Es geht doch nichts über liebgewonnene Traditionen. Jeden Freitag Abend mit den Eltern zu Abend essen, jeden Samstag im Sportcafe verbringen… oder eben alle halben Jahre einen Bandabend mit Freunden und Bekannten erleben. Es geht nichts über Traditionen.
Jedes Jahr im April ruft mich der Saturday Night Bandstand nach Geithain, gut 50 Kilometer von hier entfernt und zusammen mit meiner Begleitung Hannes stellten wir sogar einen neuen Rekord auf: trotz teilweise Schneckentempos waren wir bereits in einer halben Stunde da – das muss erstmal einer nachmachen!
20 Uhr sollte ich da sein, 19 Uhr aufzubrechen, reichte daher völlig. Zeit genug, noch den Bundesliga-Samstag in meinem Stammcafe zu schauen, auch eine der liebgewonnenen Traditionen – und das, obwohl der VfB Stuttgart erst am nächsten Tag spielen sollte (was sich im Nachhinein als gut herausstellen sollte).
Alle halben Jahre geht es nach Geithain, und jedes Mal stehe ich auf der Gästeliste und werde gleich durchgewunken. Ein angenehmer Vorteil, den ich mir immer wieder erneut damit verdiene, dass ich viele tolle Fotos am Abend mache, und auch diesmal war ich bepackt mit dem gesamten Reservoir an Batteriesätzen und alle Speicherkarten, die ich habe. Dass ich an dem Abend “nur” 200 Fotos mache und weit davon entfernt bin, alle verfügbaren Speicherkarten auszureizen, wusste ich zu dem zeitpunkt nicht.
“Vergiss dein Ray-Allen-Shirt nicht!” schrieb ich am frühen morgen noch eine SMS an meine Julia, besagtes Shirt, welches auch ich habe, sind 2 Einzelanfertigungen. Zu meiner Enttäuschung trug sie ihr Shirt leider nicht, aber die Trauer war schnell verflogen, die Welt hatte uns 2 schließlich wieder.
Die erste Runde ging einmal quer durchs Geithainer Bürgerhaus, da wurde erstmal alles geherzt und umarmt, was ein halbwegs bekanntes Gesicht war. Alle waren da: Frankie, Matt, Gerd, Mike, Danny, Andrea, Eddie, Torsten, Carina, ein gut geformter Bekanntenkreis von Musikern und deren Anhang.
Nachdem wir erst einmal was leckeres gefuttert hatten, ließ der erste Gig nicht lange auf sich warten, 4 Bands sollten – wie es beim Bandstand und auch beim jährlichen Country Bop üblich ist – an diesem Abend spielen, den Anfang machte ein überaus nervös wirkender 19-jähriger junger Mann, der optisch erstaunlich an einen jungen Elvis Presley erinnerte: dunkle Haare zur Tolle gekämmt, ein bis zur Brust geöffnetes weißes Hemd und eine schwarze Weste darüber. Ich muss sagen, durchaus kein übler Anblick.
Trotz seiner anfänglichen Nervosität machte er seine Sache prima und bekam auch zurecht für seinen ersten Auftritt viel Applaus und die eine oder andere stehende Ovation. 2 weitere Bands folgten und heizten dem zahlreich erschienenen Publikum ordentlich ein, die Tanzfläche war gut besucht und ich habe wieder einmal schmerzlich feststellen müssen: auf Dauer scheint es wirklich hinderlich, nicht tanzen zu können.
Hin und wieder gings die Treppen hinaus zu Heiko und Doreen, die auch wieder dabei waren und deren Stammplatz oben auf der Empore ist – im Rahmen unserer akustischen Möglichkeiten unterhielt man sich, wie man die Musik findet, wen man an dem Abend schon gesehen hat, wer diesmal nicht mit dabei ist, und – mittlerweile von großem Interesse – in welches Stadion es mich als nächstes ziehen wird: “Nächstes Wochenende gehts wieder nach Stuttgart, Heimspiel gegen Frankfurt”, wie auch der Kanone geschossen.
Die letzten sehr anstrengenden Wochen auf Arbeit forderten schnell ihren Tribut und so war ich recht schnell erschöpft, und es war gerade mal kurz vor Mitternacht. Mein persönlicher Hauptact, wegen dem ich eigentlich nach Geithain gekommen bin, ließ allerdings noch bis nach Mitternacht auf sich warten. Die Minuten verstrichen, die Beine wurden sichtlich schwer, doch als Ray Allen mit seiner Band, den Hi-Fi’s die Bühne betrat, war die Begeisterung bei allen sehr groß.
Der Auftritt gefiel mir wie eigentlich jedes Mal, klasse Musik, die ich mittlerweile mitsingen kann, nur die Sache mit dem Tanzen war dann doch etwas ärgerlich. Sei es drum, es war wieder ein prima Auftritt. Für Taubheit auf dem linken Ohr sorgte wieder einmal, welch weitere hübsche Tradition, meine Julia, der als Applaus das Klatschen nicht reicht, nein, sie muss mir jedes Mal ins Ohr brüllen. Ich habe in soweit daraus gelernt, das ich mich bei jedem Auftritt auf die andere Seite von Julia stelle, so kann sie wenigstens für ausgeglichene Gehörlosigkeit meiner Wenigkeit sorgen.
Ihr permanentes Gerufe und Gebrülle würde früher oder später ihren Tribut fordern, und auch dieses Mal sollte ich Recht behalten. Matt, bzw. Ray Allen – wir befanden uns schon in der Zugabe-Phase – stand am Mikro und sein Blick ging unverkennbar in unsere Richtung. “Na Julia, wenn du so schön rufen und schreien kannst, kannst du auch hochkommen und was für uns singen” – nichts passiert. Sein darauffolgender Blick zu Frankie, Julias Ehemann und das darauffolgende “Komm Frankie, ist deine. Mach mal was!” geriet zu einem riesen Lacher bei unserer “Musiker-Clique” und deren Anhang.
Wie es mein Herz erfreut, wenn ich meine Julia singen höre und sehe, eine Wahnsinns-Stimme die mich jedes Mal aufs Neue verzückt. Als auch sie mit ihrer Zugabe fertig war, standen Hannes, meiner freundlichen Begleitung, noch so einige Schweißperlen auf der Stirn. Er nahm neulich nämlich Gitarrenunterricht bei Ray Allen höchstpersönlich und als der Abend begann, meinte Ray zu Hannes, er würde ihn dann bei der Zugabe auf die Bühne holen. Die personifizierte Gelassenheit sieht anders aus, hehe. Er war dann allerdings sichtlich erleichtert, als die Musik von der Platte wieder angeschalten wurde, die Scheinwerfer auf der Bühne ausgingen und die Tontechniker anfingen, beim Abbau der Bühne mitzuhelfen.
So schön der Abend auch war, die Freude über das nahende Ende jener Nacht war dennoch nicht gerade klein – erschöpft von einem langen Tag auf den Beinen, permanentes Rumgestehe in der ersten Reihe vor der Bühne sowie einem zusätzlichen Kräfteverzehr auf Arbeit war ich froh, wieder nach Hause fahren zu können.
Und so verabschiedete man sich von allen, die man in der kollektiven Aufbruchsstimmung noch finden konnte und verließ das Bürgerhaus wieder, jedenfalls für das nächste halbe Jahr. Wieder frische Luft zu schnappen tat sehr gut, sich von vielen Freunden und Bekannten verabschieden zu müssen, wiederrum nicht. Spätestens in einem halben Jahr werde ich wieder dort sein, denn der 3. Country Bop steht an und wirft bereits schon lange vorher seine Schatten voraus.
Und wieder einige Erkenntnisse: wie lange werde ich mich noch ärgern, nicht tanzen zu können, anstatt die Initiative zu ergreifen? Und wird aus jener halbjährlichen Tradition auch im Oktober wieder eine emotionale Herausforderung? Man darf gespannt sein.



























