Die volle Bandbreite an leidenschaftlichen Emotionen gab es zum Valentinstag 2009! Schreien vor Glück, dann Schreien vor Frust und Enttäuschung und letztendlich Schreien vor Erleichterung. Achterbahn-Emotionen im wahrsten Sinne des Wortes.
AWD-Arena Hannover
Halb 7 Uhr morgens war die Nacht schon vorbei, schnell noch ein Frühstück gemacht, Schnittchen als Wegzehrung geschmiert und den letzten Rest zusammengepackt. Los gings in Richtung Leipziger Südvorstadt, wo meine Mitfahrgelegenheit abfahren sollte. Pünktlich auf die Minute wurden ich und 2 andere nette Jungs eingeladen und schon gings in Richtung niedersächsische Landeshauptstadt.
Mitten im Gästeblock beim Commando Cannstatt ‘97
Im Vergleich zur letzten Fahrt zu einem Spiel war diese hier richtig entspannt, ich berichtete den (leider nicht fußballbegeisterten) Anwesenden auf deren Nachfrage was ich denn in Hannover mache und wie man als Leipzigerin sich in den VfB Stuttgart verlieben konnte. Es ist nicht so, als hätte ich diese Geschichte zum Ersten Mal erzählt, Erstaunen ernte ich jedoch jedes Mal.
Bitterböse Kalt wars bei 0 Grad
Erneut superpünktlich kamen wir kurz vor halb 1 Uhr Nachmittags in Hannover-Langenfelden an, wo ich ausgeladen und eine neue Mitfahrerin eingeladen wurde. Pünktlich deshalb, weil mein Stadionticket ab 3 Stunden vor Spielbeginn bis zum Ende des Tages als Fahrkarte für den Hannoverschen Verkehrsverbund galt – 12:31 Uhr kam die Bahn Richtung Innenstadt, 2 Stunden und 59 Minuten vor Beginn des Spiels, wenn das mal kein perfektes Timing ist.
Ein leckeres Mittagessen bei Bagel Brothers im Hauptbahnhof Hannover später, suchte ich die Schließfächer. Meinen Rucksack erst schon am Hauptbahnhof abzugeben erschien mir bei bösen Erinnerungen an Wolfsburg durchaus die bessere Lösung, zumal meine Mitfahrgelegenheit zurück sowieso ab Hauptbahnhof startet. Um 2 Euro erleichtert brauchte ich fast eine Viertelstunde, mich von meinem Hab und Gut zu trennen, wenn auch nur für einige Stunden. Etliche Körper-Abtast-Kontrollen alá “Habe ich Alles?” später, die Gürteltasche mit allem um den Bauch geschnallt, den Schal um den Hals gebunden, ging es endlich los. Erhobenen Hauptes mit den Stöpseln (vom MP3-Player) in den Ohren erfreute ich mich an einem meiner Lieblingssongs: “One Love” von U2 feat. Mary J. Blige – etwas zum Schmunzeln am Valentinstag.
Was tun ohne Stadtplan und ohne Orientierungssinn? Entweder jemanden fragen – oder ganz einfach denen mehr oder weniger unauffällig denen hinterherlaufen, die offensichtlich das selbe Ziel haben wie man selbst: die AWD-Arena, Spielstätte der Partie Hannover 96 gegen meinen VfB Stuttgart an jenem 20. Spieltag am Valentinstag, den 14.02.2009. Hier und jetzt sollte sie weiter gehen, die Serie der ungeschlagenen Schwaben.
Danke Martin! Lanig macht das 2:0 für den VfB!
Ein paar klärende SMS und einen Anruf meines Kumpels Jonas später sortierte man sich dann richtig und ich gabelte zuerst Phillip auf, den ich seit dem Auswärtsspiel in Cottbus kenne und fand dann auch den Jonas, den altbekannten Vielfahrer sowie einen weiteren Kollegen vom Forum tooor.de inklusive dessen Kumpel. Gemeinsam wurde diskutiert, gemutmaßt und angefeuert, heute zählts für die Schwaben, die Konkurrenz würde schließlich auch nicht schlafen. Sollten wir gewinnen, wäre uns zumindest Platz 6 in der Tabelle, die wir seit dem Trainerwechsel (unmittelbar nach der Wolfsburg-Demütigung) von hinten aufgerollt haben, sicher gewesen.
Wild zersaust, aber dennoch zufrieden nach dem Spiel
Etwa eine Dreiviertel Stunde vor Spielbeginn suchte jeder seinen Platz auf, Phillip und ich hatten schließlich Stehplatzkarten, wo sich zeitiges Kommen lohnt. Die Kontrollen und Leibesvisitationen OHNE Abnahme meiner Batterien (dabei hat man sie in meiner Gürteltasche entdeckt) hindurch und unter den verdutzten und strengen Augen der anderen Stehblock-Besucher fand ich ein feines Plätzchen und hatte eine gute Sicht aufs Spielfeld, abgesehen von einem meterlangen Fahnenstock, der durch die Mitte des sichtbaren Spielfelds ging – sie sollte noch Aufregung stiften, die Fahne.
Zur gewohnten Zeit, 15:30 Uhr wurde das Spiel angepfiffen, unter dem Jubel des mitgereisten VfB-Anhangs, der etwa 1.000 Menschen zählte, dazu etwa 30.000 im restlichen Stadion. Leicht verdutzt kannte ich zu Beginn des Spiels nur wenige Lieder, die gesungen worden, nur langsam wurde es besser.
Am Hauptbahnhof Hannover
Ich sah mit Entzücken, wie der VfB begann wie die Feuerwehr und sich größer werdende Spielanteile erkämpfte. Und dann war es schon so weit, nach nicht einmal 7 Minuten. Innerlich fing ich an zu beten, das der Pass von Thomas Hitzlsperger seinen Abnehmer durch die Mitte finden würde. Und das tat er: ich musste mich nicht fragen, wer sich um die Angelegenheit kümmern würde, ich wusste es: der Ball kam zu Mario Gomez, der mutterseelenallein auf Robert Enke zulief. Als der Ball im Netz zappelte brach die erste Welle der Emotionen aus. Es begann mit einem Schlag gegen meinen Hinterkopf und rings um mich herum etliche Bodychecks. Ich jubelte und schrie was das Zeug hielt, vermisste jedoch jemanden, dem ich in meiner Freude um den Hals fallen kann. Das tat der Sache keinen Abbruch, ich war dankbar für das frühe Führungstor.
Beflügelt von dem zeitigen Treffer unseres Topscorers spielte der VfB weiter so beherzt und schien die Frage, wann das 2:0 für die Schwaben fällt, von alleine zu beantworten. Folglich ging es positiv weiter, erneut auf unserer Seite des Spielfelds schlug der Ball wieder im Tor der Hannoveraner ein. Als ich sah, wie Martin Lanig auf uns zusteuerte, mit dem Zeigefinger auf uns richtete und die Siegerfaust in den kalten Hannoverschen Wind streckte, musste ich reflexartig zur Kamera greifen und konnte sogar ein mehr oder weniger scharfes Foto machen, bevor ich wieder von allen Richtungen durchgeschüttelt und angeschrien wurde. Es war wie in einem Traum.
Mario Gomez macht das frühe 1:0 für den VfB Stuttgart
Wenige Minuten vor der Halbzeitpause verfinsterten sich sämtliche Gesichtszüge: mit einer entspannenden 2:0-Führung jagte es mir eine eiskalte Gänsehaut ein, als ich nichts dagegen tun konnte, dass sich alle außerhalb des Gästebereichs von Ihren Plätzen erhoben und die Tormelodie der Hannoveraner abgespielt wurde. Wer sollte eigentlich Jiri Stajner decken? Wer es auch war, er gehört übers Knie gelegt und den Hintern versohlt – mindestens!
Der Anschlusstreffer kurz vor der Halbzeitpause. Ich dachte, schlimmer könnte es nicht werden. Doch es kam schlimmer. Ein theathralisch gestürzter Hannoveraner reichte aus für einen aussichtsreichen Freistoß an der Strafraumgrenze. Die schlimmsten Befürchtungen wurden wahr, als sich beim Ausgleich zum Halbzeitpfiff eine Weltuntergangsstimmung alá Wolfsburg im Gästeblock breite machte. Wie konnte das passieren? Gerade eben hast du noch 2:0 geführt und kassierst innerhalb 2 Minuten 2 Tore zum 2:2-Ausgleich? Es kam mir so vor, als wäre ich im falschen Film.
Quälend lange 15 Minuten, die einem wie Stunden vorkamen, berieselt von den gesponserten Halbzeitbeiträgen auf der Videowand und noch traumatisiert von den letzten Minuten schleppte ich mich dahin, voller Frustration und Enttäuschung, das der VfB gerade eine komfortable 2:0-Führung verspielt hat. Auch rings um mich herum vermochte ich keine fröhlichen Gesichter entdecken, der Schock saß tief in den Knochen, 2 Minuten reichten dazu aus.
Die zweite Halbzeit war zumeist nur von 3 Dingen geprägt: 1. Hannover spielt entfesselt nach vorne, erspielt sich eine Chance nach der anderen, 2. der VfB versagt zunehmen beim Passspiel und wird so fortwährend schwächer, 3. die riesige Fahne blockierte mir die meiste Zeit die Sicht, denn sie versperrte mir den kompletten Blickwinkel. Für einen kleinen Block eine zu große Fahne.
Kurze Zeit später: Martin Lanig schenkt uns das 2:0
Kollektives Stöhnen, wenn ein Pass wieder den Mitspieler nicht erreichte, Bildung von Angstschweiß auf der Stirn, wenn Hannover 96 weder im Vorwärtsgang war, ich wurde zusehendst schwächer – Angst, Frust und Entsetzen sind ein gefährlicher Cocktail im weiß-roten Blut, das mir durch die Adern schoss. Fast über die komplette 2. Halbzeit vermochte der VfB Stuttgart kaum etwas Ordentliches auf die Reihe zu bekommen. Vom Traum zum Alptraum in nur 30 Minuten.
Und so wie ich dachte, schlimmer als der Anschlusstreffer kurz vor der Pause könne es nicht werden – bis der Ausgleich zur psychologisch ungünstigsten Zeit fiel, so dachte ich nun, schlimmer als der Ausgleich könnte es wohl auhc kaum werden, es ist immerhin “nur” Hannover 96. Wieder wurde ich enttäuscht. Als Mikael Forssell in der 85. Minute alleine auf Jens Lehmann zulief, dessen miese Laune man bis in den Oberrang riechen konnte, dachte ich mir zum dritten Mal: “Das ist jetzt nicht wahr” – war es allerdings trotzdem, auf einmal stand 3:2 auf der Anzeigetafel, sehr zum Unmut der VfB-Fans um mich herum, als wäre die ganze Sache nicht schon blöd genug gelaufen. Nach dem 2:0 erhobenen Hauptes voller Stolz, jetzt nur noch ein kleines Häufchen Elend ohne große Hoffnungen.
Danach nur noch Hauen und Stechen
Für mich war das Spiel eigentlich schon gelaufen. Das dachten wohl auch die Spieler von Hannover 96, die sich des Siegtreffers kurz vor Schluss schon sicher waren. Doch sie haben die Rechnung ohne unseren Kapitän Thomas Hitzlsperger gemacht. Wie das im Fußball nun mal so ist, reichen nur kurze Sekunden der Unachtsamkeit und schon nimmt das Spiel, das gewonnen oder verloren schien, eine Wende, mit der keiner gerechnet hat. Letzte Woche schon seinen berühmt-berüchtigten “Hammer” im Spiel gegen Leverkusen ausgepackt versenkte er mit einer blitzschnellen Einzelaktion mit einem strammen Schuss den Ball im Netz, nur 2 Minuten nach dem es noch 3:2 gestanden hatte stand es nun 3:3. Der Gästeblock kannte kein halten mehr.
Natürlich kannst du mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein, wenn du den Spielverlauf betrachtest, es zeugt eher von der Hannoverschen Moral, aus einem 0:2 ein 3:2 machen als von der schwäbischen Moral, postwendend zum 3:3 zurückzuschlagen. Insgesamt betrachtet waren dies 2 verschenkte Punkte, und da auch die Konkurrenz gegen uns gespielt hat, nützt uns dieser Punkt nur herzlich wenig. Aber es war mir fürs erste egal, immerhin besser, als wenn nach dem 3:2 von Hannover nichts mehr passiert wäre.
Auf einmal stands nur noch 2:1
Nicht einmal die Tatsache, das die Jungs nur kurz zum Gästeblock kamen um sich zu bedanken, konnte die Tatsache trüben, das es der VfB wieder einmal geschafft hat, sehr spät ein sehr wichtiges Tor zu erzielen. Glück und Unglück, Vermögen und Unvermögen sowie Sieg und Niederlage liegen oft so nah beieinander, das man nicht weiß, wo oben und unten ist. Und manchmal kann auch ein Unentschieden durchaus gerecht sein, auch wenn es nicht das ist, was man sich erhofft hatte.
Direkt im Gästeblock fand ich Phillip wieder, der im Nachbarblock untergebracht war, ließ mich wie vor über einem Jahr noch einmal mit der AWD-Arena im Rücken ablichten und verließ dann mit Phillip das Stadion, wo draußen Jonas und die anderen beiden Jungs gewartet haben. Mit gemischten Gefühlen brachen wir nach einer kurzen Plauderrunde auf, Philipp verabschiedete sich als erster in Richtung Bus zurück nach Süden, dann Jonas der weiterfahren musste zur Übernachtungsmöglichkeit, blieb ich übrig mit den beiden Jungs. Wir stiegen in die S-Bahn ein und ich plauderte mit dem VfB-Fan neben mir, der sich als Magdeburger VfB-Fan entpuppte – wie klein die Welt ist.
Diese verdammten Standardsituationen…
Am Hauptbahnhof holte ich erst mein Gepäck und wir waren dann doch zu Abend essen – ganz und gar die Kalorien aus dem Gedächtnis gestrichen genehmigte ich mir ein köstliches Dinner bei McDonalds bei schöner Aussicht auf den Bahnhofsvorplatz bei Nacht. Mit dem Ziel, eine Kneipe oder eine Bar zu finden, wo wir uns die Sportschau noch ansehen können, spazierten wir durch die Innenstadt Hannovers, ohne Erfolg. Am Ende landeten wir bei Saturn, wo wir uns auf einem riesigen Flachbildschirm die gewünschte Sendung angeschaut haben. Als der Beitrag zu unserem Spiel begann, brachen die Jungs zu ihrem eigenen Zug auf und ich wurde allein zurückgelassen. Keine 5 Minuten später war ich im Gespräch mit 2 anderen älteren Männern, die wie ich die Sportschau verfolgen wollten.
Halb 9 Uhr abends wurde es Zeit, zum Gleis 3 im Hauptbahnhof aufzubrechen, die Mitfahrgelegenheit zurück sollte starten: diesmal mit dem Zug. 3 Leute waren unterwegs mit dem Wochenendticket, ich fuhr mit, 2 davon kamen gerade vom Spiel Bremen gegen Gladbach, wie sich herausstellte, waren sie so wie ich als Gästefans unterwegs. Mit einer Viertelstunde Verspätung fuhr der Zug ab und ich genehmigte mir, müde und erschöpft wie ich war, ein Nickerchen. Das versuchte ich jedenfalls, was bei der überfrequentierten Stimme des Zugbegleiters immer wieder unterbrochen wurde.
Der Ausgleich wie aus dem Nichts
Der Schreck fuhr einem kurz vor Ankunft in die Glieder: “Nächster Halt: Halle Flughafen. Dieser Zug endet dort. Reisende nach Leipzig Hauptbahnhof nehmen bitte den bereit gestellten Ersatzzug. Danke für Ihr Verständnis” – Ne, nix mit Verständnis, wollt ihr mich verarschen? Nützte nur nix, schnell alle Sachen zusammengepackt und umgestiegen. Erst als sich der Zug in Bewegung setzte, fiel mir ein, das ich meine Zeitschrift 11Freunde im Zug vergessen habe. Ein noch recht preisgünstiger Verlust und mir immer noch lieber als MP3-Player, Digitalkamera oder Handy, aber ärgerlich war es trotzdem.
Trotz aller Widrigkeiten kamen wir noch heile in Leipzig an. Nur 5 Euro kostete mich die Fahrt, die wir in 3 Stunden absolvierten. Ich musste zwar das letzte Stück vom Hauptbahnhof bis nach Hause zwar zu Fuß zurücklegen, da die Straßenbahn schon um 00:01 fuhr und nicht wie auf der Fahrplanauskunft um 00:05, aber ich war froh, als ich wieder daheim war.
Aber wir haben Hitz, thze Hammer. Mit einem blauen Auge davon gekommen…
Was für ein Tag. Das hätte auch schief gehen können. Wie gesagt, ganz zufrieden kann man nicht sein, aber dennoch: es war spannend ohne Ende und lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende (*husthusthustWolfsburghusthust*). Es freut mich jedenfalls zu berichten, das ich den Valentinstag 2009 mit meiner bisher größten Liebe verbracht habe: dem VfB Stuttgart!
Ich hätte nicht gedacht, das ich eines Tages nach einem Spiel gar keine Lust habe, darüber zu schreiben: doch dieser Fall ist eingetreten: nach dem peinlichen 0:1 gegen Norwegen am vergangenen Mittwoch. Was war nur mit unseren Jungs los.
Wer entweder gegen die deutsche Nationalmannschaft spielen muss oder wer nur einfach keine Sympathie für sie aufbringen kann, beurteilt schmunzelnd jede Niederlage von Jogis Jungs folgendermaßen: “Die sind so hochnäsig!”. Lange wollte ich das nicht glauben, aber langsam wird klar: sie überschätzen sich manchmal selbst.
Zum Spiel selbst vermag ich kaum etwas zu sagen: Norwegen stand fast das ganze Spiel über mit Mann und Maus hinten drin in der Defensive, schlug aber durch blitzschnelle Konter, die die Deutschen überforderten eiskalt zu. Es war zu befürchten, das es nicht bis zum Ende des Spiels so weitergeht, das entweder mein zuletzt eher unsicherer Landsmann Rene Adler den Ball hat oder irgendein Bein einer unserer Abwehrspieler dazwischen haut.
Auch nach vorne ging wenig bis gar nichts. Egal, was das Spiel bringen würde, im Vorfeld betete ich schon regelrecht dafür, das Mario Gomez keinen Mist baut. Seit dem EM-Vorrunden-Spiel gegen Österreich, als er eine 1000%ige Torchance versiebte, ist er beim Großteil der Nationalmannschaftsfans unten durch, wurde beim Spiel gegen England gnadenlos ausgepfiffen (war ich eigentlich die Einzige im Stadion, die ihn sehen wollte?) und verhöhnt und bekam durch seine klasse Leistung im Ligaspiel gegen Leverkusen die Chance, es wieder gut zu machen. Ich hoffte so sehr, es würde ihm gelingen. Es tröstet auch nicht, das er eigentlich der einzige war, der auf dem Platz richtig Betrieb gemacht hatte und sich sichtlich bemühte, das Tor zu erzielen. Wie damals im Februar 2007, als er in genau diesem Stadion sein erstes Länderspiel gegen die Schweiz machte und auch gleich getroffen hatte – schön war die Zeit! Torlos wurde er später unter erneuten Pfiffen ausgewechselt.
Und wenn schon er die Bude nicht macht, es wäre mir auch egal gewesen, wenn sie Klose, Ballack, Lahm, Schweinsteiger oder sonstwer gemacht hätte. Leider fand sich keiner von den Herrschaften in den weißen Laibchen, der sich dafür bereit erklärt hätte. Denn auch die Norweger wussten, wie man die Deutschen kaltstellen kann: widerliche Daueroffensive und immer mit 2 Mann auf den Gegenspieler. So wurde es von Anfang an der Zahn gezogen und ließ uns nicht richtig ins Spiel kommen.
Ich hasse es, wenn mein Vater – mit dem ich ja wieder das Spiel anschaute – Recht hat: “Pass auf, wenn es so weiter geht, schießen die Anderen das Tor eher als wir!” Ich hasse es wirklich. Unsere Abwehr war ein Hühnerhaufen, als eine gut getimte Hereingabe einen Spieler in Rot erreichte. Rene Adler ohne Chance, gnadenlos zeigte von nun an die Anzeigetafel in der LTU-Arena ein 0:1. Ganz und gar unpoetisch: schöne Scheiße. Oder vielmehr eine sehr Unschöne.
Und wie das nunmal so ist, wenn du ohnehin nicht deinen besten Tag hast und du dann auch noch auf dem falschen Fuß erwischt wirst, siehts schlecht aus. Ich habe seit der WM 2006 nicht nur gute Spiele von meinen Jungs gesehen, auch ein paar richtig schlechte und das eine oder andere demütigende Scheißspiel (gegen Tschechien und England beispielsweise), und ich weiß, das sie nach einem Rückstand nicht immer zurückkommen können.
Wie schon Andreas Brehme, Weltmeister von 1990 erkannte: Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß. Gut, das es nur ein Testspiel war, aber unendlich peinlich war es trotzdem. So blöd das Länderspiel-Jahr 2008 geendet hatte, so blöd begann das Jahr 2009. Nun müssen die Jungs aufpassen, den Bonus, den sie seit der WM 2006 aufgebaut haben, innerhalb eines halben Jahres nicht wieder zu verspielen. Ende März findet hier in Leipzig das WM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein statt – eine leicht ironische Vorstellung, das dieses Spiel mit der Leistung gegen Norwegen doch noch spannend werden könnte. Wer erinnert sich dann schon noch an das souveräne 6:0 im Hinspiel.
Es ist schwer, passende Worte dafür zu finden: es war einfach nur demütigend, peinlich, unfassbar und eine einzige Enttäuschung: Das DFB-Pokal-Achtelfinale und meine Premiere im B-Block der Cannstatter Kurve im Stuttgarter Stadion wurde zu einem Desaster. Eine Katastrophe wie sie keiner der VfB-Fans nach dem tollen Ligaspiel hätte vorausahnen können.
Mein 3-Tages-Kurzurlaub in der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart begann schon am späten Montag Nachmittag mit einem Alptraum. Der Fahrer, den ich mir über die Mitfahrzentrale organisiert hatte, bewegte sich geschwindigkeitstechnisch jenseits des Erlaubten und sorgte dafür, das ich bereits 20 Minuten nach Aufbruch eine SMS an meine mich in Stuttgart abholende Freundin Julia schreiben musste, das mir jetzt schon ziemlich übel ist. Ich versuchte, klaglos die waghalsigen Überholmanöver, die wilden Lichthupen und die bösartigen Stinkefinger über mich ergehen zu lassen, was hatte ich auch für eine Wahl? Ich hatte ein Ticket fürs DFB-Pokal-Achtelfinale im B-Block in der Cannstatter Kurve – es wäre doch völlig blöd, jetzt auf der Autobahn den Löffel abzugeben. Somit verzichtete ich auch darauf, mich einfach an der Autobahn raussetzen zu lassen, was mir bisweilen eine bessere Option erschien als mit diesem Wahnsinnigen weiterzufahren.
Wie abgesprochen wurde ich in Stuttgart von meinen Freundinnen Bea und Julia abgeholt, herzlich begrüßte man sich, ich freute mich unendlich, die beiden wiederzusehen. Mehr oder weniger schwer bepackt kehrten wir erstmal in einem Cafe ein und machten uns einen tollen Abend. Über Nacht blieb ich bei Julia in Holzgerlingen.
Früh raus aus den Federn, wer mag das schon. Aber das ist alles eine Frage der Motivation wenn ihr mich fragt: wenn ich weiß, das an jenem Tag ein Spiel ist, braucht es keine 5 Sekunden und ich stehe hellwach auf der Matte. Das war auch diesmal nicht anders. Zum Frühstück gabs lecker Brot und Brötchen, Tee und echte schwäbische Butterbrezeln. Und morgen fange ich gleich mit meiner Diät an, ganz bestimmt.
Am Bahnhof in Böblingen wurde ich verabschiedet und verbrachte den Tag in der Stuttgarter City, wo mich der erste Weg zum Stadion führte. Gespenstisch leer ist es dort so viele Stunden vor dem Abpfiff, erst etwa 12 Stunden später sollte diese Stätte der Heiligkeit vom Leben durchströmt werden. Ein freundliches “Lassen Sie es sich schmecken!”, was ich einem dort bereits im Dienst befindlichen Ordner während seiner offensichtlichen Frühstückspause entgegnete wurde zur langen Plauderei über den VfB, das Spiel und Dies und Das. Nach anderthalb Stunden Geplauder musste ich weiterziehen und fand mich wieder in einem gähnend leeren VfB-Fanshop. Längst erfasst von der Gänsehaut, wieder in Stadionnähe zu sein, streifte ich durch die Reihen mit Shirts, Tassen und Gläsern, Trikots, Spielzeug und vielem anderen. Ein feminin geschnittes Girlieshirt in weiß mit roter Schrift sollte es sein, schließlich war es runtergesetzt auf 8 Euro – da bin ich schon schwäbisch genug, ein echtes Schnäppchen!
Nächste Station: Ticketschalter, noch habe ich den VfB-Fanshop nicht verlassen. Kaum größer als die Theke selbst lukte ich darüber und wünschte mir grinsend eine Stehplatzkarte für den Gästebereich fürs Auswärtsspiel in Hannover. Weitere 13 Euro ärmer aber glücklich lief ich den gleichen Weg zurück zur S-Bahn-Station, wo ich mich – erneut unterbrochen von einem Plausch mit besagtem Ordner – auf den Weg zum Stuttgarter Fernsehturm machte. Dort angekommen war es arg knackig kalt und leider etwas neblig dazu, aber das hielt mich nicht davon ab, meine Fotos zu machen. Ich als Freundin des Breitbild-Panorama kam hier natürlich voll auf meine Kosten. Als ich die Kälte, die einem regelrecht ins Gesicht knallte, nicht mehr ertragen konnte, verließ ich den Killesberg wieder, voller Vorfreude auf das Spiel am Abend.
Zu Mittag gegessen wurde in Ottos Kneipe, wo ich erstmal lecker Spätzle zu mir nahm, gehörig schwäbisch! Danach gings dann nochmal in die Innenstadt, etwas flanieren und shoppen, ein letztes Mal zu den Schließfächern, wo ich mich allem entledigte, was ich nicht unbedingt brauche. Ergebnis: ich fühlte mich ziemlich nackt: keine Tasche, kein Rucksack. Das Ticket im Tickethalter um den Hals, die Gürteltasche voll mit Geld, Batterien und Speicherkarten, Handy und Taschentücher in der linken Manteltasche, die Kamera in der rechten. Und nicht zu vergessen: beide VfB-Schals um den Hals geschlungen, eine stolz geschwellte Brust und mit Hoffnung, Glaube und Motivation im Herzen – immer am rechten Fleck.
So ging es zum tooor.de-Fantreffen, wo altbekannte Gesichter auf mich warteten. Dort angekommen amüsierte ich mich zwar, allerdings nur bis sich andeutete, das Deutschland das Handballspiel gegen Dänemark, welches gerade lief, mit 25:27 verlieren würde und somit die Hoffnungen auf den EM-Sieg 2009. Der Tag fing schon mal blöd an mit der nervenaufreibenden Fahrt, nun das Handball-Aus… ein komisches Gefühl sammelte sich langsam in meiner Magengegend.
Da ich eine vielgefragte junge Frau bin… ;) … ging es kurz darauf weiter zum nächsten Treffpunk: Conny und Reinhart warteten, meine VfB-Fahrer. Mit Conny ging ich dann in den B-Block nach einer quasi nur oberflächlichen Abtastung durch die Sicherheitsleute. Ein halbes Dutzend mal mussten wir unsere Eintrittskarte auf Verlangen vorzeigen, dich ich so fest in der Hand hielt, als handle es sich um eine 500-Euro-Schein. Der emotionale Wert, würde dieser Abend gut enden: unbezahlbar.
Aufgeregt stieg ich die Stufen zum Block hinauf, das Adrenalin schoss mir durch die Adern als ich die Leute um mich herum hörte. Auf einmal war ich wieder mittendrin: “Willkommen zu Hause!” seufzte ich lächelnd in den Stuttgarter Abendhimmel. Wieder daheim, in 500 Kilometern Entfernung, ein tolles Gefühl. Unendlich stolz und voller leidenschaftlicher Inbrunst sang ich mit Conny “You’ll never walk alone” und bekam Gänsehaut während ich erstmals in der Cannstatter Kurve meinen Schal in die Luft streckte. Darauf stand geschrieben: “Bist unser Leben, gibst uns so viel.”
Langsam wurde es eng auf den Stehrängen des Neckarstadions, nun bekannt als “Mercedes-Benz-Arena”, immer mehr Menschen drängten sich in die Reihen, ich hatte mit meinen 1,59 Metern Körpergröße meine liebe Not, etwas sehen zu können. Der Anpfiff ließ mein Blut noch einmal richtig in Wallung geraten: endlich ging es los, auf diesen wichtigen Moment habe ich lange gewartet. Supporten ist Ausdauersport! Nicht nur bei der Wolfsburger Pleite im November habe ich das spüren müssen, es wurde gehopst, gesungen und geschrien, selten war ich mehr in meinem Element.
Die ersten herben Rückschläge gab es jedoch schon nach wenigen Minuten, so nahm das Spiel seinen Lauf und ehe man sichs versah stand es 0:3. Warum passiert so etwas? Als Jens Lehmann einen läppisch geschossenen Elfmeter vergab keimte jedoch Hoffnung auf, Proteste nach einem zu Unrecht nicht gegebenen Anschlusstreffer zum 3:1 nützten aber auch nichts. Ich kann mich nicht mehr an viel vom Spiel erinnern – wer kanns mir verübeln. Der Support wurde weniger, der Block leerer, der Frust größer und die Hoffnungen immer kleiner. Was ist nur passiert? Da noch ein versenkter Elfmeter und dort noch der Schlusspunkt zum zwischenzeitlichen 0:5 ließen den Abend schnell zum Alptraum werden.
Statt bösen Pfiffe in Richtung der eigenen Spieler zu werfen, regierte gegen Ende des Spiels der Galgenhumor die Cannstatter Kurve – ich fand das ganze nur bedingt witzig. Auf einmal wurde wieder gehopst, gesungen und geschrien, auch wenn sich der Rest des Stadions (ausgenommen der ausgenommen gut gelaunte Gästeblock!) nicht daran beteiligen wollte. Mario Gomez’ Tor zum 1:5-Endstand wurde frenetisch bejubelt, als hätte er soeben den Ausgleich geschossen (Ligaspiel lässt grüßen – DAS waren noch Zeiten!)
Es hatte nicht sollen sein an diesem Abend. Verlieren ist zwar immer blöd und niemand möchte dabei sein, wenn es passiert, aber eine derartige Packung musst du erstmal verarbeiten. Der Frust danach war entsprechend groß – die Erleichterung, da nicht alleine durchzumüssen, war ein wenig beschwichtigend. Arm in Arm mit meiner Conny verließ ich gesenkten Hauptes das Stadion. Das war ein ganz ganz bitterer Pokalabend.
Jetzt dachte ich an die Liedzeilen des Songs “Gewinnen kann jeder” von den Nordend Antistars:
Größe zeigt sich beim Verlieren, So was kann jedem mal passier’n, Wir sind keine Freunde aber faire Gegner.
Wir zeigen auch im größten Frust unsere stolz geschwellte Heldenbrust und tun so als wäre nichts gewesen.
Wir werden es überleben, geh’n jetzt einen heben, und machen uns auf die Reise und sagen zum Abschied leise – scheiße
Gewinnen kann jeder das war nur ein Schönheitsfehler, wir kommen wieder und das nächste Mal – das nächste Mal als Sieger
Wir singen auch bei Niederlagen, denn es kommen wieder bessre Tage, sind sowieso moralische Sieger
Wir ertrinken unsren Frust beim Verlieren und bei Punktverlust stehen auf und kommen wieder
Die nächsten Minuten erlebte ich mehr oder weniger nur im Schock-Trauma, unfähig, zu begreifen, was an diesem Abend passiert ist. Das etwas, worauf man sich so sehr gefreut hat, so sehr in die Hose gehen konnte. Als der Schock nachließ und das Bewusstsein wiederkam, dachte ich zunächst an all die Anti-VfB-Stuttgart-Bekannten in meinem Umfeld, ich sah ihr breites Grinsen und hörte schon fast deren dumme Kommentare. Und es gab nichts, was ich tun könnte, um das aufzuhalten. Nichts würde die Zeit zurückdrehen können, damit die Jungs anders spielen würden als an jenem Abend am 27. Januar 2009. Dem ist denke ich nichts weiter hinzuzufügen.
Der nächste Morgen begann natürlich zerknirscht und verkatert, in den Knochen die Blamage, der man beigewohnt hat und leider in dem Wissen, das die halbe Nation dabei zugesehen hat. Eine auflockernde Dusche und ein leckeres schwäbisches Frühstück später tat ich das, was mittlerweile liebgewonnene Tradition geworden ist, wenn ich nach einem Heimspiel in Stuttgart übernachte: das Mannschaftstraining am Morgen danach – nie war die Fahrt nach Bad Cannstatt schwerer gewesen als an diesem windig-kühlem Mittwoch Morgen.
Mit im Schlepptau hatte ich meine Fahrer, mein Bester Reinhart kam mit zum Trainingsgelände. Ich, weil ich mir beweisen wollte, auch mit richtig bescheidenen Spielen umgehen können, und Reinhart, weil er vorhatte, aus dem Verein auszutreten. Hier und da mit ein paar Leuten geplaudert, gerieten wir schnell an einen, der Reinhart sein Tonaufnahmegerät unter die Nase hielt: ein Radioreporter vom SWR-3. Ich kann mich nur noch an den Schock erinnern, der mir ruckartig in die Glieder fuhr, als ich hörte “Und was sagen Sie dazu?”. Ich weiß nicht mehr, was genau ich gesagt habe, aber es triefte vor Enttäuschung und doch: die Gewissheit, auch in schweren Zeiten zum VfB zu stehen. Eben durch Dick und Dünn – in diesem Falle durch ganz, ganz dünn.
Einige Meter weiter schlossen sich auch Reinharts Frau Conny und deren Tochter Olivia an, die bisher im Auto gewartet hatten. Die Kameraleute, die um uns herum schlichen, versuchte ich nicht mal aus dem Augenwinkel anzusehen – nützte nur allerdings nichts, gefunden haben sie uns doch, begeistert von unsrer Geschichte, für diesen Scheiss 500 Kilometer gefahren zu sein. Ehe wir uns versahen war die Kamera auf uns gerichtet: Stuttgart. 3 Grad. Schmerzverzerrtes Gesicht. Die Frisur..hält? Wie sehe ich aus? Wen muss ich anschauen? Auch hier bemühte ich mich, laut und deutlich zu sprechen, möglichst dialektfrei und vor allem: ohne Verhaspeln. Als die Kamera ausgeschaltet war, redeten wir noch lange mit dem freundlichen Kameramann, der – wie sich herausstellte – eine VfB-DVD zur Meisternacht (erhältlich im VfB-Fanshop) gemacht hat, die schon längst in meinem DVD-Regal steht. Zufälle gibts. Achja, den Jungs schaute ich nur nebenbei beim Trainieren zu, bei denen ich normalerweise – unter weniger enttäuschenden Umständen – den Boden unter deren Füßen verehre. Ohne das Warten auf Autogramme fuhren wir wieder zurück, aßen noch zu Mittag in Ottos Kneipe neben dem Stadion und genossen die letzten Stunden: die schrillen VfB-Fans aus Sachsen on Tour.
Zeit, Abschied zu nehmen aus Stuttgart. In der Hoffnung, nächstes Mal würde es besser werden, setzte ich mich in ein fremdes Auto und fuhr per organisierter Mitfahrgelegenheit – wenn auch über nicht nachvollziehbare Umwege – nach Leipzig zurück. Der Frust saß unglaublich tief, der Blick aus dem Fenster war leer, meine Augen waren offen, doch sah ich nichts anderes als immer wieder das Bild der Anzeigetafel, die Abends zuvor ein demütigendes 1:5 gegen den FC Bayern München offenbarte und das DFB-Pokal-Aus meines über alles geliebten VfB Stuttgart besiegelte. Es hatte nicht sollen sein.