Es ist furchtbar eng, die Luft ist schon jetzt stickig, ich wünschte, ich hätte mir eben noch was zu trinken geholt. Ich stehe hier ganz vorn, fast direkt an der Absperrung in der 2. Reihe. Vor mir stehen echte vollblütige Cowgirls, die Stimmung ist gut, nachdem eben grade die superpeinliche Vorband die Bühne verlassen hat. In wenigen Minuten geht es los, ich bin schon gespannt wie ein kleines Kind vor Weihnachten. Immer wieder ein ungeduldiger Blick auf die Uhr. Und dann gehen plötzlich die Scheinwerfer an und der Jubel und das Kreischen gehen los.

24 Stunden später sitze ich an meinem heimischen Rechner und schreibe den Artikel zu dem Wahnsinnskonzert, welches die Band THE BOSSHOSS am 30. November im Leipziger Werk II gegeben hat. Robbie kann abstinken (sorry) – aber diese Jungs sind der absolute Wahnsinn.
Das Konzert stand zuvor unter keinem besonders guten Stern. Ich erinnere mich an jenen Samstag Abend Mitte September diesen Jahres, wo meine Freundin Julia einen Auftritt hatte. Dort sprach ich es zum ersten Mal laut aus, das ich vorhabe, auf das Konzert zu gehen, welches ja praktischerweise in Leipzig stattfinden sollte (um Robbie zu sehen musste ich nach Dresden fahren). Julia und ihr mittlerweile Ehemann Frank sagten gleich, sie können nicht mitkommen. Und so ging das die ganze Zeit weiter: Leute gefragt, und zwar reichlich, entweder sie hatten keinen Bock, keine Zeit oder mussten im letzten Augenblick abspringen.
Ich war froh, als meine neuen Freunde Doreen und Heiko mir fürs Konzert zusagten. Umso niederschmetternder war die Mitteilung, das beide erkrankt sind und Doreen zudem jederzeit abruf bereit sein muss wegen beginnender Probezeit. Meine Mutter war der letzte Rettungsanker. Sie musste mir erst am Dienstag absagen, da sie plötzlich Arbeit bekommen hat und Abends arbeiten muss. Wieviel Pech kann man eigentlich haben?
Als ich am Mittwoch Abend auf dem Weg nach Hause aus der Straßenbahn stieg, entschloss ich mich kurzfristig, das Konzert doch besuchen. Scheiss drauf, ob ich nun alleine gehen muss, wenn ich nicht gehe, bereue ich das ganz bestimmt, dachte ich mir. Noch ein kurzer Anruf bei der Ticketbude meines Vertrauens 10 Minuten vor Ladenschluss genügte, um mich richtig einzustimmen: “Ja, wir haben noch Karten.”. Am Morgen des Konzerts, also gestern, holte ich sie mir ab, 26 Euro ärmer, aber um die Gewissheit, das richtige zu tun, reicher.
Einlass 19 Uhr, also wollte ich rechtzeitig dort sein. Mein Daddy chauffierte mich nach Connewitz zum Werk II, wo ich ne halbe Stunde erstmal davor stand und schon ganz schön gefroren habe. Dann gings endlich rein. Eben den Mantel für einen Obolus von 50 Cent abgegeben und dann schnurstracks nach vorne. Ich schlug mein Lager in der 2. Reihe auf, in der 1. Reihe war nun wirklich kein Platz mehr. Dort schlug ich erstmal gut eine Stunde tot, während ich den Atem tausender Menschen in meinem Nacken zu spüren glaubte.
Kurz nach 20 Uhr betrat die Vorband die Bühne. Schon der Sänger machte keinen guten Eindruck, und das schon bevor er angefangen hat mit singen. Der schlimme Verdacht bestätigte sich und es war einfach nur grausam und total peinlich. Nichts mehr als Krach und eine lächerliche Tanzperformance. Er hat sich zum Deppen gemacht. Lange Gesichter, von der ersten bis vermutlich zur letzten Reihe. Mit ein paar Songs wurden wir dann gequält und es gab donnernden Applaus, als wir es endlich überstanden hatten. Es war dann 20:30 Uhr, die Stimmung wurde immer besser, es wurde immer lauter da alle versuchten, den Nachbarn zu übertönen. Ich kam mit Anny in der vordersten Reihe ins Gespräch, als sie erwähnte, sie hätte viele übers Internet kennengelernt.
Gegen 21:00 Uhr, die Ruhe vor dem Sturm, alle Blicke Richtung Bühnenseite gerichtet, erpicht darauf, jede einzelne Bewegung am Bühnenrand zu registrieren. Und dann betraten sie die Bühne, 2 große starke Männer mit schwarzen Lederjacken. Ihnen folgten unter kreischendem Applaus die 5 anderen Bandmitglieder, die alle ihre Plätze einnahmen. Und dann gings los mit dem Titeltrack des Albums, für das die Tour gemacht wurde: “Rodeo Radio”, ein echter Kracher.
Song für Song wurde die Stimmung immer besser und besser und ich knipste natürlich wie verrückt, die Kamera hatte ich mir ans Handgelenk gefesselt. Das Bein wippte, der Hintern wackelte, die Haare schüttelten und die Lunge brüllte und kreischte, was sie nur hergab. Schon nach ein paar wenigen Songs bekam ich schon leichte Halsschmerzen und zugegebenermaßen war mir die Enge dort vorne nicht unbedingt ganz geheuer. Denn dann begannen ein paar Vollidioten in den Reihen hinter mir das sogenannte “Poken”. Viele meinen, es gehört dazu. Nun,ich kannte es nicht. Und es gefällt mir auch nicht, soviel dazu. Das dauernde Schubsen und das Zurückschubsen, zu dem man gezwungen wird, finden manche wohl wirklich amüsant. Das war das einzige, was mir an dem Abend wirklich nicht gefallen hat.
Die Zeit verging wie im Fluge, ich sang die meisten Songs mit und strahlte Frontsänger Hoss an, der erstaunlich oft in meine Richtung schaute. Gut, man kann sich da auch was einbilden, wenn man voller Begeisterung ist. Besonders amüsant fand ich auch Hoss’ Reaktion bei kreischendem Applaus. Er drehte seine Gitarre um und es kam ein mit schwarzem Klebeband aufgeklebtes “THANX”, hehe, sehr schön. Ich kannte leider nicht alle Songtexte, was mir ziemlich peinlich war, aber was solls. Was ich kannte, sang ich natürlich in voller Lautstärke mit, aber ich wartete leider vergeblich auf meinen Lieblingssong “Like Ice In The Sunshine”.
Highlight des Abends war mit Abstand der Moment, als Frontsänger Boss (Boss und Hoss ergibt BossHoss, das leuchtet ein, oder?) auf die Idee kam, sich 2 Security-Leute des Spaßes wegen auf die Bühne zu holen. Die völlig überraschten Security-Leute Timmy und Marco sollten sich auf 2 kleine Podeste stellen und ein waschbrettähnliches Instrument spielen, wofür man nicht mehr als einen Löffel oder sowas braucht. Sie bekamen beide die Cowboy-Hüte von Boss und Hoss aufgesetzt und mussten nun spielen. Singen mussten sie auch, was ihnen angesichts des riesigen, in den vorderen Reihen zunehmend weiblichen Publikums wohl sichtlich schwer fiel und ihnen auch unangenehm war. Aber sie machten das schon ganz gut.
Üblich wie das für Rockstars ist, holten sie sich auch ein paar Mädels auf die Bühne. Es traf 2 recht hübsche Mädels. Schon schade, denn ich werde niemans das Mädchen sein, was vom Rockstar aus dem Publikum gefischt und auf die Bühne geholt wird. Die Mädels bekamen Tamborin und das Waschbrettteil in die Hand und machten ihr Ding auf der Bühne. Zugegeben, sie haben richtig Action gemacht und konnten gut tanzen. Aber was ich den beiden nicht gönne ist, das sie mit Boss und Hoss rumturteln konnten, was für ein Gefühl – den Rockstar im Arm.
Die Jungs heizten uns zum Mitschreien an. Belastungsprobe für meine Lunge war der Versuch, Boss’ Vorgaben nachzumachen. Ein einfaches “Yeehaw” kann sehr kräfteraubend sein. Erst ein paar normaler Yeehaws zur Einstimmung, ein paar ganz schnelle und dann ein extremer, Sekunden anhaltender und kollektiver Schrei. Es war ein unfassbar geiles Gefühl. Und dabei blieb es nicht. Jede Bewegung, jedes gesungene sowie gesprochene Wort der Jungs brachte die Weibe zum Kreischen. Die Jungs hielt es dann für besser, sie kurzerzeit die Ohren zuzuhalten. Ein Lachen in ihren Gesichter machte mich in dem Moment unglaublich stolz. Sie sind beeindruckt vom Publikum, und ich bin ein Teil davon.
Wie die Zeit verging, bemerkte man nicht, denn zum auf die Uhr schauen war keine Zeit. Ich war grenzenlos begeistert und wollte, das dieser Abend niemals zu Ende geht. Das ich am nächsten Morgen auf Arbeit muss, war mir sowas von Rille. Jetzt gab es nur mich, BossHoss und diese riesen Stimmung mit den Fans. Unglaublich, Unvergesslich und Unbezahlbar.
Und dann war es Zeit, sich erstmal zu verabschieden. Die Band verschwand hinter der Bühnen. Sie wussten aber, das Applaus gewünscht wird – und das war wirklich so, und zwar sehr lautstark. Die Jungs legten nochmal den höchsten Gang ein und brachten die Bude zum Kochen, da stand keiner mehr still. Und dann verließen sie wieder die Bühne. Und wir holten sie wieder zurück, ist doch klar. Ein letztes Mal tief durchatmen und schauen, ob nach alles da ist. Schon längst musste ich meine Speicherkarte auf den ImageTank überspielen. Ein fast 4-minütiges Video hat der Speicherkarte schnell den Garaus gemacht.
Dann gabs nochmal voll geniale Gitarrensoli, Mundharmonikasoli, Kontrabasssoli, Banjosoli, Schlagzeugsoli und Trommelsoli. Die Jungs haben alles gegeben, was in ihnen steckte und ich bin auch der Meinung, das sie das Leipziger Publikum an diesem Abend vollständig in ihr Herz geschlossen haben. Andere BossHoss Konzerte habe ich (noch) nicht besucht und habe zum Maßstab nur Robbie Williams im vergangenen Sommer, aber ich bin mir sicher, ihnen hats gefallen. Mir auf alle Fälle, soviel ist klar.
Ein drittes Mal gelang es uns leider nicht, die Band zurück auf die Bühne zu holen. Es war schon spät und an der Zeit zu gehen. Aber – so war das auch schon beim letzten Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der WM – auch wenn man sich wünscht, der Abend würde nie zu Ende gehen weil mein einfach so viel Spaß hatte, alles hat ein Ende. Für mich war das gegen 23 Uhr. Noch mit ordentlich viel Adrenalin im Blut, einer verkorksten Stimme und mit Bier in den Haaren holte ich meinen Mantel ab und wollte zur Bahnhaltestelle.
An der Ausgangstüre traf mich dann erstmal der Schlag. Ich hatte längst verdaut, das ich den Abend alleine angetreten habe, und wer steht da aus heiterem Himmel auf einmal vor mir: Mike und Elli, Freunde von mir aus der Musikerszene um Julia. Mike singt in der Band Ray Allen With The Hi-Fis, die Mitte November einen geilen Auftritt hatten, bei dem ich auch Elli kennen und mögen lernte. Ich bestaunte erstmal Mikes geiles BossHoss-Shirt, von dem ich auch gerne eines hätte. Aber ich werd mir irgendwann eins bestellen, gestern hatte ich nichtmal 10 Euro dabei.
Ich hätte mich vorher informieren sollen, wann die Straßenbahn um Mitternacht fährt. Ich hätte 15 Minuten auf die nächste Bahn warten müssen. Da entdeckte ich grade noch rechtzeitig einen Bus, der in der Nähe stand und die Aufschrift “Hauptbahnhof” hatte. Ich hätte ohnehin umsteigen müssen also nichts wie rein. 3 Minuten später gings los auf einer Fahrt, bei der ich mich fast die ganze Zeit fragte “Wo zur Hölle bin ich denn hier”. Mit jeder Straße war ich desorientierter. Erst als ich am Roßplatz ankam und darauf eine Fahrt durch die Innenstadt (sehr interessant, was da Mitternachts los ist) folgte, hatte ich meine Orientierung zurückerlangt.
Gegen um 1 Uhr Nachts kam ich dann auch endlich zu Hause an. Viel zu aufdreht, um schlafen zu gehen. Mich juckte es auch, nachzuschauen, wie die Fotos geworden sind. Also nochmal die Keule zu Hause angeschmissen, natürlich BossHoss Mucke angemacht, dann Haare gewaschen und dann gleich die Fotos sortiert. RICHTIG geile Fotos dabei! Mein ganzer Stolz! Ich glaube etwa halb 3 lag ich dann endlich im Bett, oh Wunder. Ein aufregender Abend mit riesig viel Action und Spaß war zu Ende und ich war unendlich stolz auf mich, ich traf im letzten Moment die richtige Entscheidung und wurde mit einem Abend beschenkt, den ich meinen Lebtag nie wieder vergessen werde.
In diesem Sinne: YEEEEEEEEEEEEEEEHAAAAAAAAAAAW !!!
Weiterführende Links rund um BossHoss:







































