31.12.2009 um 18:07 Uhr · Veröffentlicht unter Allgemein
“So, Feierabend!” sagte ich und schaltete das Licht aus. Das Jahr 2009 ist vorbei, reichlich spät lasse ich es nun noch einmal Revue passieren. 365 Tage, davon 365 gedanklich bei der Liebe meines Lebens: dem Fußball.
Ein durchwachsenes Jahr, mit vielen tollen Momenten, aber auch schwierigen Phasen, die ich durchlebt habe. Aber alles in allem war es ein ereignisreiches Jahr, wie ihr gleich sehen werdet.
Das Jahr begann mit Väterchen Frost, der Winter schlug in den ersten Tagen 2009 voll zu: Eiseskälte, Schnee und Frost, wohin man auch kam, wohin das Auge reichte. Temperaturen bei mehr als 20 Grad im Minusbereich des Thermometers wünscht man noch nicht einmal seinem ärgsten Feind.
Frierend und mit den Knien schlotternd fuhr ich nach Zwickau. Aus den Bandauftritten mit meiner besten Freundin Julia, die in den Jahren vor meiner Fußballbegeisterung weitaus häufiger waren, sind nun nur noch wenige geworden, die ich dafür umso mehr genieße.
Als Klassentreffen versteht man ja eigentlich jene Zusammenkünfte, die im 10-Jahres-Rhythmus stattfinden und die man je nach dem, wie man durch die Schulzeit gekommen ist, mehr oder weniger mag. Für mich war es in der Realschule 1996 bis 2002 zwar keine leichte Zeit, aber die Klassentreffen, die seit einigen Jahren im Grunde jeden Winter stattfinden, genieße ich, kann man doch so alte Kamellen auspacken und über die gute alte Zeit plaudern, als wir noch jung, knackig und mehr oder weniger grün hinter den Ohren waren. Eine Zeit, in der Fußball für mich nur das Bolzen auf der Wiese war.
Noch gegen Ende des Jahres 2008 erhielt ich einen Anruf, man hätte eine Karte im B-Block für das DFB-Pokal-Achtelfinale im Januar gegen den FC Bayern – helle Freude, mein erstes Mal im Stehblock meines geliebten Stadions. Der Abend wurde aber recht schnell zur Tristesse, das von meinem damaligen NOCH-Lieblingsspieler Mario Gomez erzielte 1:5 war nur noch schmeichelhafte Kosmetik, die Vorzeichen wollte ich noch nicht wahr haben.
Der Postmann brachte mir einen Briefumschlag, für die einen ist es nr ein Stück Plastik, für mich der nächste Schritt, ein Teil meines Vereins VfB Stuttgart zu sein: Seit Anfang Februar 2009 bin ich nun Mitglied im Verein, für 24 Euro Jahresbeitrag und dem Recht, die Mitgliederversammlung im Juli zu besuchen – zu der ich es dann leider nicht geschafft habe.
Meine ersten Erfahrungen mit einer Nintendo Wii waren keinesfalls praktischer Natur – ich war dazu nicht mehr im Stande, während sich 6 Leute vor dem Fernseher scharrten und die absurdesten Bewegungen mit den Controllern veranschalteten, konnte ich mich vor Lachen kaum noch halten. Und wenn ich mir nicht gerade die Lachtränen aus dem Gesicht wischen musste, so hielt ich das Prozedere auf Fotos und Videos fest. Das war ein toller Abend zum Geburtstag von Micha, der Ehemann meiner Freundin Ines.
Den Valentinstag könnte sich manch anderer romantischer vorstellen – ein Abendessen bei Kerzenschein, tolle Musik, ein Kinobesuch… Wer braucht das schon. Den Tag der Verliebten verbrachte ich mit meiner Liebe, dem VfB: Auswärtsspiel in Hannover, bei krassen Minusgraden. Nach nur 12 Minuten führten wir 2:0, ich machte mir keine Sorgen und erfreute mich am kollektiven Warmhalteritual. Es wurde dennoch zur emotionalen Achterbahnfahrt, nach 45 Minuten stand es 2:2, nach 85 Minuten 2:3 und nach 87 Minuten schlussendlich 3:3 – wer braucht schon die Liebe, wenn er Herzklopfen auch auf diesem Wege haben kann?
Conny, die Frau meines Stammfahrers Reinhart, liegt im Leipziger St. Georg Krankenhaus, sie ließ sich operativ ein paar Polypen im Rachenraum entfernen, ohne Voranmeldung klopfte ich an ihr Zimmer – und schaute grinsend in ein paar bekannte Gesichter, auch Reinhart, die kleine Tochter Olivia und Connys Mutter waren auch da. In der Krankenhaus-Cafeteria ließen wir es uns gut gehen und ich war Olivia gern dabei behilflich, fleißig an den ersten Schritten zu üben.
Es erfreut mich in höchstem Maße, wenn meine beste Freundin Julia mal einen Bandauftritt in Leipzig hat, der Bequemlichkeit wegen freute ich mich also auf den Abend im Club Twenty One. Leider wurde der Abend zu eine Reinfall, da man die Uhrzeit für den Auftritt auf Mitternacht legte und das Publikum auf den anderen beiden Floors bei ohrenbetäubender Schlagermusik richtig abstürzte. Zumindest war es nicht rappelvoll in dem kleinen Kabüffchen und es war dann ein entspannter Abend, entspannter, als wir dachten, aber der nächste Auftritt wird besser.
Allerspätestens jetzt hält man mich in meiner Leipziger Stammkneipe für eine entlaufende Wahnsinnige. Der VfB gewinnt nach dem tollen 3:1-Heimsieg im Hinspiel auch das Rückspiel in Karlsruhe mit 2:0. Einige verwirrte Blicke nannte ich in diesem Moment mein eigen, ich sprang hoch und schrie wie eine Verrückte: “Derbysieger! Derbysieger! Derbysieger!”.
Kleine Maus ganz groß – so oder so ähnlich hieß das Motto von Olivias erstem Geburtstag, zu dem auch ich eingeladen wurde. Beladen mit Geschenken, guter Laune und der Fotokamera machte ich mich auf den Weg zu einem tollen Tag in Grimma, eine halbe Stunde von Leipzig entfernt. Auch wenn mich starke Kopfschmerzen vorzeitig in die Knie zwangen, dank Conny haben die medikamentös eine aufs Maul bekommen und ich genoss den restlichen Tag, umringt von vielen Leuten und kleinen und großen Kindern.
Seit Monaten freute ich mich auf dieses Highlight: Länderspiel in Leipzig, mein auf dem Fußballforum tooor.de ganz persönlich ausgerufenes “Projekt 2009″. Als Organisatorin des Fantreffens dachte ich an alles, an eine Liste von Übernachtungsmöglichkeiten für Auswärtige, Anfahrtsskizzen und Tarifinfos für öffentliche Verkehrsmittel, ja bis hin zu den Tischkärtchen – nur dass der Abend für mich zum Alptraum werden könnte, daran hatte ich nicht gedacht. Das Spiel gewann die Deutsche Fußballnationalmannschaft gegen Liechtenstein mit 4:0 – für mich war es der schlimmste Heimsieg aller Zeiten.
Das erste Bundesliga-Heimspiel des Jahres, wieder suchte ich mir das Spiel gegen Hamburg aus, nicht nur alleine aufgrund der guten Erinnerungen an mein allererstes Heimspiel, das 1:0 gegen Hamburg gewonnen wurde. Nur 2 Monate zuvor fror ich in Hannover, nun lief ich kurzärmlig in Stuttgart herum. Ein spannendes und kampfbetontes Spiel, nur wenige Sekunden vor Schluss entlud sich die pure Euphorie. Wieder ein 1:0, es war der grandioseste Torjubel, den ich je miterlebt habe.
Grandioser Fehlkauf: mein neues Handy, das Nokia 7370 – es ist pink, es glitzert, ich wollte es! Da es wesentlich neuer ist als mein altes Handy 3650 ging ich davon aus, dass die wichtigsten Funktionen für ein modernes Handy vorhanden sein müssten – waren sie aber leider nicht. Kein Bluetooth, kein Speicherkartenslot, kein anständiges Datenübertragungskabel und ein SMS-Speicher, der für meine Vieltippere nicht ausreicht. Pech gehabt – ich habe es heute, Stand 31.12.2009, immernoch, mangels Geld für ein Neues – man setzt eben gewisse Prioritäten.
Da das Heimspiel gegen Hamburg so wunderschön war entschied ich mich dazu, noch 2 Mal runter zu fahren, darunter auch das Heimspiel gegen Frankfurt, was wieder zeitgleich mit dem Cannstatter Frühlingsfest zusammenfiel. Ich genoss die Stimmung im 33er Block des Stadions, sah einen nie gefährdeten 2:0-Sieg gegen die Hessen und lernte Martin kennen, mittlerweile ein guter Freund. Wir treffen uns heute bei fast jedem Heimspiel in der Halbzeitpause auf “halber Höhe” vor dem Block 35. Das Training am nächsten Morgen verlief ebenfalls erfolgreich, viele Autogramme, viele Fotos.
Gegen Ende des Monats breitet sich überall auf der Welt die Schweinegrippe aus, eine beunruhigende Entwicklung. Viele Menschen werden krank, einige davon sterben an den Folgen des Virus, für dass es erst im Herbst einen Impfstoff geben sollte. Als jedoch ans Tageslicht kam, dass einige Menschen auch alleine an der Impfung gegen die Schweinegrippe ihr Leben lassen, entschied ich mich dazu, mich vorerst nicht impfen zu lassen.
Am Maifeiertag luden Conny und Reinhart zum Geburtstag nach Lützschena bei Leipzig ein, wo deren beider Geburtstag (24. & 25. April) mit gutem Essen und Trinken gefeiert wurde. Als Location diente der Garten von Connys Eltern, auch Olivia hatte ihren Spaß beim Herumtollen und dem auf Trab halten der Geburtstagsgäste.
Eigentlich dachte ich, dass 3 Heimspiele gegen Ende der Rückrunde 2008/2009 genug wäre. Die Euphorie, die die 2. Saisonhälfte des VfB mit sich brachte, ließ mich auf den letzten Skrupel vergessen und da ich ohnehin schon ein Ticket fürs letzte Saisonheimspiel 2 Wochen später war, kam es auf das eine Spiel mehr oder weniger auch nicht mehr an. Den Preissturz im Fanshop neben dem Stadion nutzte ich und kaufte mir für “kleines Geld” das noch aktuelle Trikot und ließ es mir beflocken. Nur 2 Stunden später schoss eben jener alle 4 Tore zum 4:1-Sieg gegen Wolfsburg. Ein Zeichen?
Das jährliche Seifenkistenrennen fand wie immer auf dem Fockeberg statt. Auch 2009 amüsierte ich mich köstlich über den Gipfel der Kreativität, bestaunte clever gebaute Rennkisten, die über den steinigen Boden rollten, bis die Achsen brachen. In meiner Erinnerung wird dabei der Name eines Teams besonders haften bleiben: “Familie Slöbel mit den niedlichen Zwillingen Justin und Dustin beim Muttertagsausflug”.
Nur eine Woche nach dem emotionsgeladenen Spiel gegen Wolfsburg wurde es wieder Zeit, schon wieder ging es nach Stuttgart, zum letzten Mal in dieser Saison, die zur Winterpause noch mäßig bis schlecht aussah und mittlerweile zur Sensation wurde. Das Spiel gewannen wir mit 2:0 gegen Cottbus und somit standen wir auf dem 3. Platz der Tabelle, es würde also doch noch einmal spannend werden. Als die Mannschaft in die Kurve kam, sangen wir alle voller Inbrunst: “Zieht den Bayern die Lederhosen aus!”.
Ich trug mein geliebtes Trikot auch noch am nächsten Tag zum fast schon obligatorischen Trainingsbesuch, mit einem überbreiten Dauergrinsen und heftigem Sonnenbrand bekam ich das, was ich wollte: ein Foto mit ihm, meinem Helden, dem Torschützen vom Dienst, Mario Gomez. Schon bald sollte ich lernen, dass man nicht zu sehr an einem einzelnen Spieler hängen sollte.
Den Abschluss der Saison 2008/2009 feierte ich bei Conny und Reinhart, zusammen mit Torsten aus Weißenfels, seines Zeichens ebenfalls VfB-Fan. Zum Meisterstück fehlten uns nur 2 Dinge: wenn Wolfsburg das Spiel gegen Bremen verlieren würde und wenn wir unser Spiel in München gewinnen würden, dann hätten wir das nicht für möglich gehaltene Wunder schaffen können. In einer Sache waren wir uns sicher, würde das eintreffen, hätten wir uns sofort nach Spielschluss ins Auto gesetzt und wären nach Stuttgart gefahren. Doch daraus wurde nichts – wir verloren unser Spiel im Südschlager, Wolfsburg wurde durch einen Kantersieg gegen Bremen erstmals Deutscher Meister.
Der Wonnemonat Mai endete mit der Bekanntgabe von Mario Gomez’ Wechsel zu Bayern München und riss mich in ein mehrere Wochen andauerndes Tief. Die größten Befürchtungen wurden wahr, aber man konnte nichts dagegen tun. Da habe ich gelernt, dass das Herz dem VfB gehört und allem, wofür er steht, aber nicht für einzelne seelenlose Spieler.
Zwar mussten die 3 Punkte gegen Cottbus im Ländle bleiben, aber den Abstieg des FC Energie Cottbus wünschten wir – Conny, Reinhart, Torsten und ich – uns keinesfalls! Mit Sympathien für die Lausitzer ging es für einen Tag nach Cottbus, wo wir die Daumen im Relegationsspiel gegen Nürnberg drückten – es half nichts. Cottbus verlor beide Relegationsspiele und musste absteigen.
Während einige Bekannte anderer Vereine noch über die absurde Möglichkeit spekulierten, ich würde nun vielleicht überlaufen, stand ich im schwersten Moment wieder auf, schüttelte mich kurz – und traf dann eine Entscheidung, die ich noch vor einigen Monaten für unmöglich gehalten hatte. Am 12. Juni erhielt ich um kurz nach um 12 einen wichtigen Anruf von meinem Kumpel Micha: “Du darfst dich jetzt offiziell stolze VfB-Dauerkartenbesitzerin nennen!” – jeder Zweifel, man würde mich vor der endgültigen Verrücktheit retten können, war hiermit zunichte gemacht worden.
Das schönste Geschenk zum 23. Geburtstag habe ich mir also schon selbst gemacht. Einen Tag später feierte ich mit meinen Freunden David und Lisa in meinen Ehrentag hinein, zum Essen gabs selbstgemachte Pizza, und um Punkt 0 Uhr selbstgemachte Spielerfotos auf bemalter Leinwand und einen Kinogutschein, am nächsten Nachmittag gaben sich die Gäste die Klinke in die Hand: meine Eltern, Conny, Reinhart und Olivia sowie meine Freundin Ines, Ehemann Micha und Tochter Isabelle.
Wozu habe ich eine Fotokamera, wenn ich damit nicht mal ab und zu etwas Nützliches machen? Einen ähnlichen Gedanken fasste ich, als ich mich dazu entscheid, Conny und Reinhart beim Umbau ihres Grimmaer Büros behilflich zu sein. Ich packete fleißig mit an und wurde in erster Linie damit betraut, Fotos von Dingen zu machen, die gewinnbringend bei eBay verhökert werden sollten – ich habe eine gute Arbeit gemacht, nur wenige Tage später war alles ratzfatz verkauft. Mission erfüllt, Speicherkarte voll, Akku leer.
Nachdem ich mich erfolgreich als Umbauhelferin und eBay-Fotografin bewiesen habe, ging es tags darauf wieder ins Büro, voller Vorfreude auf den Nachmittag. Nach “nur” 2 Überstunden kamen Kollege Sebastian und ich als die Letzten in Markkleeberg an, als die Sommer-Grillparty der Firma schon im vollen Gange war. Lecker Würsten, Steaks und Getränke wohin das Auge reichte. Für Agenturhund Kito ein Tag im Himmel, er hielt es wohl für den Internationalen Tag des Hundes, wir lassen den kleinen Fresssack einfach mal in dem Glauben.
Die Flut an Fotos der letzten Monate forderte ein finanzielles Opfer von knapp 150 Euro, eine externe Festplatte musste her. Diese leistet mir seitdem treue Dienste. Mehr Platz für noch mehr Fotos. Als Dauerkartenbesitzerin werde ich diesen Speicherplatz auch bitternötig haben.
Mit dem Last-Minute-Meistertitel hatte es im Mai leider nicht geklappt, dennoch genoss ich die Sommerpause, blieb mir somit doch die Zeit, mich um Dinge zu kümmern, zu denen in den letzten Monaten schlichtweg die Zeit fehlte. Somit verbrachte ich ein Wochenende bei meiner besten Freundin Julia, natürlich mit einem Hintergedanken: ich wollte an einem Fotowettbewerb teilnehmen, der die sächsische Stadt Chemnitz von der schönsten Seite zeigen sollte, beladen mit der Kamera, meinem Stativ, unzähligen Batterien und Speicherkarten, machte ich mich auf dem Weg zu einem 2-tägigen Shooting. Die eingereichten Bilder reichten zwar nicht für die digitale Spiegelreflexkamera, die als Hauptpreis ausgeschrieben war, aber wenigstens für einen Theatergutschein für 2 Personen und ma wieder richtig viel Zeit mit meiner Julia verbracht zu haben, war mir ebenfalls wichtig.
Eines Tages rief mich Reinhart an, ob ich schon die Auslosung der Champions League Qualifikation vernommen habe, da mein Rechner sich aber gerade an diesem Tag höchst unkooperativ zeigte, erfuhr ich es telefonisch: Qualifikationsspiel in Timisoara. TimiWAS? Timisoara, die zweitgrößte Stadt Rumäniens. Da wollte ich mitkommen!
Wie immer 1 Woche vor Saisonauftakt fand das jährliche Tooor.de Kleinfeld-Open statt, ein vom Forum organisiertes Fußballturnier, dass jedes Jahr in einer anderen Stadt, wenn möglich immer in einer anderen Region Deutschlands ausgetragen wird. Im Jahr zuvor war ich erstmals in Rottenbach (Thüringen) dabei, dieses Mal ging es nach Merzkirchen (grob gesagt Richtung Trier, nahezu deutsch-luxemburgisch-französisches Dreiländereck). Selbst gespielt habe ich nicht, aber unzählige Fotos habe ich gemacht, die Leute mit T-Shirts erfreut und am Ende den inoffiziellen Preis für den stärksten Sonnenbrand abgeräumt: mit Verbrennungen 2. Grades musste ich nach dem Turnier zum Hautarzt.
Der Schmerz ging, die Hautfärbung blieb. Zum Saisonauftakt in Wolfsburg reiste ich mit einem nach wie vor krebsroten Gesicht an, freute mich dennoch darauf, dass es endlich wieder losgeht. Ich sah eine gute erste Hälfte meiner Mannschaft, am Ende verloren wir Christian Träsch (Handbruch) als wir bereits alle Wechseloptionen gezogen hatten und kassierten in der 2. Halbzeit die 2 Gegentore, die aus unserem Saisonauftakt eine Pleite machten.
Nur eine Woche später war es soweit, mein erstes Heimspiel aus Dauerkartenbesitzerin. Es sollte der Auftakt für eine großartige Europareise werden. Im Vorfeld des ersten Heimspiels nahm ich auch an den letzten Metern der Karawane Cannstatt teil und erfreute mich über alle Maßen an diesem Heimsaisonauftakt – ein 4:2 im “kleinen Derby” gegen Freiburg, die seit dem Abstieg des Karlsruher SC als Derbygegner herhalten müssen, das war entzückend.
Einen Tag später brachen wir auf zu unserer Europareise, die uns über Österreich und Ungarn nach Rumänien führte – eine tolle Reise, wir haben viel gesehen, viel erlebt und viele schöne Erinnerungen mitgenommen. Das i-Tüpfelchen bildete schlussendlich der Grund unserer Europareise, ein 2:0-Sieg in der Champions League Qualifikation gegen Timisoara. Für mich war es aber noch mehr als das – und wenn derjenige, um den es hier geht, das hier liest, dann wird er es wissen.
Erst einmal verschnaufen? Denkste! Nur eine Woche später ging es wieder los, zum Rückspiel nach Stuttgart. Da nur 3 Tage später das nächste Bundesliga-Heimspiel anstand, entschied ich mich dazu, auch diesen Aufenthalt zu überbrücken und in Stuttgart zu übernachten. Das Qualifikationsrückspiel endete torlos, und wir waren aufgrund des Hinspielergebnisses von 2:0 für die Champions League qualifiziert. Wieder zog es mich zum Training am nächsten Morgen, diesmal sogar mit Conny, Reinhart und Olivia im Schlepptau.
Wenige Tage später spielten wir gegen den 1. FC Nürnberg, auch dieses Spiel endete 0:0, zum ersten Mal deutete sich an, dass einiges im Argen liegt, seit wir unseren Torschützen vom Dienst eingebüßt haben. Ein fades Spiel, am Ende konnten wir uns glücklich schätzen, das Spiel nicht auch noch verloren zu haben.
Für Wochenenden, an denen ich nicht in der Weltgeschichte herumreise, ist meine beste Freundin Julia besonders dankbar. Das Auswärtsspiel in Hamburg ging verloren, ich hatte dringend Aufmunterung nötig, diese bekam ich und genoss ich – und am Ende des Tages konnte ich sogar wieder lächeln.
Die Champions League Auslosung brachte uns die Glasgow Rangers (Schottland), den FC Sevilla (Spanien) und Unirea Urziceni (Rumänien), mit den Tickets für die entsprechenden Heimspiele habe ich mich sofort eingedeckt. Zunächst freute ich mich auf das Spiel gegen die Glasgow Rangers, welches vielversprechend begann, wir führten zur Halbzeitpause durch ein Tor von Pavel Pogrebnyak, der in den ersten Spielen einen guten Eindruck hinterließ. Am Ende stand es jedoch 1:1, böse Erinnerungen wurden wach an 2007, als wir ebenfalls in der Champions League Gruppenphase im 1. Spiel auf die Glasgow Rangers trafen, zur Halbzeit 1:0, am Ende 1:2, auch der Rest der Gruppenphase verlief katastrophal. Direkt nach dem Spiel ging es per Nachtfahrt zurück nach Leipzig.
Damals in Cottbus hatten sie Glück gebracht: meine Eltern. Zum ersten Mal nahm ich sie mir nach Stuttgart zum Heimspiel gegen Köln, was bereits Wochen zuvor feststand und auch alle Tickets organisiert wurden. Gerade gegen Köln sollte ein machbarer Heimsieg werden, so dachten wir jedenfalls. Wir wurden bitter enttäuscht, es hagelte Pfiffe und die Stimmung kippte. Offensichtlich bringen meine Eltern nur auswärts Glück, nicht zu Hause, das Spiel ende mit 0:2.
Pünktlich zum Cannstatter Wasen stand das Heimspiel gegen Bremen an, wie schon in den letzten beiden Saisons. Die Vorfreude auf dieses Spiel war riesengroß, endeten die letzten beiden Spiele gegen Bremen mit 6:3 und 4:1 für den VfB. Doch auch hier sollte es nicht sein, mit einer katastrophale Leistung verloren wir auch hier schnell den Faden, und später logischerweise auch das Spiel, erneut 0:2, erneut kein Tor geschossen, erneut die Deppen der Nation.
Unter dem Motto “20 Jahre friedliche Revolution” fand in Leipzig das sogenannte Lichtfest statt. Im Oktober 1989 fanden damals in Leipzig erstmals die Montagsdemonstration statt, als sich tausende von mutigen Menschen dazu entschlossen, auf die Straßen zu gehen und friedlich zu demonstrieren gegen die Politik im geteilten Deutschland. Ich war damals 3 Jahre, 3 Monate und 3 Wochen alt – und 20 Jahre später zog es mich auch auf die Straße.
Das ungeduldige Warten auf den 2. Heimsieg der Saison 2009/2010 – auch beim Spiel gegen Schalke wurde es enttäuscht. Dabei hatte mein Kumpel und Platznachbar Micha noch gemeint, wir würden zumindest nach dem 0:1 noch den Ausgleich erzielen, was auch so eintrat. Doch dann kam der Ex-Stuttgarter Kevin Kuranyi und stieß unseren Karren noch weiter in den Dreck.
Wieder englische Woche, wieder ein Champions League Heimspiel, diesmal gegen den FC Sevilla aus Spanien, so entschied ich mich auch, nach dem Spiel gegen Schalke in Stuttgart zu bleiben und mir zumindest trotz der Niederlage ein paar schöne Tage zu machen, was mit dem obligatorischen Trainingsbesuch und meinem ersten Besuch in der Wilhelma auch ganz gut geglückt ist.
Treffender hätte mein Titel für das Spiel gegen Sevilla kaum sein können: “Wenn alles steht, und keiner lacht” …hat Stuttgart keinen Punkt gemacht, schon wieder. Dabei sah es unterm Strich gar nicht so schlecht aus, wenn man von dem mehr als deutlichen Ergebnis von 1:3 mal dezent absieht.
Auch als gebürtige Ur-Leipzigerin und Großstadtkind gibt es Gegenden, in denen ich noch nie war, und wo ich nicht wirklich nochmal herumwandern möchte, zumindest nicht ohne Begleitung und/oder Orientierungssinn. Irgendwo in einem Wohngebiet in Leipzig-Miltitz lud mein Kumpel Hannes und meine beste Freundin Julia zum Bandauftritt ein, perfektes Timing, ich kam an und die Band betrat die Bühne.
Das Monatsende bildete das Spiel gegen die Bayern, kein Spiel wie jedes andere, die Rückkehr des Verräters ins Neckarstadion. Nach wochenlanger Tristesse hatte ich die Nase voll von den ewigen Niederlagen und Unentschieden, die keinem etwas nützen, Ende Oktober war ich aber einfach nur noch froh, dass mir der größte Alptraum erspart geblieben ist.
Obligatorisches Klassentreffen, zahlreiche Leute sind erschienen, darunter auch einige, die ich seit dem Abschluss 2002 und länger nicht mehr gesehen hatte. Es hatte wieder viel Spaß gemacht, besonders, dabei zuzusehen, dass 2, die sich früher die kalte Schulter zeigten, heute an einem Tisch sitzen können und sich angeregt unterhalten, wer hätte das damals gedacht.
Endlich 18! Meine Freundin Lisa hat Geburtstag und feiert mit der Familie, ihrem Freund und ein paar Verwandten, auch ich wurde kurzfristig eingeladen, um mich von der schmerzhaften 0:4-Niederlage des VfB abzulenken. Nach einem leckeren Abendessen ging es zum Kegeln, für mich völliges Neuland, Spaß gemacht hat es trotzdem.
Nicht nur die deutsche Fußballwelt ist erschüttert beim Tod von Nationaltorhüter Robert Enke, mit seinem Schienensuizid hinterlässt er Ehefrau Teresa und Tochter Leila, die erst wenige Monate alt ist. Nach dem Verdauen des Schocks und dem Ende der Trauer über einen sympathischen Sportsmann, bleibt das “Geschmäckle”, wie er das seiner Familie antun konnte. Doch niemand konnte in ihn hineinschauen.
Wieder passte ein stadionfreies Wochenende perfekt mit dem Bandauftritt meiner Julia zusammen, diesmal war es nur nicht der eigene oder der ihres Mannes, sondern von einer befreundeten Band. Coole Musik von einer Rock ‘n’ Roll Band aus Weimar.
Eine ganze Hinrunde wollte ich zumindest kompett durchziehen, nach den durchwachsenen Leistungen meines VfB in den letzten Monaten wurde einem Angst und Bange, wenn man nur an die letzten ausstehenden Spiele denkt, die man bei Saisonbeginn noch als sichere 3 Punkte eingeplant hatte. Und wenn du ein weiteres Mal in Führung gehst und es am Ende wieder nur 1:1 steht, dann kannst du eigentlich nur noch verzweifeln. Aber ich war froh, dass ich an diesem Tag in Stuttgart war und Abends in der VfB-Fankneipe, ich lernte den Fanclub “Cannstatter Kurve Berlin” kennen.
Schon zur Auslosung der Gruppenphase stand es fest: Auswärts nach Glasgow! Wochenlang habe ich mich auf dieses Highlight gefreut und darauf hingefiebert, dann war es endlich soweit. Ich schloss mich dem Berliner VfB-Fanclub an und bestieg zum ersten Mal in meinem Leben ein Flugzeug. Es war genial in Glasgow, bis auf das typisch schottische Wetter. Und das Spiel gegen die Glasgow Rangers war sensationell, weniger, weil wir souverän mit 2:0 siegten, es war die Stimmung, die so grandios war, wir hatten vom ersten Moment an die Oberhand und sangen die Rangers-Fans in Grund und Boden. Und als dann auch noch “You’ll never walk alone” angestimmt wurde und der ganze Gästeblock die rot-weißen Schals in die Luft streckte, erfreute es mein Herz.
Wie man es auch dreht und wendet, ein richtungsweisendes Spiel: Anfang Dezember ging es gegen Bochum, und um den Job von Trainer Markus Babbel, der weitermachen könnte, wenn dieses Spiel gewonnen werden würde. Doch was schreibe ich – ihr könnt es euch sicherlich denken: in letzter Minute kassierten wir das 1:1 und es kam nach dem Spiel zum Fanaufstand vor dem Stadion. Einen Tag später wurde Markus Babbel gefeuert, der neue Trainer Christian Gross aus der Schweiz übernahm, während ich noch auf dem Heimweg nach Leipzig war.
Das Klügste wäre eigentlich gewesen, in Stuttgart zu bleiben, doch mangels der Möglichkeit, kurzfristig zusätzliche Urlaubstage dazwischen zu schieben, war ich gewungen, Montags bis Mittwoch Mittag im Büro zu sein, bevor ich mich auf die Reise nach Stuttgart machte – erstmals mit dem Zug. Was würde passieren, so wenige Tage nach dem Trainerwechsel? Niemand konnte es sagen, aber erstaunt waren wir doch allesamt: nach nur 11 Minuten führten wir bereits 3:0, neuer Champions League Rekord, alle 3 Tore auf der Baustellenseite, wo wir die gesamte Saison nie getroffen hatten. 11 unglaubliche Minuten.
Mit einem breiten Dauergrinsen genoss ich den Rest der Woche, Dennis lud ein zur jährlichen Hinrundenabschlussfeier, auch bekannt als Weihnachtsfeier. Da die meisten der Teilnehmer zum eigentlichen Hinrundenabschluss eine Woche später selbst im Stadion sein würden, wurde die Feierlichkeit vorgezogen und mit Glühwein aus dem Wasserkocher und leckerem Nudelsalat aus einer riesen Schüssel ließen wir es uns gut gehen.
Auf gehts zum letzten Spiel der Hinrunde, der Gegner: Hoffenheim. Ich dachte eigentlich, ich hätte schon einst in Cottbus, Hannover und Wolfsburg erfahren, was es bedeutet, sich bei einem Spiel richtig den Allerwertesten abzufrieren, dieser Samstag 5 Tage vor Heiligabend setzte jedoch neue Maßstäbe. Mit der richtigen Warmhaltetechnik genoss ich den Tag, mit meinen Mädels Bea, Julia und Lena, weiteren Freunden und dem schönen Gefühl, nach dem souveränen 3:1 allmählich wieder auf dem Weg der Besserung zu sein.
Weihnachtszeit, stressige Zeit. Als alle Geschenke besorgt, verpackt und gegebenenfalls in die Weltgeschichte verschickt waren, sollte man meinen, einfach mal die Füße hochzulegen und die Seele baumeln zu lassen. Stattdessen tigerte ich lieber beladen mit meinem Stativ und meiner Kamera über den Leipziger Weihnachtsmarkt, bevor ich tags darauf Besuch von einer Freundin bekam und noch einen Tag später der Weihnachtsmarkt 2009 bereits Geschichte sein sollte.
Welcher Mensch geht an Heiligabend noch arbeiten? Nunja, ich zum Beispiel. Bis Mittags wurde noch fleißig gebastelt, geschraubt und repariert, bis ich zu meinen Eltern aufbrach und einen geselligen Nachmittag und Abend verbrachte, bevor ich später die Päckchen aufriss, die mir per Post zugeschickt wurden. Der Weihnachtsmann brachte unter anderem Kalender vom VfB, von den Simpsons und einen Selbstgebastelten, ein VfB-Puzzle, welches schon 48 Stunden später fast fertig war, Geld, was ich als Vielfahrerin immer gut gebrauchen kann sowie einige andere schöne Kleinigkeiten.
Wieder ist ein Jahr vergangen – und was für eins! Es war so ziemlich alles dabei: von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt, eine fantastische Rückrunde der Saison 2008/2009, eine schwerfällige, mitunter grausame Hinrunde der Saison 2009/2010, Siege, Niederlagen und viele Unentschieden. Und ein Kilometerstand, der sich sehen lassen kann.
Meine Auswärtsfahrten nach Glasgow (Schottland) und Timisoara (Rumänien) haben mit insgesamt 3539,25 Kilometern am meisten reingehauen, hinzu kamen einige kürzere Ausflüge nach Hannover, Cottbus und Wolfsburg sowie ganze 16 Fahrten nach Stuttgart für 18 Spiele (2 Überbrückungsaufenthalte), davon alleine 13 Mal in meiner ersten Saison als Dauerkartenbesitzerin.
Sommer, Sonnenschein, Temperaturen um die 30 Grad – das war das Wetter zum Saisonauftakt, ein halbes Jahr ist es her. Zum letzten Spiel der Hinrunde 2009/2010 gegen die TSG 1899 Hoffenheim gab es als krassen Gegensatz eiskalte -17 Grad und Schnee, Wind und Eis. Die Hoffnung, die Hinrunde ohne abgefrorene Körperteile zu überstehen, war das kleinere Übel, es interessierte mich vielmehr, nach einer nahezu verkorksten Hinrunde einen erfolgreichen Abschluss im Jahr 2009 zu schaffen. Und es gelang: (Eskimo)Prüfung bestanden.
Man nannte uns “Klimagipfel” – das Spiel mit den tiefsten gemessenen Temperaturen an jenem 17. Spieltag, ein Flutlichtspiel um 18:30 Uhr – nieder mit der Spieltagszerstückelung! Es hatte wenigstens eine gute Seite: im Vergleich zu normalen Spieltagen konnte ich relativ “ausschlafen”, mein Chauffeurservice holte mich halb 10 am Vormittag ab. Darauf hatte ich mich die ganze Hinrunde schon gefreut: eine Fahrt durch verschneite weiße Landschaften, Blitzeis auf der Autobahn und andere unangenehme Kuriositäten sind uns glücklicherweise erspart geblieben.
In Stuttgart angekommen zog es mich zu allererst in die Königsstraße zum Flanieren über den Weihnachtsmarkt – wobei “Darüberhetzen” dem ganzen schon eher entspricht, abgesehen von einer fünfminütigen Auszeit zum Verzehr von Schokofrüchten, soviel wird ja wohl noch erlaubt sein. Dann ging es aber schon in Richtung Stadion, beladen mit diversen Beuteln an Geschenken, die ich in der Halbzeitpause meinen Mädels Bea, Julia und Lena übergeben wollte.
Selbst mit Zwiebelsystem – mehreren Lagen an Kleidungsstücken inklusive Leggins unter den Jeans, mehrere Shirts und Pullover, Handschuhe und einer Nikolausmütze auf dem Kopf – gewann ich auf dem Weg zur heiligen Stätte einen vage Vorstellung von dem, was mich in den nächsten Stunden begleiten würde: eine Schweinekälte jenseits von Gut und Böse. Aber wir haben nun einmal keinen August mehr mit tropischen Temperaturen, und das Leben ist ja bekanntermaßen weder ein Ponyhof noch ein Wunschkonzert, nicht wahr?!
Zuerst durfte ich meinen Kumpel Phil begrüßen, der wie bei jedem Heimspiel fleißig Flyer verteilte und keinen Zweifel daran ließ, ihm würden jeden Moment die abgefrorenen Finger abfallen, die nur noch von seinen dicken Handschuhen zusammengehalten wurden.
Von hinten vernahm ich meinen Namen, gerufen von einer wohlbekannten Frauenstimme – Julia, Bea und Lena entdeckten mich, mein schwarzer Rucksack mit dem aufgestickten VfB-Wappen ist schließlich einmalig bei den Leuten unter 1,60 Metern Körpergröße mit künstlichem Fell an der Jacken-Kapuze – zumindest glaube ich das. Man begrüßte sich herzlich, hielt ein kurzes Schwätzchen und verabschiedete sich vorerst wieder – bis zur Halbzeitpause. Tapfer leistete ich Phil noch Gesellschaft, einander aufpassend, dass der andere nicht am Boden festfriert. Dann wurde es aber auch Zeit, man wünschte sich noch ein schönes Weihnachtsfest und drückte gegenseitig die Daumen für ein erfolgreiches Spiel.
Meine Mädels: Bea, Julia, ich & Lena
Als ich die Treppen zum Block 37c hochlief, kamen mir erste Zweifel, ob der Platzwart die Funktion der Rasenheizung verstanden hatte: auf einem schneebedeckten Spielfeld machten sich die beiden Mannschaften warm. Ich konnte lediglich unsere Spieler Cacau und Arthur Boka erkennen – man verzeihe mir den leicht rassistisch anmutenden Unterton, ein Schelm, wer Böses dabei denkt, aber man musste wirklich ganz genau hinsehen, um die weißen Leibchen unserer Jungs auf dem weißen Rasen zu erkennen.
Ich hatte befürchtet, dass meine Fotokamera bei diesen Temperaturen früher oder später ihren Dienst verweigern würde, hatte ich zudem auch noch vergessen, die Batterien frisch aufzuladen. So musste ich wehleidig hinnehmen, dass ich das, was ich mit am Besten kann – Torvideos – nicht machen konnte, welch traurige Begebenheit.
Danke! Dafür gabs ne Welle!
Bibbernd verfolgte ich den Beginn der ersten Hälfte, erfreute mich daran, dass wir kompakt standen und uns schon die ersten Chancen erarbeitetet hatten. Während die Jungs auf der Suche nach den richtigen Mitteln gegen ebenfalls gut gestaffelte Hoffenheimer waren, war ich auf der Suche nach der richtigen Warmhaltetechnik bei diesen arktischen Temperaturen, der Steinboden machte es auch nicht gerade einfacher. Letztenendes war es am wirksamsten, auf einem Bein stehen – alle 5 Minuten im Wechsel – schnell mit dem Fuß zu kreisen. Das sah mit sicherheit genauso dämlich aus, wie es sich anhörte – bewahrte mich aber wenigstens vor Frostbeulen.
Der Blick war ohnehin auf das Spielfeld gerichtet. Nach einer halben Stunde machte sich jeder so seine Gedanken, dass ein Tor dem Spiel gut tun würde – das hat der Fußballgott erhört und beschenkte uns noch vor Heiligabend mit einem Elfmeter, den der Hoffenheimer Andreas Ibertsberger durch ein Handspiel im Strafraum verschuldet hatte. Das Geschenk nahmen wir gerne an, Ciprian Marica schoss sein erstes Bundesligator in der laufenden Saison: schnell, hart, platziert – nichts zu machen für den Ersatzkeeper Haas, ein weiteres Mal drückte sich Ex-VfB-Torwart Timo Hildebrand vor seiner Rückkehr an die alte Wirkungsstätte.
Der Jubel war groß und das Blut geriet jedem in Wallung, welch willkommende thermische Erwärmung – in dieser Kälte blieb also nur zu hoffen, wir würden noch mehr Tore für unsere Mannschaft sehen, da würde jedem schon automatisch warm ums Herz werden.
Der Blick auf die Uhr offenbarte mir die näher rückende Halbzeitpause, schon fast auf dem Sprung nach draußen schaute ich mir noch die letzte Aktion der Hoffenheimer vor dem Pausenpfiff an, ein Freistoß in aussichtsreicher Position – böse Erinnerungen wurden wach, kassierten wir doch gegen Bochum kurz vor Schluss noch den Ausgleich aus ähnlicher Position, nur eben auf der Seite vor der Cannstatter Kurve. Die Mauer sprang hoch – nur einer nicht: Alex Hleb. Und eben jener war kurz genug gewachsen, damit die Flugbahn des getretenen Balls direkt über seinen Kopf unhaltbar ins Tor segelte – auch das noch, der Ausgleich zum Halbzeitpfiff. Nichtsdestotrotz freute ich mich auf die Geschenkübergabe mit meinen Mädels, zu der ich unverzüglich aufbrach.
Als die Geschenke den Besitzer wechselten und ich noch einmal eindringlich darauf hinwies, es jeweils erst am 24. Dezember zu öffnen und der letzte Live-Klatsch im Jahr 2009 beendet war, bewegte sich jeder wieder bibbernderweise zu seinem Platz zurück. Nicht ohne ein letztes Abschiedsfoto, “Die 4 Frostbeulen” nenne ich es. Alle dick eingepackt, aber die Temperaturen, die uns vom Stadionbesuch abhalten, müssen erst einmal erreicht werden!
Die zweite Halbzeit lief wieder etwas behäbig an, der Blick in Richtung des Stimmungskerns in der Cannstatter Kurve ließ mich seufzen – ich wäre lieber dort und würde mich mit Hopsen und Springen warm halten, statt einsam und allein ohne einen einzigen meiner gewohnten Nachbarn – wo waren die eigentlich alle? Währenddessen wurde der Hoffenheimer Luiz Gustavo für ein rüdes Foul an Sami Khedira vom Platz gestellt, ich persönlich habe es nicht einmal mitbekommen, dass wir seit der 52. Minute in Überzahl gespielt haben.
Mein Warmhalteprozedere führte ich fürs Erste unbeirrt fort, nach den ersten 13 Minuten der zweiten Hälfte musste ich es jedoch kurzfristig unterbrechen: Cacau, unsere schwarze Perle, erzielte die 2:1-Führung, und schon war es für einen Moment weg: die Kälte und die Angst, nicht wieder in die Spur zurückzufinden. Dass auch der tollste Verein der Welt es bisweilen schafft, Führungen noch aus der Hand zu geben, ist mir jedoch schnell wieder in den Sinn gekommen und so blieb zwar die Freude über den erneuten Führungstreffer, musste sich den Platz aber mit der Hoffnung teilen, es nicht wieder zu versauen.
Dann passierte lange Zeit nichts, das galt auch für meine Fotokamera, die sich nur noch gelegentlich dazu durchringen konnte, mir 5 Sekunden lang nütztlich zu sein: Kamera an, Fotomachen, Kamera aus – zu mehr reichte es nicht. Die letzten 10 Minuten des Spiels begannen, bitte, um Himmels Willen, bitte wenigstens heute einen dreckigen, aber verdienten Heimsieg. Jeder verzweifelte Angriff der Hoffenheimer unter der nüchternen “Anfeuerung” des mitgereisten Anhangs trieb mir den Angstschweiß auf die Stirn, der sofort zu Eis zu gefrieren drohte.
In der ganzen Hinrunde der Saison 2009/2010 schien dies nun der 3. Heimsieg zu werden, da waren sie, 3 Punkte auf dem Silbertablett, verziert mit einer Weihnachtsmütze und dem flehentlichen Wunsch, mit einem Sieg in die Winterpause zu gehen. Das kollektive Raunen machte die Runde, als Timo Gebhart völlig mutterseelenallein vor dem Tor auftauchte und eigentlich nur hätte nach links zum mitgelaufenen Cacau abspielen müssen – zu eigennützig, zu dämlich, solche Fehler können bitterböse bestraft werden, das weiß nicht nur ich.
Nur noch 8 Minuten. Die Uhr tickte, das Herz pochte, der Körper fror – und plötzlich hielt alles dreis für einen Moment an, in jenem Augenblick, als der lange ersehnte Bundesliga-Heimsieg mit dem 3:1 besiegelt wurde. An diesem Abend gab es einen Fußballgott – er trug das Trikot mit dem Brustring, Beflockung auf dem Rücken: Khedira. Wer auf dem Sitzplatz festgefroren war, fand schon probate Mittel, sich für diesen Moment zu erheben, die Arme in die Luft zu strecken und alles, was die vereisten Lungen hergaben, in den Stuttgarter Abendhimmel hinauszuschreien: SIEG!
Kurz vor Ende der regulären Spielzeit bekam Ludovic Magnin seinen letzten Einsatz im VfB-Trikot, er wechselt in der Winterpause in die Heimat zum FC Zürich, auf dass er dort einen schönen Winter seiner Karriere verbringen möge, ich wünsche ihm alles Gute. Mit tosendem Beifall für Magnin und die anderen Jungs wurde das Spiel schließlich abgepfiffen, sie war vorbei, die unterm Strich erschreckende Hinrunde, nun wollte man nur noch feiern. Frenetisch wurden sie bejubelt für eine Leistung, die sicherlich nicht weltklasse war, aber uns doch wenigstens ein Gefühl gibt, dass wir wieder auf dem Weg zurück sind, zurück dorthin, wo wir hingehören.
Mit einem Gefühl des puren Glücks verließ ich zum letzten Mal im alten Jahr das Stadion, schaute mich noch einmal um – wie damals, als ich zum ersten Mal hier war, mit der selben Leidenschaft, dem selben Kribbeln – heißgeliebtes Stadion, wir sehen uns schon bald wieder.
Ebenso zum letzten Mal in diesem Jahr führte mich mein Weg nach dem Spiel in die VfB-Fankneipe, die auch an diesem Abend gut besucht war, mit 4 Bekannten im Schlepptau, einer von ihnen, Rouven, ist schon längere Zeit ein guter Bekannter von mir. Genächtigt wurde später bei einem der Jungs in der Nähe von Heilbronn, am nächsten Tag ging es per Mitfahrgelegenheit zurück nach Leipzig, wenn auch nicht ohne Hindernisse, wie gefrierende Scheiben und eine gelegentlich vereiste Wischwasseranlage, die uns alle paar Kilometer zum Tankstellen-Boxenstopp zwang.
Die 3 Punkte konnte man mir jedoch nicht mehr nehmen, das war eines der wichtigsten Dinge an diesem Wochenende. Nicht alles lief optimal, aber das gute Gefühl des Sieges und im Besitz der Tatsache, eine – wenn auch traurige – Gewissheit mit nach Hause zu nehmen, das kann so viel mehr wert sein, als die Kurzfassung sich auch anhören mag: “19.12.2009, VfB Stuttgart – TSG 1899 Hoffenheim, 3:1″.
Von Neuanfängen, neuen Trainern und gebrochenen Flüchen – als Titel des Spielberichts wäre es etwas zu lang gewesen – dabei hätte es dennoch gepasst. Unser letztes Spiel in der Champions League Gruppenphase gegen die rumänische Mannschaft Unirea Urziceni sollte darüber entscheiden, ob wir ins Achtelfinale einziehen oder ob wir in der Europa League weiterspielen.
Mein Ticket
Viele erschreckende Szenen wurden von den Medien hochgepusht, die Stuttgarter Fans – zu Unrecht – als wütenden Pöbel dargestellt. Eine Stellungnahme von den Stuttgarter Ultras äußerte sich zu den Geschehnissen nach dem Heimspiel gegen Bochum, kombiniert mit dem Aufruf, beim Champions League Spiel wieder voll hinter der Mannschaft stehen zu wollen.
Mein Tag begann wie ein normaler Mittwoch – früh aufstehen und auf Arbeit fahren, zumindest noch bis 10:45 Uhr, als ich mich auf dem Weg zum Hauptbahnhof machte und mich in den Zug setzte – zum ersten Mal würde ich die Strecke mit der Deutschen Bahn zurücklege. Für einen Fahrpreis von 29 Euro bedeutete das 7 Stunden Fahrzeit und 2 Mal Umsteigen in Hof und Nürnberg. Und das alleine geschuldet der Tatsache, dass es fast unmöglich ist, unter der Woche um die Mittagszeit herum Mitfahrgelegenheiten für die Strecke Leipzig-Stuttgart zu finden. Ich war versorgt mit Lesestoff und MP3-Player, also machte ich mir da eigentlich keine großen Sorgen.
Meine Mädels Bea (links) und Julia (rechts)
Nach einer kurzen Panikattacke, als vor Hof der Zug eine halbe Stunde lang stand und ich voller Nervosität erst einmal den Zugbegleiter suchen musste, der mich zumindest bezüglich des zu erwischenden Anschlusszuges nach Nürnberg beruhigen konnte, verlief der Rest der Reise planmäßig und ich kam etwa halb 7 Uhr Abends in Stuttgart an. Willkommen in Stuttgart, willkommen im Kühlschrank – mit einem gefühlten Temperaturunterschied von 20 Grad im Vergleich zur Leipziger Mittagssonne.
Direkt gings auch zum Stadion, die Erinnerung an die hässlichen, wenn auch notwendigen Szenen war noch immer lebendig in meinem Kopf. Ein großes Polizeiaufgebot sorgte dafür, dass es nicht wieder soweit kommen muss. Dass es ruhig bleiben würde, dessen war ich mir doch ziemlich sicher. Ein kurzer Plausch mit einem alten Bekannten sowie mit meinen beiden Mädels Bea und Julia, und schon schlüpfte ich ein weiteres Mal durch die Eingangstore des Stadions.
Mannschaftsaufstellung
Bereits am Sonntag zuvor wurde unser neuer Trainer Christian Gross vorgestellt, der bereits 10 Jahre beim FC Basel war und auch in der englischen Premier League den Club Tottenham Hotspur aus der Abstiegszone geführt hatte – erfahren im Abstiegskampf, also wird es nun seine Aufgabe sein, mit unserer Mannschaft den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Unmittelbar nach der Bekanntgabe erkundigte ich mich bei meinem Schweizer Kumpel Michel, selbst Fan des FC Basel, der mir bis auf die Langweiligkeit seiner Interviews nur gutes zu berichten hatte.
Wechselgesang
Abgesehen von der Tatsache, dass zumindest die Fahnen in den 3xer-Blöcken noch nicht im Einsatz waren, so war die Unterstützung der Fans für ihre Mannschaft wieder da, als wäre nie etwas gewesen. Mit einem neuen Trainer auf der Bank und einigen unschönen Ereignissen ein paar Tage zuvor war es nicht abzusehen, wie wir in dieses Spiel hineingehen würden – aber so viel sei gesagt: weder ich, noch andere Leute, haben eine Erklärung dafür, was in den ersten Minuten passiert ist.
Nach 11 Minuten 3:0 – Champions League Rekord!
Viele Zuschauer waren noch gar nicht an ihren Plätzen – man wog sich in Gelassenheit, spielen wir doch in der 1. Halbzeit auf das Tor vor der Baustelle an der Untertürkheimer Kurve, das berühmte, berüchtigte und gefürchtete “Baustellentor”, was in dieser Saison bisher nie getroffen wurde. Glück für diejenigen, deren Aufmerksamkeit von Beginn an beim Spiel war, brach doch nach 5 Minuten der erste Jubel aus. Und unter was für Umständen! Unser rumänischer Problem-Stürmer Nummer 1, Ciprian Marica, traf in der 5. Minute ins Baustellentor – was zum…?
Oft wird gesagt, dass es egal ist, wer, wann und wie die Tore geschossen werden, solange man am Ende mindestens eines mehr schießt als der Gegner, doch diese Umstände waren doch höchst amüsant, erfreulich und erstaunlich zugleich. Auch wenn die frühe Freude etwas getrübt wurde von der zeitgleichen Angst, es am Ende wieder aus der Hand zu geben, wie so häufig in den letzten Monaten. Fürs erste freute man sich aber, und wie!
Torjubel vom 1:0 durch Ciprian Marica, 5. Minute
Die Stimmung im Stadion nahm sofort an Fahrt auf – “Olé Olé Olé, Olé Olé Ola, Olé Olé Olé, wir sind immer für euch da!”. Es wurde lediglich 3 Minuten nach dem erleichternden 1:0 unterbrochen: als das Stadion erneut Kopf stand beim 2:0 – ja was ist denn hier los? Unser Youngster und einer der Publikumslieblinge, Christian Träsch, absolvierte einen Sololauf über fast die gesamte gegnerische Spielhälfte, durchbrach die Abwehr und schob lässig zum 2:0, als wäre es das Einfachste der Welt.
Das 2:0 durch Christian Träsch, 8. Minute
Ich konnte es kaum fassen, ungläubig und euphorisch zugleich feierte ich mit meinen Sitznachbarn Andi und Martin sowie dem netten Unbekannten rechterhand, der ebenso keine Erklärung parat hatte. Absolut unglaublich, was hier abgeht. Und es war ja noch nicht vorbei. Die Freude hatte das Neckarstadion fest im Griff, die Stuttgarter standen Kopf, und als unser zweiter russischer Problem-Stürmer Pavel Pograbnyak in der 11. Minute das 3:0 schoss, so wurde die Baustellen-Arena endgültig zum Tollhaus. Unbegreiflich, unerklärlich, unbeschreiblich – 3 Mal Baustellentor innerhalb von nur 11 Minuten, 2 Stürmer trafen, die sonst nicht oder nur äußerst selten treffen, die schnellste 3:0-Führung in der Champions League Geschichte, ein neuer Rekord mit einem neuen Trainer.
Das 3:0 durch Pavel Pogrebnyak, 11. Minute
Nur 11 Minuten, nach Wochen und Monaten der Tristesse und des Frustes, nach unsäglich schlechten Leistungen und unnötig hergeschenkten Punkten, nur 11 Minuten um das alles für einen Moment vergessen zu machen. Verziehen haben wir die schlechten Leistungen sicherlich nicht, aber es war ein vielversprechender Neuanfang. Dass wir uns diese 3:0-Führung zum Sieg nicht mehr nehmen lassen würden, dessen war sich wohl jeder bewusst.
Nach dieser unglaublichen Anfangsphase schalteten die Jungs einen Gang zurück und ließen den Rest des Spiels gemächlich angehen. Uns war es (fast) egal, wir erfreuten uns am aktuellen Spielstand. In der Halbzeit besuchte ich zum letzten Mal im Jahr 2009 meinen Kumpel Martin, einander sahen wir uns an mit einem glücklichen, dennoch fragenden Blick. Oft wurden unsere Treffen in der Halbzeitpause überschattet von schlechter Laune aufgrund der miesen Darbietungen an dem Rasen, zum ersten Mal seit langer Zeit erfreuten wir uns an einem Heimspiel unserer Mannschaft.
Die zweite Halbzeit begann zunächst mit einem Schock, als Unirea den Anschlusstreffer zum 3:1 erzielte, das konnte uns allerdings nicht anhaben, denn es war zugleich der Endstand des Spiels. Ein paar sehenswerte Chancen für unsere Jungs waren auch dabei, aber weitere Tore sind nicht mehr gefallen. Hauptsache Weiterkommen, Hauptsache ein Sieg – zumindest theoretisch. Es steht dennoch sehr viel mehr in einem Spiel während einer so schwierigen Phase: Kampfgeist, Leidenschaft, Siegeswille, ohne diese Tugenden und ohne ein kleines bisschen Glück kann man keinen festgefahrenen Karren aus dem Dreck ziehen.
Olé Olé Ola
Es war ein guter Neuanfang – wir brauchten einen Sieg, und wir bekamen einen Sieg, weil wir mit dem Kopf durch die Wand gebrochen sind, unsere Jungs haben das gut gemacht, auf eine Art und Weise, die so nicht unbedingt zu erwarten war, nicht, nach allem, was in den letzten Tagen, Wochen und Monaten passiert ist. Direkt nach dem Spiel ging es auch schon wieder nach Hause, über Nacht fuhren wir gen Heimat, wo ich müde, aber glücklich ins Bett fiel um Mittags wieder zum Dienst im Büro anzutreten. Ereignisreiche 24 Stunden, das steht außer Frage.
VfB Allez
Natürlich ist es müßig, nun diskutieren zu wollen, dass es doch etwas mit dem Trainerwechsel zu tun hatte, so kurzfristig lagen die Ereignisse beieinander, zu unwahrscheinlich, dass es nur am Trainer liegt. Doch eines steht fest: ein kleines Stückchen Magie brachte die Lebenslinie des VfB Stuttgart wieder zum Ausschlagen.
Wer hätte vor einigen Wochen und Monaten denn ahnen können, dass ausgerechnet das Heimspiel gegen Bochum dazu beiträgt, dass sich der Wind in Stuttgart nun entscheidend gedreht hat. An diesem Abend zeigte sich die äußerst hässliche Fratze des Fan-Daseins. Und da es keine Stunden sind, an die ich gerne zurück erinnere, fasse ich mich kurz, denn mit diesem Spielbericht bin ich ohnehin schon spät dran.
Mit dem Rücken zur Wand, besser hätte man die Situation von Trainer Markus Babbel vor dem Spiel nicht beschreiben können – wieder kein Sieg, und es wäre nicht mehr tragbar gewesen, ihn als Trainer zu behalten. Sei die Rückrunde auch noch so fantastisch gewesen, wenn ein halbes Jahr später die Ergebnisse ausbleiben, ist auch der charismatischste und sympathischste Trainer nicht mehr zu halten, wenn von allen Seiten Druck ausgeübt wird.
Aus den letzten quälenden Wochen (Ausnahme: Glasgow) zog nun auch der Kern der Stuttgarter Fans seine Konsequenzen und gab am Tag vor dem Spiel in einer offiziellen Meldung bekannt, es würde seitens des Commando Cannstatt, der Stuttgarter Ultras, keine organisierte Stimmung geben, d.h. keine Vorsänger, und die allgemein an die Fans der 3xer Blöcke gerichtete Bitte, sich wenn möglich an dem Stimmungsboykott weitgehend zu beteiligen.
Schon vor dem Spiel war die Atmosphäre am Stadion eine eigenartige, keiner wusste so recht, was passieren würde. Ob dies als ein Zeichen gewertet werden würde, was die Fans setzen wollten um Mannschaft und Vorstand endlich aufzuwecken, blieb abzuwarten. Beim Anfahren des VfB-Busses ans Stadion wurde dieser kurzzeitig von einigen Stuttgarter Fans aufgehalten, die zum Kämpfen und Siegen aufforderten. Leider mischten sich darunter auch ein paar wenige Idioten, die ANGEBLICH (laut Ludovic Magnin) Tötungsgesten mit aufgeschlitzten Kehlen in Richtung der Spieler worfen – ob es stimmt, weiß ich nicht. Ich weiß ebenfalls nicht so ganz, wie ich diese Situation einschätzen sollte, ich habe nur später davon gehört und habe Fotos und Videos gesehen.
Wer nicht vom Stimmungsboykott gehört hatte, erlebte zum Spielbeginn eine herbe Überraschung, als beim Aufwärmen der Mannschaft das Plakat hochgehalten wurde mit den Worten: “14 Spiele, 11 Punkte, 11 Tore, 17. Platz” sowie beim Einlaufen “Euer Kredit ist verspielt!”. Die Kurve schwieg, und sieht man sich Fernsehausschnitte an, so kann man gut erkennen, wie irritiert die Spieler waren, dass keine Unterstützung von der Fankurve kam, die sonst immer mit so viel Herzblut und Leidenschaft bei der Sache ist.
Man nannte es Kellerduell – ob sich die Mannschaften auch entsprechend reingehauen haben, mag nicht nur an dieser Stelle gerne bezweifelt werden. Die sichtlich verunsicherten Jungs unserer Mannschaften stocherten nach dem Ball, kamen aber zu keinen wirklich nennenswerten Akzenten. So ging es mit einem 0:0 – und mit vielen Pfiffen – in die Kabine. Ein 0:0 gegen Bochum – und die Angst, es würde endgültig bergab gehen, spürte ausnahmslos jeder, dessen Herz für den Verein mit dem Brustring schlägt.
Es war wirklich befremdlich, ganz ohne die Fangesänge, das Gehopse und die Fahnen, eine eigenartige Situation. Doch auch, wenn sich viele in der Cannstatter Kurve der Stimmung und der Freude verweigerten, nach 68 Minuten vergaß man es dann doch für eine kurze Zeit: Innenverteidiger Serdar Tasci schenkte uns das 1:0 und ließ uns für kurze Zeit dann doch jubeln, bis man wieder verstummte.
Die lang ersehnten 3 Punkte auf dem Silbertablett, nur noch die Nachspielzeit überstehen… Doch als hätten wir in den letzten Wochen noch nicht genug durchmachen müssen, war uns dieser äußerst dreckige Sieg nicht vergönnt gewesen, noch nicht einmal in Überzahl, nachdem der Bochumer Diego Klimowicz 10 Minuten vor Schluss die rote Karte sah.
Nur eine dumme Aktion, nur ein unnötiger Freistoß für die Gäste, nur eine minute vor dem Ende der regulären Spielzeit. Ein perfekt platzierter Schuss mitten ins Herz – und die Aggressionen und der Frust bahnten sich ihren Weg: wieder nur 1:1. Man müsste abwarten, was passieren würde. Schräg hinter mir wurde ein Plakat entrollt: “2. Liga – wir kommen”. Eine Art Galgenhumor?
Draußen traf ich mich nochmal mit Kumpel Daniel, als nicht weit entfernt die ersten Böller und Kanonenschläge explodierten, bengalische Feuer wurden vor dem Stadion entzündet. Eine große Menge rannte sofort zum Ort des Geschehens und versammelte sich vor dem Ausgang an der Haupttribüne. Es wurde gesunden “Wir ham’ die Schnauze voll!”, “Wir singen Scheiß Millionäre” und weitere Parolen, von den im Fernsehen hochepushten Gesängen “Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot!” habe ich nichts direkt gehört. Beängstigende Szenen spielten sich auf der Mercedesstraße ab, ich beließ es dabei, das ganze lediglich aus einem sicheren Abstand zu beobachten. Es war klar, dass ein Zeichen gesetzt werden musste.
Am Abend suchte ich die VfB-Fankneipe auf, die mir in den letzten Wochen so sehr ans Herz gewachsen war und machte mir dennoch einen schönen Tagesausklang. Ich übernachtete bei einem Kumpel, zum Frühstück wurden gemeinsam die Geschehnisse des Abends aufgearbeitet, bis uns die Eilmeldung im TV von der Entlassung von Markus Babbel berichtete. Ich hatte lange so sehr gehofft, wir würden uns wieder fangen, bevor dieser Schritt nötig wird, was nun passieren würde, müsse man abwarten.
Frustriert fuhr ich am Nachmittag zurück nach Leipzig, erneut als einzige Frau im ganzen Auto, und als einziger Fußballfan. Um mich von den Gedanken abzulenken, das bei dem Verein, den ich mehr liebe als alles andere, derzeit so viel im Argen liegt, berichtete ich von erfolgreichen Reisen mit dem VfB Stuttgart – von Zeiten, als meine Fußballwelt noch in Ordnung war.