gespannt den Rahmenterminplan der Deutschen Fußballnationalmannschaft veröffentlicht wurde, stockte mir der Atem: das Länderspiel findet erst im März 2009 statt, gegen den 151. der FIFA-Weltrangliste: Liechtenstein. Soviel also zu 2008, soviel also zum attraktiven Gegner.
Als alles Meckern verflogen war und die Europameisterschaft 2008 in vollen Zügen genossen wurde, freute ich mich endlos auf mein “Heimspiel” – in Anführungsstrichen, denn wer mich kennt, weiß auch, dass meine echten Heimspiele in 500 Kilometern Entfernung in Stuttgart stattfinden, wo ich dem VfB Stuttgart mein Herz geschenkt habe. Es hat allerdings auch einen gewissen Anreiz, in ca. 10 Minuten am Stadion zu sein, statt den üblichen 4 Stunden nach Stuttgart, bzw. den mindestens 2 Stunden bei Auswärtsfahrten.
Schon oft genossen und wohlwissend, bei diesem Länderspiel in Leipzig mit an vorderster Front zu sein: selbstverständlich übernahm ich die Organisation des tooor.de-Fantreffens, zu dem ich zunächst ca. 30 Leute erwartete, was im Laufe der vorangegangenen Monate auf die Hälfte reduziert werden musste. Vermutlich ließen sich die meisten von den beiden letzten Länderspielen gegen England (1:2) und Norwegen (0:1) von ihrem Vorhaben abbringen, eine teilweise lange Anreise nach Leipzig in Kauf zu nehmen, für ein Spiel, das mit 99,99%iger Wahrscheinlichkeit ohnehin gewonnen werden würde.
Mein Samstag morgen begann mit Ausschlafen – wann habe ich jemals wieder den Luxus des Ausschlafens an Tagen, an denen ich einem Fußballspiel live beiwohnen würde, so schnell wird das wohl nicht wieder vorkommen. Um die Mittagszeit herum schwang ich mich nach unzähligen Monaten wieder einmal auf mein Fahrrad, das bisher im Keller meiner Eltern stand, aber das ist eine andere Geschichte. Mit dem Fahrrad statt mit der Straßenbahn brach ich am Nachmittag Richtung Stadion auf, wo das Fantreffen stattfinden sollte, einer war bereits schon da, der noch ein Ticket von mir übergeben bekommen hat.
Zu meiner Enttäuschung fanden leider nicht allzuviele Tooorler den Weg zum Treffpunkt, nachdem so viele bereits im Vorfeld abgesagt hatten, war das natürlich der erste Schlag in die Magengrube. Mit denen, die erschienen sind, genoss ich ein entspanntes Fantreffen, es wurde viel geredet, gelacht und diskutiert. Fotos machte ich kaum, das bereue ich wieder erst im Nachgang. Die Hoffnung auf ein gemeinsames Gruppenfoto bevor alle gemeinsam zum Stadion aufbrachen war ebenso vergebens, ich bekam es leider nicht hin.
Eine seltsame und doch prickelnde Spannung lag in der Luft, als ich mich mit meinen Tooorlern zum Stadion begab und sich das dynamisch geschwungene Dach des Stadions unter einer Beleuchtung, die definitiv nicht das Attribut “sparsam” erhalten hätte, vor uns in den Leipziger Abendhimmel reckte. Länderspiele der Deutschen besuchte ich stets ab 200 Kilometern Entfernung und aufwärts, und diesmal waren alle nach Leipzig gekommen, in meine Stadt. Der große Moment war endlich da und die Vorfreude ließ sich meine Nackenhaare aufstellen, positives Bauchkribbeln und Vorfreude auf einen tollen Fußballabend.
Der Weg ins Stadion war durchaus kein fremder, wenn auch nicht ganz so gebräuchlich wie für viele andere Leipziger, die Karten für das Spiel bekommen hatten. Hier sah ich das WM-Halbfinale 2006 auf der Leinwand, das Ligapokalfinale 2007 und Werder Bremens Testspiel gegen Lok Leipzig 2008. Einmal im Jahr reicht, mehr muss nicht sein, trotz allem Lokalpatriotismus, in Sachen Fußball ist der sowie dahin.
Die Länderspielathmosphäre kenne ich ja bereits, dieses Länderspiel in Leipzig war natürlich dennoch besonders, ein herrliches Gefühl. Als ich mich an meinem Platz einfand, traf ich auch wieder den ersten Tooorler vom Fantreffen, dem ich noch eine Karte überreicht hatte. Die Mannschaftsaufstellung hatten wir schon verpasst, als wir bei der erneut unorganisierten Eingangskontrolle länger als geplant aufgehalten wurden, dennoch wusste ich, wer in der Startaufstellung stehen würde: Mario Gomez, der Held vom VfB Stuttgart – und somit auch mein Held, soviel ist zweifellos sicher.
Eine meiner Devisen ist: Im Stadion wird gestanden – denn Sitzen ist ja bekanntermaßen für’n Arsch, nicht wahr? In der Singing Area, die bei Länderspielen stets auf eine Seite hinter dem Tor gelegt wird, wird bei Heimspielen allerdings nur selten gestanden, so zumindest meine Erfahrung. Ätzende “Hinsetzen!”-Rufe rauben einem den letzten Nerv, diese haben die Defiition des Wortes Singing Area nicht begriffen oder hatten einfach Pech bei der Ticketvergabe. Überrascht war ich, dass ich das ganze Spiel über stehen konnte, es beschwerte sich keiner.
Es hätte ein Knallstart nach Maß werden können: nach nur 17 Sekunden setzte Mario mit einem Flugkopfball nur knapp am linken Pfosten vorbei – ich war sicher, das würde schon noch werden, es waren ja gerade 17 Sekunden gespielt. Ich ahnte ja nicht, das er dieses Tor hätte unbedingt machen müssen. Dennoch ging es richtig los nach Plan: wie zu erwarten folgten 2 schnelle Treffer binnen weniger Minuten: Michael Ballack und Marcell Jansen besorgten das 1:0 und 2:0, danach plätscherte das Spiel leider etwas vor sich hin und die Zuschauer wurden ungeduldig. Wurde noch im Hinspiel im Regen von Vaduz noch ein 6:0 gefeiert, was durchaus noch hätte höher ausfallen können, wollte nach den beiden schnellen Treffern nict mehr so richtig etwas passieren. Die Mannschaft spielte auf das Tor auf der gegenüberliegenden Seite und obwohl ich es nicht immer richtig erkennen konnte, ging ein Raunen durchs Stadion war ich mir leider schon ziemlich sicher, wer eine Chance ausgelassen hatte, was schon in den ersten 45 Minuten schmerzhaft war, doch noch lag ja die 2. Halbzeit vor uns, die es noch in sich haben sollten.
In der Halbzeitpause gönnte ich mir eine kurze Auszeit und saß zum ersten und zum letzten Mal an diesem Abend auf der kalten blauen Sitzschale im Block 27 des Leipziger Zentralstadions. Es waren entspannte 15 Minuten, voller Hoffnung, ER würde sein Tor direkt vor meiner Nase machen, das es einen Sinn hatte, das er in der ersten Halbzeit noch nicht getroffen hatte. Nach Wiederanpfiff sollte es noch knüppeldick für Mario Gomez und den mindestens einen Fan in Block 27 kommen.
An das, was folgte, erinnere ich mich nicht gerne – und werde es auch nur aus diesem einen Grund tun, weil ich darüber schreiben will, danach möchte ich diese schlimmen Ereignisse vergessen. Wer würde auch nicht vergessen wollen, das man als ausgesprochener Mario-Gomez-Fan in der Singing Area bei einem Länderspiel steht und ringsherum einem die Schmährufe “Gomez raus!”, “Gomez, du Arschloch!” und “Ohne Gomez fahrn wir zur EM!” entgegen schlugen. Ich weiß nicht, was schlimmer war: es zu hören oder nichts dagegen tun zu können. Rings um mich herum wurde ihm der blanke Hass, die blanke Häme entgegen geworfen. Grund dafür waren zahlreiche Chancen in der 2. Halbzeit, die er trotz redlichem Bemühen nicht gegen den 151. der FIFA-Weltrangliste unterbringen konnte.
Seit einem Jahr trifft er schon nicht mehr, zuletzt im März 2008 gegen die Schweiz, sein bisher bester Auftritt im Adler-Trikot, seit dem Spiel gegen Österreich bei der EM klebt ihm sozusagen die Scheiße am Fuß, was man bei seinen super Leistungen beim VfB Stuttgart nicht nachvollziehen kann. Es ist der Wurm drin – und wenn man weiß, das er in der Bundesliga Woche für Woche seine Tore macht und aus den unmöglichsten Chancen Tore erzielen kann, so leidet man doch sichtlich mit ihm. Trauriger Höhepunkt war definitiv, als man ihn nach einer erneut vergebenen Chance auch noch auslachte – ich kam mir vor wie ihm falschen Film.
Natürlich freute ich mich, wenn auch etwas gedämpft, über die Tore zum 3:0 und 4:0-Endstand von Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski. Doch mir war klar: dass Deutschland dieses Spiel deutlich gewinnen würde, darüber bestand kein Zweifel. Was ich sehen wollte, war ein Tor von ihm, das der Knoten platzt und er all das, was am 16. Juni 2008 in Wien begann und seitdem anhielt, vergessen könnte. Ich hätte es ihm so gewünscht.
Plötzlich entdeckte ich vor mir den Fanbetreuer des Fanclubs Nationalmannschaft, der für den Bereich Mitteldeutschland zuständig ist: Rico, ihm hatte ich das Viertelfinale gegen Portugal zu verdanken. Zugegeben, es erfüllt einen mit Freude, wenn man jemanden fragt, ob er einen noch kennt, hat man ihn doch nur für einen Tag gesehen (oder vielmehr anderthalb) und er das mit “Natürlich!” beantwortet. So plauschte ich kurz mit Rico, erzählte ihm, was ich so stadiontechnisch getrieben hab seit sich die Wege am 20.06.2008 wieder getrennt hatten. Schließlich nahm ich weiter oben meinen Platz wieder ein, die Ordner im Stadion waren da etwas streng.
Inmitten der Anti-Gomez-Rufe, von denen selbst der erste schon einer zu viel war, sehnte ich den Abpfiff herbei, der dann auch endlich kam – wie leider zu erwarten war, ohne dass er ein Tor machen konnte. Da ich den vordersten Platz an der Treppe hatte, ließ ich zuerst mehr oder weniger genervt die ganzen Menschen vorbei, die ich am liebsten noch einmal höchstpersönlich für ihr Verhalten an diesem Abend geohrfeigt hätte, aber wie hätte ich mich rechtfertigen können? Schließlich folgten ein paar Minuten der Ruhe und der Besinnung, eine Art Schockstarre, und das ohne Niederlage.
Geknickt und gebrochen verließ ich das Stadion, mit einem Gesichtsausdruck, als hätte man grade 0:4 verloren, anstatt 4:0 gewonnen. Ein Tag, auf den ich mich so unendlich sehr gefreut hatte, endet in einer Enttäuschung, die ich insbesondere dem Publikum zu “verdanken” hatte. Ohne die Pfiffe wäre der Frust nur halb so groß gewesen.
Während ich die Menschen auf dem Heimweg beobachtete, die allesamt zufrieden mit dem Ergebnis waren, lief ich zurück zum Treffpunkt, wo mein noch vollständig vorhandenes Fahrrad auf mich wartete. Die Hauptstraßen rund ums Stadion waren wegen der zu erwartenden Menschenmassen gesperrt worden und ermöglichten mir so eine schnelle Fahrt nach Hause.
Was an diesem Abend passiert ist, wird hoffentlich schnell ein Opfer meiner Verdrängung werden – und die Geburtsstunde neuer Hoffnungen. Er kann nicht ewig die sprichwörtliche Scheiße am Fuß haben.