Was für ein Wochenende! Was für ein Spiel! Was für ein Wahnsinn! Endlich war es soweit, das erste Derby meines VfB Stuttgart gegen den Karlsruher SC stand am letzten Wochenende an. Noch immer schwebe ich wie auf einer Wolke, zehre noch von der Athmosphäre und Euphorie des Sonntagsspiels.
Ob es sich gelohnt hat? Lasst es mich so sagen: Man vermische zunächst die Grundzutaten Vorfreude und einen kräftigen Schuss Nervosität in einer weiten Form zusammen und lässt es ein paar Tage gären. Danach das Gemisch mit einem schnellen Rückstand abschrecken und somit einen markerschütternden Schock hervorrufen, bevor man mit 3 Toren der eigenen Mannschaft den Teig richtig zum Aufquellen bringt. Zu guter letzt verziert man das unglaublich euphorisierte Gemisch mit einer Zuckerglasur und schreibt in der allerschönsten Schönschrift darauf: “Derbysieger”.
So siehts aus: Derbysieger. Man lasse es sich mal auf der Zunge zergehen: DERBYSIEGER. In den nächsten Tagen wird kein Wort so schön in meinen Ohren klingen. Einst hat mir mein Kumpel Jonas nach einer herben VfB-Niederlage gesagt: “Geduld. Solche Spiele muss man mitmachen, damit man sich in den wirklich großen, genialen Momenten wieder daran erinnert, was einen so begeistert.”, zumindest so ähnlich. Und er hatte Recht.
Es war sicher nicht das schönste Spiel, aber die Stimmung im Stadion und das Endergebnis auf der Anzeigetafel werden mir ewig in Erinnerung bleiben als das erste baden-württembergische Derby, bei dem ich live dabei war. Auch wenn die Spieler und Fans das Ergebnis wegen gewissen Abseits-Situationen monieren, es interessiert doch am Ende sowieso keinen mehr, mal abgesehen von den Verlierern.
Los gings nicht erst am Sonntag, an dem das Spiel stattfand, sondern bereits am Samstag in aller Herrgottsfrühe. Wer steht schon gerne freiwillig um 6 Uhr morgens auf? Ich zum Beispiel, vorausgesetzt mit dem Wissen, das ich wieder zum Fußball fahre – oder wieder einmal gefahren werde, pünktlich dreiviertel Acht stand mein Stammfahrer auf der Matte und sackte mich ein, los gehts mit vollem Tempo in Richtung Stuttgart!
Am Hauptbahnhof in Leipzig nahmen wir noch einen weiteren Mitfahrer mit, der nur auf der Durchreise war, wieder kein Fußballfan, aber was solls – das Leben ist schließlich kein Wunschkonzert, nicht wahr? Kurz nach Mittag kamen wir in der Hauptstadt Baden-Württembergs an, wo mein Fahrer erst einmal tanken gehen wollte. Während ich im Auto sitzen blieb und auf den gerade zahlenden Fahrzeughalter wartete, kreuzten sich meine Blicke mit denen eines dunkelhäutigen jungen Mannes, der ebenfalls auf dem Weg zum bezahlen war. Er starrte mich an und ich starrte regungslos zurück, während in meinem Kopf mein Gedächtnis versuchte, die Information zu finden: “Moment mal, irgendwo hast du den doch schonmal gesehen…wer ist das?”. Verdutzt schaute ich ihm hinterher, es wollte mir einfach nicht einfallen. Plötzlich sah ich das Kennzeichen seiner großen Karosse: S – AB. Und es dämmerte mir: Oh mein Gott… du bist VfB-Fan und erkennst nicht mal den eignen VfB-Abwehrspieler Arthur Boka, von dem du bereits Autogramm und Foto hast. Stattdessen starrte ich ihn an wie ein Reh im Scheinwerferlicht.
Halb schmunzelnd, halb peinlich berührt über die Tatsache, das ich die eigenen Spieler nicht mal erkenne, wenn sie an mir vorbeilaufen, trennten sich am Hauptbahnhof vorerst unsere Wege, ich suchte mir erst einmal was Gutes zum Mittagessen und nach einigem Shoppen in der Innenstadt quartierte ich mich für die nächsten Stunden in einem netten Sportcafe ein, welches ich nur fand, in dem ich von der Hauptstraße im Zick-Zack abgebogen bin. Ohne meinen Mini-Stadtplan, den ich mir gleich nach meiner Ankunft noch schnell besorgte, wäre ich natürlich nie auf die Idee gekommen einfach loszulaufen, ohne zu wissen, wohin mich der Weg führt.
Nachdem ich mich nach der Bundesliga-Konferenz und einem leckeren Abendessen mit einem mehr oder wenig verrückt wirkenden Dauergrinsen aus dem Cafe begab (man sieht ja nicht alle Tage, das der ach so große FC Bayern München mit 5:2 verprügelt wird – Danke Werder!), waren zu meiner Enttäuschung schon die meisten Geschäfte geschlossen. Wirklich schade, aus meinem Leipzig kenne bin ich vielerorts längere Öffnungszeiten in der Innenstadt gewohnt, wie 22 Uhr zum Beispiel.
Die Nacht wurde entsprechend kurz, so nervös und aufgeregt ich schon war. Schließlich konnte ich mir keinen anderen Gau-Zustand vorstellen, als mein erstes Derby im Heimstadion zu verlieren. Das Horoskop stand zumindest schonmal auf meiner Seite: “Sonntag wird Ihr Glückstag!” – na wenn das Horoskop das sagt, muss da ja was Wahres dran sein… oder etwa nicht? ;)
Mit meinem Stammfahrer, der auch schon ein guter Freund von mir geworden ist, ging es noch zu einem Bekannten von ihm, wo am späten Vormittag erstmal die VfB-Fahne am Fahnenmast gehisst wurde, als Glücksbringer. Und von denen kann ich ja eigentlich nie genug haben. Jedenfalls war das bisher glücksbringende Gomez-Shirt, welches ich von den Kollegen zum Geburtstag bekam, bereits mit am Start.
Am frühen Nachmittag brachen wir zu der Gaststätte “Ottos Vesperstüble” auf, der Stammkneipe meines Fahres in der Nähe des Stadions. Nach unzähligen SMS konnte ich mich auch mit Julia und ihrer Schwester Lena kurzschließen, wo wir uns treffen. Ich habe die Beiden seit dem Mannschaftstraining im Mai nicht mehr gesehen, wo ich sie schließlich auch durch einen tollen Zufall kennengelernt hatte, genau in jenen Stunden, wo ich Arthur Boka mit zittriger Stimme um ein Autogramm bat, mir aber das Glück nicht vergönnt war, auch Mario Gomez zu erwischen.
Sichtlich erfreut, uns wieder zu sehen, liefen wir Drei zu Fuß zum Stadion, schließlich war es nicht mehr weit. Es war noch früh, erst Viertel Drei, noch genug Zeit bis Spielbeginn um Fünf. Für mich hieß der Plan: Treffpunkt Polizeisportverein, kurz PSV, eine Gaststätte direkt am Stadion auf Seite der Untertürkheimer Kurve, wo ich meinen Platz in Block 67b, genau am Scheitelpunkt der Fankurve, hatte.
Jonas und Micha wiederzusehen, freute mich ebenfalls zusehendst, die beiden Mädels nahm ich kurzerhand mit. Man plauderte und amüsierte sich zusehendst, ich kam auch zu meinem ersehnten Mittagessen, was bisher hatte auf sich warten lassen. Auf Michael (ein anderer, hehe), der aus Basel kommt und dem ich die erneute Errungenschaft über meinen kleinen EM-Ball aus Basel vom Viertelfinale verdanke, kam grinsend auf mich zu, welche Freude.
Die in mir immer mehr ansteigende Nervosität hat man mir höchstwahrscheinlich dann doch angesehen, ähnlich wie vor dem EM-Spiel Deutschland gegen Österreich war ich unfähig, die Ruhe zu bewahren und mich entspannt auf das zu freuen, was da vor mir liegt. Nahezu hyperaktiv und aufgedreht musste ich mich bei Leibe zusammen reißen, nicht förmlich zu explodieren, jedenfalls noch nicht vor dem Spiel. Es gelang nur mäßig, befürchte ich.
Dann war das kurze, aber feine Fantreffen schon wieder vorbei – einige wohlbekannte Forenuser konnten aus offensichtlichen Gründen nicht dabei sein, der Sonderzug aus Karlsruhe wurde per Polizeieskorte direkt in den Gästeblock geleitet. Ein paar wenige KSC-Fans verirrten sich dennoch in die Untertürkheimer Kurve als in den Gästeblock, dennoch waren es wenige, und das war auch gut so.
Auf gehts, mit pochendem Herz und steigendem Puls steckte ich meine Karte in den Ticketscanner und schritt durch das Drehkreuz, fast symbolisch für: “Es gibt kein Zurück mehr”. Schnell noch 2 Stadionhefte mit unserem durchaus fähigen Neuzugang Khalid Boulahrouz auf dem Deckblatt suchte ich meinen Eingang. Wie war das nochmal: “Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen…verschärfte Kontrollen…vermehrtes Sicherheitspersonal…”? Davon merkte ich rein gar nichts, im Gegenteil: entweder ich wurde schlichtweg übersehen und rutschte unbemerkt durch, oder es fand keine Kontrolle der offensichtlichen VfB-Fans statt. Sobald ich durch das Drehkreuz war und bis ich an meinem Platz saß wurde ich kein einziges Mal abgetastet. Sollte einen das auf irgendeine Weise beunruhigen?
Oft war ich noch nicht in Stuttgart, dieses Mal war es das dritte Heimspiel für mich, das Adrenalin schoss mir schneller in die Adern als mein Fahrer die Autobahn entlang gerast ist. Hier und heute wolle der VfB Stuttgart gewinnen, er wollte Derbysieger werden, 3 Punkte einfahren, die eigenen Fans beglücken und beweisen: es geht um mehr als einen Heimsieg. Es geht um die Ehre und die fußballerische Vorherrschaft im Lande Baden-Württemberg. Das wussten die Spieler, die noch in den Kabinen waren und auf die Fans, die schon fast vollzählig waren.
Von dem Platz, der mir zugewiesen wurde, wusste ich ja bereits, das er vermutlich nicht die beste Sicht aufs Spielfeld ermöglichte, wenige Minuten später merkte ich aber: es war genau richtig so! Sofort plauderte ich mich den jungen Männern, die links und rechts neben mir saßen, erfreute mich (wie immer) an der Mannschaftsaufstellung und wartete auf die Choreographie, es wurde ja bereits im Vorfeld angekündigt: “Eine riesige Choreo”. Was ich dann sah, als die Mannschaften um kurz vor 17 Uhr an jenem Sonntag Nachmittag im September 2008 das Feld betraten, jagte mir eine äußerst positive Gänsehaut ein: die komplette Cannstatter Kurve erstrahlte in den Farben Württembergs: rot, schwarz, gelb, tausende wedelnde Fähnchen, perfekt abgestimmt ins Gesamtbild, dazu ein Reiter zu hohem Ross, es war der Wahnsinn.
Zu oft in letzter Zeit hatte der VfB Stuttgart Anflüge des sogenannten “Schnarchfußballs”, mangelnde Konzentration, Lauffaulheit und eine kleine gewisse Überheblichkeit lassen einen die Spiele nicht immer vollends genießen. Dass man dies schon in den ersten Minuten eines derart wichtigen Spiels erfahren kann, stand sowieso zu befürchten: nach nur wenigen Minuten spielte der KSC eine gute Kombination in meine Richtung, wo Jens Lehmann mit grasgrünem Trikot zwischen den Pfosten stand, es aber dennoch nicht verhundern konnte, das das ausgebeulte Netz für euphorische gute Laune im Gästeblock sorgte. Ich war schockiert. Unfähig zu glauben, was da gerade eben passiert ist, benötigte ich schon ein paar Sekunden, um mich wieder zu sammeln. Fassen wir mal zusammen: es ist das wichtigste Spiel der Saison. Es sind 8 Minuten gespielt. Wir liegen 0:1 hinten. Oh mein Gott!
Die Gesichtsfarbe kehrte allmählich zurück, das war genau der Weckruf, den die Jungs brauchten, schon bald übernahm der VfB mehr Spielanteile und spielte putzmunter nach vorne, die Chancen blieben aber ausgeglichten. Mein Herz pochte, der Puls raste, anhand der Geräuschkulisse, die aus der Richtung der Cannstatter Kurve zu vernehmen war, wusste ich, dass sich die guten Chancen für die Roten mehrten.
Es war schon immer meine Devise: “ich verlasse mich auf den Jubel der Anderen”, so auch kurz vor der Halbzeitpause. Unser Mittelfeldspieler Sami Khedira neigt dazu, wichtige Tore mit dem Kopf zu machen, nachdem er den VfB am 34. Spieltag der vorletzten Saison zur Meisterschaft geköpft hatte, besorgte den Ausgleich, die Erleichterung brav förmlich aus mir heraus, alle Aufregung, alle das “Oooooh” bei versemmelten Torchancen und gehaltenen Bällen, all das sprudelte heraus: der VfB war wieder dran, 1:1 zur Halbzeit. Jetzt brauch ich erstmal eine Pause.
Während ich herausfand, das der junge Mann zu meiner Linken aus der schwäbischen Alb kommt und der zu meiner Rechten eigentlich ein Dortmund-Fan aus Schwaben ist – mein Beileid galt besonders ihm, schaute er doch hilflos auf der Anzeigetafel Tor um Tor für Hoffenheim im Duell gegen Dortmund fallen – erwartete ich gespannt den Wiederanpfiff.
Im zweiten Durchgang machten die Jungs ein besseres Spiel als noch vor dem Pausenpfiff, der Ausgleichstreffer hat sichtlich gut getan. Der Erzfeind aus Baden tat sich zunehmend schwer, was mir zunehmend gefiel, wie ich zugeben muss. Voller Hoffnung, in der zweiten Hälfte noch einige Tore für den VfB zu sehen, war ich froh, den VfB jetzt direkt in meine Richtung spielen zu sehen. Ich wollte Zeitzeugin des Stuttgarter Sieges werden, und nun mussten sie “nichts weiter” tun, als in meine Richtung zu schießen, wo ich doch fast direkt hinter dem Tor saß.
Das Gefühl ist bekannt: der eigene Verein ist überlegen, schafft es aber nicht, zahlreiche Chancen in Tore zu verwandeln, wie es nunmal manchmal so ist. Die Minuten verinnten, knapp mehr als eine Stunde war bereits gespielt, es wurde höchste Zeit für das nächste Stuttgarter Tor – und als hätte der Fußballgott mein stilles Gebet erhöht, schenkte er es mir. Wie schon beim ersten Tor lief die Kamera mit, ein wildes Schütteln und die pure Freude bei den heimischen Fans, egal ob 5 Minuten 5 Stunden vom Stadion wohnend, verwandelte das Stadion in ein Tollhaus.
Erst auf der Anzeigetafel sah ich genau, wem wir es zu verdanken hatte: natürlich Mario Gomez! Während von der Cannstatter Kurve gellende Sprechchöre “Mario Gomez! Mario Gomez! Mario Gomez!” erklangen und das Herz eines jeden VfB-Fans erwärmten, hörte ich von der anderen Seite aus Richtung des Gästeblocks nur “Gomez, du Arschloch!” – die waren über das gedrehte Spiel nicht sonderlich erfreut, mich selbst erfreute es zusehendst.
Der Rest des Spiels bestand erneut aus vielen Stuttgarter und wenigen Karlsruher Torchancen, was auf dem Spielfeld passierte, nahm ich nur noch zur Hälfte wahr, ich war absolut hingerissen von der berauschenden Atmosphäre in der Mercedes-Benz-Arena. Auf dem besten Weg, Doppel-Derbysieger 2008 zu werden (wir gewannen das letzte Derby – ebenfalls zu Hause – auch mit 3:1), spielte der VfB das Duell konsequent durch, ließ kaum noch Chancen für den KSC zu. Ich weigerte mich, daran zu denken, was passieren würde, wenn Karlsruhe noch einmal ausgleichen sollte, stattdessen suhlte ich mich förmlich in meinen eigenen Glücksgefühlen und gab mich der kollektiven Freude hin.
Ein nicht immer ganz souveränes, aber dennoch verdientes 2:1 wäre durchaus ein Ergebnis gewesen, mit dem ich hätte leben können. Wenn man ganz fest an die Stärke des eigenen Teams glaubt, kann das Wunder bewirken, glaube ich. Ohne ein weiteres Karlsruher Tor sehnte ich den Abpfiff dabei, ein letztes Angriff des VfB sah ich auf mich zukommen. Bei diesem Ergebnis geriet ich zumindest nicht mehr ins Schwitzen, hoffend und betend, das dieser Ball das Ziel doch bitte finden würde. Ich dachte nicht mehr an ein 3:1, aber bekam es trotzdem: letzte Saison noch der vorschnell als “Fehleinkauf” eingestufte Rumäne Ciprian Marica, in dieser Saison schon wachsendes ein Stürmerjuwel, machte wenige Momente vor Schluss den Deckel drauf. Nach einem erneuten euphorischen Gefühlsausbruch meinerseits ging ich schon pünktlich mit dem ersehnten Schlusspfiff in mich und sagte mir selbst: Derbysieger. Und du warst dabei.
Brisanz und Feuer finden bei großen Derbys immer wieder zusammen, provoziert von den Stuttgarten und sichtlich unzufrieden mit dem Ergebnis sorgten einige Badener im Gästeblock für Unruhe, versuchten, über den Zaun zu klettern. Dennoch fand ich gefallen daran, mich zum Gästeblock zu drehen, zu winken und genüsslich “Auf Wiedersehen!” zu singen.
Stolz, Dankbarkeit, Erleichterung und unendliche Freude beschreiben den Moment des Abpfiffs aus meiner Sicht. Und plötzlich war sie wie weggeblasen: die Anspannung und Nervosität der letzten Minuten, Stunden, Tage und Wochen, ich freute mich unendlich sehr auf diesen einen Moment, und nun war er da und ich genoss ihn mit Hingabe, zusammen mit 55.000 anderen Zuschauern und für mich ganz alleine.
Ich finde es etwas schade, das die Mannschaft nach einem köstlichen “Humba, Humba” in der Cannstatter Kurve nicht noch einmal um das ganze Stadion gelaufen ist und sich bedankt hat, schnell verschwanden sie wieder in der Kabine. Verzeihen werde ich es ihnen trotzdem. Schnell noch ein paar Fotos vom sich leerenden Stadion gemacht und mit 2 jungen Herren geplaudert, die ich bat, ein Foto von mir mit dem Stadion im Rücken zu machen. An diesem Wochenende habe ich sie einige Male erzählt und doch immer wieder Erstaunen und Respekt geerntet: die Geschichte, was eine junge Leipzigeren zum Verein für Begeisterung nach Stuttgart gebracht hat.
Leider verpasste ich die letzte Bahn, wusste mich aber mit Kurzweil zu versorgen in dem ich mich wieder selbst in neue Gespräche verwickelte, die riesige VfB-Fahne, die ich mir vor dem Stadion für 15 Euro geholt hatte, wurde fest von meiner nun gar nicht mehr zittrigen Hand umschlossen.
Endlich am Stuttgarter Hauptbahnhof angekommen fand ich nach einigen orientierungstechnischen Schwierigkeiten dann auch meinen Fahrer wieder. Etwas verdutzt, das wir zu Fünft und nicht wie üblich zu Viert fahren, musste ich auf dem mittleren Rücksitz Platz nehmen. Ich schwitzte, hatte Hunger und Durst und war auch eingeschränkt in meiner Bewegungsfreiheit – doch es war mir egal. Immerhin war ich frisch gebackene Derbysiegerin!
Daheim war ich dann kurz nach Mitternacht, glücklicherweise hatte ich am nächsten Tag halbtags Urlaub genommen, als ich erfuhr, es würde ein Sonntagsspiel werden. Nahezu komatös, aber mit einem breiten Grinsen auf den Lippen fiel ich dann auch ins Bett und genoss einfach die Glücksgefühle, die mir dieses Wochenende hat erneut zuteil werden lassen.
Offiziell bin ich 22 Jahre, 3 Monate, 1 Tag und ein paar Stunden alt – zumindest theoretisch. Nach dem Länderspiel am vergangenen Mittwoch gegen Finnland sind es gefühlt ein paar mehr geworden. Wie man an einem derart nervenaufreibenden Spiel fast kaputt gehen kann, habe ich grenzwertig schon beinahe in Basel beim Viertelfinale Deutschland gegen Portugal erleben müssen, die letzten 10 Minuten werde ich so schnell nicht wieder vergessen. Und so wurde auch dieses WM-Qualifikationsspiel zur Geduldsprobe für Jogi Löw und die Nerven von 82 Millionen Deutschen.
Dass Finnland nicht zu unterschätzen ist, wussten wir. Schon bei der Auslosung hieß es, Finnland sei ein unbequemer Gegner, gegen den man in der Vergangenheit nur schwierige Spiele hatte. Zusammen mit Russland bildet das frostige Land im Norden einen der schwierigsten Gruppengegner in der Qualifikation, nur der Erste kommt weiter – aber mal ehrlich, was ist denn eine WM ohne Deutschland? Ich denke, das sollte trotz allem machbar sein.
Wieder bei meinen Eltern auf dem Stammplatz hingepflanzt, diesmal ohne Glücksshirt oder Glückstrikot (soviel zum Thema Fußball-Aberglaube), plätscherte die Partie zunächst vor sich hin. Sie war zwar von Beginn an spannend mit betonten Zweikämpfen, doch wirklich zwingende Torchancen kamen auf beiden Seiten nur höchst selten zustande.
So ehrlich muss ich dann schon sein: das, was ich sah, gefiel mir nicht. Die Finnen hatten mehr Spielanteile, spielten besser und offensiver nach vorne – und genau das verwirrte nicht nur mich, sondern auch alle anderen Deutschen, allen voran Jogi Löw, Hansi Flick, Andi Köpke und Urs Siegenthaler (“Der Codeknacker”, analysiert seit einigen Jahren jeden Gegner der Nationalmannschaft und bespricht die Ergebnisse mit der Mannschaft, Anm. d. Red.) – keiner, aber wirklich KEINER konnte ahnen, das die Finnen offensiv ausgerichtet spielen würden, wo man sie doch als defensiv, zweikampfstark und unbequem kannte. Das nennt man dann wohl “pure Absicht”.
Als logische Konsequenz der nach vorne ausgerichteten Finnen fiel nach einer halben Stunde das erste Tor, da hat die Abwehr wieder geschlafen. Meine Wenigkeit wurde erneut zum “Unruheherd” – wie mich mein Vater während der Länderspiele sowieso immer nennt – und schlug die Hände zum ersten Mal am Abend über den Kopf zusammen. Ob das gut geht? Noch war eine ganze Stunde zu spielen, aber wie gesagt: das, was ich sah, gefiel mir nicht. Und Gegentore gefallen schonmal grundsätzlich nicht.
Noch wusste ich nicht, was mich in diesem Spiel noch erwarten sollte. Nur wenige Minuten, nachdem der Finne den Ball ins Tor von Robert Enke buchsierte, spielten sich auch mal auf der anderen Seite des Spielfeldes ereignisreiche Szenen ab – Der Weiß-Blaue Spieler, der unser derzeitiges Sorgenkind Miro Klose im Strafraum fest hält, brockte Finnland damit einen Elfmeter für Deutschland ein – so dachte ich jedenfalls. Aber denkste! Klose spielte den Ball noch irgendwie ab, wurde währenddessen am Trikot gezerrt und der darauf erfolgte Jubelschrei aus dem Gästeblock wurde nur noch von meinem lauten Ausruf der puren Erleichterung übertönt.
Ausgerechnet Miro Klose bringt den Ausgleich! Ausgerechnet der, der in den letzten Wochen und Monaten gar nichts mehr getroffen hatte, auch in der Liga nicht (was ihm eine noch traurigere Quote einbrachte als – und es bricht mir das Herz, das aussprechen zu müssen – Mario Gomez), er wurde zum Kapitän gemacht und versagte kläglich im Spiel gegen Liechtenstein und wurde zu Recht ausgewechselt. Vertrauen ist in so einer Situation schwierig, aber machbar, das hat uns Jogi Löw bewiesen, er stellte ihn wieder auf und prompt glich er den 0:1-Rückstand aus. Miro is back!
Danach passierte außer den üblichen starken Zweikämpfen und einigen verpassten Chancen auf beiden Seiten nicht viel und man näherte sich der Halbzeitpause, 3 Minuten vorm Abpfiff wollte keiner so recht glauben, das hier noch was passiert in der 1. Halbzeit. Und schon wieder: denkste! Erneut klingelte es im Kasten, nur wenige Minuten nach dem Ausgleich, und wieder war es Finnland, die in Führung gingen – das darf doch nicht wahr sein! Es gehört zu den schwersten Dingen, die man sich während und nach dem Spiel eingestehen muss: es war ein schönes Tor, von dem ich mir so oft gewünscht hätte, die deutsche Nationalmannschaft oder der VfB Stuttgart hätte es geschossen.
In einem Spiel wie diesem ist nichts unmöglich! So passte es ins Bild, das bei dieser irren Partie auch der erneute Ausgleich postwendend kam. Und es war nur zu ironisch, dennoch sehr euphorisierend, das es erneut Klose war, der uns die Schlinge um den Hals wieder etwas gelockert hat. Nach einem Eckball, aus denen in der Vergangenheit ohnehin zu wenige deutsche Tore in der Nationalmannschaft fielen, ließ der finnische Torwart den Ball nur nach vorne abklatschen, Klose war da und staubte ab, der pure Wahnsinn. Meinen Jubelschrei hat man vermutlich noch bis nach Leipzig-Lindenau gehört, aber wen interessiert das schon. Um es mit den Worten von Kommentator Bela Rethy zu sagen: “Hier ist Musik drin!”. Ein 2:2 nach 45 Minuten, 4 Tore innerhalb von nicht einmal 15 Minuten, was mag da noch in der 2. Halbzeit kommen? Man durfte gespannt sein.
So spannend, wie die 2. Hälfte der 1. Halbzeit war, so ging es auch in der 2. Halbzeit weiter. Wer 2 Gegentore gegen Finnland kassiert, sollte sich doch eigentlich mal Gedanken über die Abwehr machen, nicht wahr? Die Kabinenansprache von Jogi Löw war hoffentlich deftig. Aber auch wenn der Anschiss in der Kabine entsprechend war, so ließ sich die Abwehr anscheinend nicht davon beeindrucken: Wie kann man einen Finnen unbeobachtet und ungedeckt nach einer Ecke zum Kopfball kommen lassen, der damit das 3:2 für den Norden erzielt? Der gesamten Abwehrreihe hätte ich am liebsten eine Ohrfeige verpasst, jedem einzelnen, der sich “Abwehrspieler” nennen darf – aber wirklich jedem einzelnen, nach einander.
Man stelle sich meine Wenigkeit, ich wiederhole, den “Unruheherd” in Person, vor, wie ich in der 53. Minute entsetzt das Gesicht in die Hände vergrabe und beinahe regungslos in mich zusammensackte. Schnell besinnte ich mich aber wieder darauf: wer 2 Mal zurückkommen kann, kann es vielleicht auch ein 3. Mal?! Leider ließ der prompte Ausgleich wieder auf sich warten. Es passierte nichts, überhaupt nichts, außer den üblichen vergeigten Torchancen, welche mir etliche stöhnende Bemerkungen wie “Boaaaah”, “Neiiiiin”, “Maaaaan” und “Mein Gott!” entlockten.
Aus dem Unruheherd wurde mittlerweile ein nervliches Wrack, die Augen weit aufgerissen, der Puls rasend, die Schweißperlen auf der Stirn und die Atmung schnell und aufgeregt, als ginge es um Leben und Tod. Wer seine Leidenschaft für etwas geben kann, wo es “nur” um 2x 11 Männer und einen Ball geht, für den steht und fällt der Moment zwischen absoluter Begeisterung und markerschütterndem Entsetzen mit nur einem einzigen Tor.
Keine 10 Minuten waren mehr Zeit, um den wenn auch nicht vollends zufrieden stellenden, und doch so verdienten Punkt zu erkämpfen. Alles war wir brauchen, ist ein bisschen Glück und den Fußballgott auf unserer Seite. Die letzten paar Minuten habe ich schon kaum noch hinsehen können, es war selten noch schwerer, nicht wieder mit dem Nägelknabbern anzufangen, da musste ich allerdings trotzdem durch. Nur noch wenige Minuten, kommt schon Jungs, schenkt mir zumindest noch ein einziges Tor. Was ich dann zu sehen bekam, war schon fast zu viel für mein an diesem Abend ohnehin schon geschwächtes Herz.
Es gibt nichts Adrenalinförderndes als Gestocher im gegnerischen Strafraum, nichts Hoffnungsvolleres als Ping Pong vorm gegnerischen Tor, nichts Entsetzenderes als zusehen zu müssen, wie einer nach dem anderen den Ball nicht ins Tor bekommt. Sollte es hier enden, in dieser Nacht, sollte das Ergebnis wirklich bei 3:2 bleiben, wo wir doch alles erdenkliche getan haben, um zumindest noch ein winziges verdientes Pünktchen zurück mit nach Deutschland zu nehmen?
Auf der einen Seite war mein Kopf leer, fast starre Augen blickten in das 5 Jahre alte Fernsehgerät in der Wohnung meiner Eltern, als würden meine Augen geöffnet sein und doch nichts sehen können. Auf der anderen Seite baute ich eine unglaubliche Spannung auf, wie eine tickende Zeitbombe, die vor Freude explodiert, würde der ersehnte 3. Ausgleich doch noch fallen.
Der Ball ging von einem deutschen Spieler zum nächsten, nur um wieder nur den Torwart oder den Pfosten zu treffen, bis wie aus dem nichts Klose mit dem Bein ausholte und den Ball mit einer gefühlten Geschwindigkeit von 350 km/h unhaltbar ins Netz drosch. Selten ist ein Schrei der puren Freude und der wahnsinnigen Erleichterung aus mir herausgeplatzt. Nur noch vage erinnere ich mich, dass ich auf der Couch meiner Eltern herumgesprungen bin, geschrien habe wie ein Fan, dessen Mannschaft gerade Weltmeister geworden ist und danach erleichtert auf die Knie gefallen bin.
Nach wenigen Sekunden kroch es wieder nach oben, welch undankbares Gefühl, was mir eiskalt den Rücken herunterlief: Sekunde, das Spiel ist noch nicht zu Ende, es kann noch etwas passieren. Minuten zogen sich nahezu ewig hin, auch die 3 Minuten Nachspielzeit, die der 4. Offizielle (ja genau, der 4. Offizielle war einst derjenige, der Jogi Löw beim Spiel Deutschland gegen Österreich bei der EM 2008 auf die Tribüne schickte) angezeigt hatte.
Es wäre noch alles drin gewesen, beide Mannschaften drängten in den allerletzten Minuten auf Sieg. Wäre noch ein Tor gefallen, wäre der Sieg für beide Mannschaften verdient gewesen, für den Verlierer wäre es schade gewesen. Ein absolut irres Spiel hätte seine Krönung in der 90. Minute haben können, als Klose den Siegtreffer für Deutschland auf dem Fuß hatte, aber es hatte nicht sollen sein.
Pünktlich mit dem Abpfiff sank mein ausgelaugter Körper mit einem Satz nach hinten, vor Erleichterung, das wir einen Punkt gerettet haben. Und wer weiß, vielleicht war auch kleinen wenig Enttäuschung dabei, denn es hätte mehr drin sein können, wenn man a) seine vielen Torchancen auch nutzt und b) die Abwehr Linie und Struktur hat, eben alles, was nicht wie ein Hühnerhaufen aussieht. Ein derart spannendes Spiel habe ich wie gesagt zuletzt beim Viertelfinale gesehen, nur war die Nacht, die ich einst in Basel zum besten Spiel meines Lebens gekürt habe, weitaus klarer vom Spielverlauf, als der kalte Abend in Helsinki.
Unterm Strich gibt es schönere Ergebnisse als ein 3:3. Wer hinten 3 Tore bekommt, sieht nicht gut aus. Wer vorne 3 Tore macht, sieht gut aus. Unterm Strich weiß ich jedoch ganz genau, wie ich für mich selbst dieses Spiel einordne: Tolle Moral. Fassen wir zusammen: wer 3 Mal nach einem Rückstand zurückkommt, der hat wirklich Moral und Nervenstärke. Ich allerdings muss mich in Nervenstärke noch üben. Das nächste Länderspiel gegen Russland wird sicherlich nicht einfacher und das baden-württembergische Derby zwischen meinem VfB Stuttgart und dem Karlsruher SC am nächsten Sonntag, bei dem ich live dabei bin, schonmal gar nicht.
Jedes Ergebnis unterhalb der 5-Tore-Führung wäre auch peinlich gewesen – am Samstag gewann die deutsche Nationalmannschaft souverän, aber glanzlos, gegen den Underdog Liechtenstein. Sechs Tore zum WM-Qualifikationsauftakt können sich durchaus sehen lassen.
Der Samstag schien mir diesmal ewig lang zu sein. Frühs die üblichen Wochenendbesorgungen und nachmittags ausnahmsweise mal nicht ins Sportcafe, welch komisches Gefühl. Dafür gings abends wie so üblich zu den Eltern zum Länderspielschauen.
Welcher Fußballfan ist der Tatsache abgeneigt, das sein eignes Team mit dem Gegner macht, was es wolle und das Spiel nach Belieben gestaltet – nicht nur mich erfüllt das mit großer Zufriedenheit. Den Gegner zu unterschätzen, wirkt er auch noch so schwach, sollte man ja ohnehin nie tun, was unsere Jungs ja auch nicht getan haben. Dennoch war ein Sieg Pflicht und die Torausbeute des Sixpacks noch lange nicht so viel, wie es offensichtlich und verdient gewesen wäre.
Scheisswetter. Anders vermochte man es wohl kaum zu beschreiben. Nicht nur in Leipzig herrschte “fantastisches” Wetter, sondern auch unten im kleinen Fürstentum Liechtenstein, unscheinbar gelegen zwischen Österreich und der Schweiz in der Nähe der Schweizer Stadt St. Gallen. Es regnete wie aus Kübeln, die ganze Zeit. An dieser Stelle hatte ich mit einigen Bekannten, von denen ich wusste, dass sie vor Ort sind, fast schon Mitleid. Aber eben auch nur fast.
“Na, wann fällt endlich das erste Tor?”, das fragte ich mich zu Recht, und damit stand ich weiß Gott nicht alleine da. Erst in der 21. Spielminute fand der Ball den Weg ins Tor. Nach Lukas Podolskis Doppelpack reihten sich darüber hinaus auch noch Thomas Hitzlsperger, Simon Rolfes, Heiko Westermann und Bastian Schweinsteiger. Wen ich noch gerne in der Torschützenliste gesehen hätte, weiß wohl jeder.
Man kann einiges Gutes aus diesem Spiel mitnehmen: aus einer fast komplett neu zusammengewürfelten Mannschaft gewinnt man 6:0, wenn auch erwarteterweise. Das Zusammenspiel unseres linken Flügels wird besser und besser, unsere Spieler treffen fast nach Belieben, vom Vollblutstürmer bis zum Abwehrbollwerk. Ernüchternd ist unterm Strich lediglich die “mangelnde Chancenverwertung”. Wen wundert es, wer ein 13:0 gegen die ähnlich schwachen Spieler von San Marino mit ansieht, der ist bei einem 6:0 im Rückspiel auch gern mal enttäuscht. Es lebe der Bruddler (jemand, der mehr oder weniger leise vor sich her schimpft, Anm. d. Red.)…!
Ich freue mich jetzt schon aufs Rückspiel, denn das wird am 29. März in Leipzig stattfinden. Ich hoffe, die Jungs denken auch im März noch daran: jedes Ergebnis unterhalb der 5-Tore-Führung wäre peinlich. Jetzt wird der Blick auf kommenden Mittwoch gerechnet, Finnland wartet als zweitstärkster Qualifikationsgegner (nach Russland) auf uns. Gern würde ich mit nach Helsinki fliegen, aber mehr als die bisher geplanten Spiele sind derzeit nicht drin.
Es hat auch seine Vorteile, zumindest ab und zu Stadion in der eigenen Stadt zu besuchen – Nach der Liveübertragung des WM-Halbfinales 2006 und dem Ligapokalfinale 2007 war es nun wieder soweit. Groß und breit wurde es angekündigt, das Testspiel von Lok Leipzig gegen Werder Bremen.
Natürlich ist es weder Nationalmannschaft, der VfB Stuttgart oder ein anderes Spiel mit Finalcharakter, aber ich wollte unbedingt dabei sein. Mit meiner guten Freundin Isabelle holten wir uns Tickets für den neutralen Bereich mit freier Platzwahl. Direkt nach der Arbeit gings letzten Mittwoch zum Stadion, unterwegs noch schnell die Izzy eingesackt und wir waren gut in der Zeit.
Der erste Schock direkt am Eingang: jeder, der einen Rucksack dabei hatte, musste diesen beim Sicherheitspersonal abgeben. In dem Moment freute ich mich über meine Entscheidung, doch lieber Handtasche statt Rucksack mitzunehmen. Isabelle musste ihren Rucksack abgeben – was im Nachgang noch für ordentlich Aufregung sorgen sollte.
Treppen, nichts als Treppen – aber irgendwann waren auch wir an unseren Plätzen, die wir uns auserkoren haben auf der Gegentribüne leicht in Richtung des Leipziger Blocks, der gut gefüllt war. Der Blick nach oben aus dem Stadiondach hinaus prophezeite uns durchgängig gutes Wetter, ein toller Fußballabend konnte beginnen.
Wie war das nochmal mit den Testspielen? Kantersiege der “großen” Mannschaften bei niederklassigen Gegnern im Bereich von beispielsweise 6:0 sind keine Seltenheit. Dieser ungeschriebenen Regel wollte sich der 1. FC Lok allerdings wohl nicht unterwerfen, und so entstand ein schnelles Spiel, in dem der Klassenunterschied von Werder Bremen nur selten aufblitzte – zur Freude der größtenteils Lok-lastigen Fans, die im (leider muss ich hier “selbstverständlich” schreiben) bei Weitem nicht ausverkauften Stadion waren, um sich an der Partie zu erfreuen.
Es ist schon ein wenig ironisch, das ausgerechnet ein ehemaliger Leipziger das erste Tor schoss – allerdings nicht für Lok Leipzig, sondern für den SV Werder Bremen, der 360 Kilometer aus dem Norden angereist ist. Der gebürtige Erfurter und ehemaliger VfB Leipzig-Spieler Clemens Fritz markierte das 0:1 aus Leipziger Sicht – doch von Schockstarre und großer Enttäuschung keine Spur.
Lok Leipzig drückte und presste weiter, immer wieder kamen sie zu Chancen, die aber einfach allesamt nicht den Weg ins Tor finden wollten. Bremen hatte zusehendst Schwierigkeiten in dieser für den Vizemeister doch recht schwachen Partie. Es war also keine Frage der Möglichkeit, sondern nur noch eine Frage der Zeit, bis der FC Lok sein Tor machen würde. An dieser Stelle möchte ich anmerken, welch illustrer und amüsanter Augenblick es war, das Stadion in eine gelb-blauen Jubeltaumel zu sehen. Ganz recht, Lok machte den Ausgleich – um kurz danach wieder in Rückstand zu geraten. Diesen Moment werden die Lok-Fans noch lange genießen.
Das ein weiteres Tor für Bremen fiel, mag die meisten Lok-Fans gar nicht mehr interessiert haben, unaufhörlich wurde die Mannschaft nach vorne gepeitscht, die Spieler heroisch besungen und jede halbwegs anständige Szene mit sensationellem Szenenapplaus bedacht.
Pünktlich zum Anpfiff hallte ein tosendes Gejubel durch das weite Stadionrund – man zeige mir ein anderes Stadion, was eine derartige Reaktion nach einer Niederlage gezeigt hat. Während die Lok-Fans ihre eigene Party feierten und alle doch recht gut gelaunt und mehr oder weniger zufrieden waren, suchte ich mit Isabelle den schnellsten Weg nach draußen, das Champions League Qualifikationsspiel ihres Vereins Schalke lief bereits schon ein paar Monaten, wir mussten uns sputen.
Vielleicht hätten wir uns merken sollen, bei welchem Eingang wir hineingegangen sind. Beim ersten Ausgang fragten wir den Ordner, während Izzy ihre Karte mit dem Aufkleber vorzeigte, wie weit es noch ist – und ja, wir beide haben einen absolut inakzeptablen Orientierungssinn. Der schickte uns in eine Richtung, bis wir am Rande des nächsten Sektors waren, also wieder zurück zu einem anderen Ordner, der uns in die richtige Richtung schickte. Endlich am richtigen Eingang angekommen, mehr oder weniger von miesgelaunten Ordnern bebrabbelt, gings hurtig ins Stammcafe in der Innenstadt.
Ich wünschte, ich hätte das meiner Fußball-Kumpanin ersparen können: erst Ärger mit dem Finden des Rucksacks und dann das besagte Spiel von Schalke, was vorzeitig als “Schalke-Schande” in die Boulevardpresse eingehen sollte. Schalke verlor das Spiel 0:4 und steht somit nun im UEFA-Cup. Mir muss niemand sagen, wie es sich anfühlt – auch wenn ich noch nicht lange VfB-Fan bin, so musste ich doch bereits enorme Leidensfähigkeiten an den Tag legen.
Es war ein gutes Spiel, was ich heute Abend im Stadion gesehen habe – dennoch ist der Funke nicht übergesprungen. Ich kann mich einfach nicht für den lokalen Fußball begeistern. Der Leipziger Fußball langweilt und widert mich in gewisser Weise sogar richtig an, zu groß sind die Probleme mit Gewalt, Aggression und Hooliganismus. Ich bestreite nicht, das der Verein auch tolle Fans, tolle Spieler und tolle Spiele haben kann – aber ich habe kein Interesse, mich anstrengend durch die harte Hülle des schlechten Images zu kämpfen.