Die Hochzeit meiner sehr guten Freundin Julia und ihres Schnuckelputzels Frank.

Angefangen hat alles vor etwa einem Jahr, als Frank in einer etwas durchzechten Nacht laut Julias Angaben total betrunken um ihre Hand angehalten hat – sie sagte JA. Am nächsten Morgen, mit etwas klarerem Verstand und um Sorge, das etwas aus Trunkenheit gesagt wurde, fragte er sie nochmal – und auch hier sagte sie wieder JA. Na wenn das nicht eindeutig ist. Zweimal einen Antrag bekommen, das ist doch was.
Die Einladungen zur Hochzeit gingen schon im frühen Sommer raus, ich sagte nicht einmal 24 Stunden nach dem Erhalt meiner Einladung telefonisch zu, das war selbstverständlich, schließlich ist Julia eine sehr gute Freundin und ich sehe sie leider nicht oft genug, da sie seit Ende der Ausbildung in Lichtenstein, ca. 20 Kilometer vor den Toren Zwickaus bei ihrem Frank wohnt.
Auf der Einladung stand als Veranstaltungsort “Western-Ranch Hohenstein-Ernstthal” drauf. Das es keine gewöhnliche Hochzeit bei den beiden abgedrehten Menschen werden kann, war ja klar. Als Fans der Musik der 50er Jahre musste etwas dementsprechend Außergewöhnliches her.
Ich besorgte mir eine Woche vor der Hochzeit noch schnell eine schöne weiße Bluse, denn ich hatte nicht einmal eine, holte mein Ticket und schrieb meine Checkliste, siehe unten.
Am Samstag halb 3 sollte mein Zug fahren, zum Bahnhof gings mit höchstem Zeitdruck eine halbe Stunde zuvor, ich hatte wieder mal totale Panik den Zug zu verpassen, bin aber unfähig, ausreichend lange Zeit vorher loszumachen, damit ich nicht in zeitliche Bredouille komme. Etwa 15 Minuten vor Abfahrt saß ich dann in meinem Regional Express nach Chemnitz, wo ich umsteigen sollte. Erleichtert verstaute ich mein Zeug und legte mir alles zurecht, was ich für die Fahrt brauchen würde: 2 Flaschen O-Saft (die ich mir kurz vorher noch schnell gekauft hatte), Zettelblock und Stift, Handy und Ticket.
Außerdem mit im Gepäck:
- Standardzeugs, Klamotten und so
- Gusseisen-Wok und Wok-Kochbuch als Hochzeitsgeschenk
- 4 Sätze Batterien á 2x R6
- Stativ
- Image Tank 40 GigaByte
- Digitalkamera mit 1 GB Speicherkarte
- 256 MB Ersatzspeicherkarte
- MP3-Player mit 3 Batterien
- CD mit den Bildern von vor 2 Wochen
- 1 Pappschild mit dicker Aufschrift “Hochzeit” wegen Abholen
- Lesestoff für 40 Minuten Aufenthalt in Chemnitz
Während der Fahrt hörte ich die ganze Zeit Musik mit meinem MP3-Player und schaute verträumt aus dem Fenster, ich hatte einen Superplatz am Fenster ergattert. Als die Hälfte der ersten Teilfahrt nach Chemnitz herum war, klappte ich die kleine Holztischplatte vor mir runter, und fing an, eine kleine Rede auf meinem Memoblock zu verfassen. Das hatte ich schon seit über 2 Wochen vor und ließ mir Zeit bis zur Fahrt zur Hochzeit. Toll. Ich hatte gehofft, die Möglichkeit zu bekommen, etwas als Tost/Rede vorzutragen, auch bei meiner großen Angst vor dem Publikum zu sprechen. Aber ich wollte es Julia zu liebe tun. Dazu aber später noch.
Meinen Aufenthalt in Chemnitz brachte ich damit zu, die Rede, die ich geschrieben hatte, auswendig zu lernen. Es funktionierte gut. Ich wollte eigentlich während der Fahrt etwas lesen, vorzugsweise den Workshop “Hochzeiten fotografieren” aus einer etwas älteren Ausgabe aus meiner Lieblings-Zeitschrift “Chip Foto Video digital”. Aber da ich den text lernen wollte, fiel das flach, den Artikel hatte ich außerdem damals schon gelesen.
In Hohenstein-Ernstthal sollte ich von einem Taxi abgeholt werden, das sagte mir Julia per Telefon durch. Ich solle einfach auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof warten. Dummerweise lief ich den falschen Leuten hinterher und wartete auf einem sowieso eigenartig verlassenem Parkplatz. Bis dann nach 15 Minuten eine Frau auf mich zukam und mich fragte, ob ich der gesuchte Hochzeitsgast bin. Das war peinlich. Die Fahrt zur Ranch ging steil bergauf und kostete mich 5 Euro.
Dort angekommen suchte ich als allererstes die Braut, und ich fand sie schnell: unübersehbar mit dem strahlend weißen Kleid. Ich umarmte sie erst einmal ganz fest und begrüßte sie mit einem “Oh mein Gott, du siehst so wunderschön aus”. Ich überreichte ihr erstmal die beiden Geschenke, die ich für sie hatte: einen Koch-Wok aus Gusseisen und ein Wok-Kochbuch. Wow, sagt das 5 mal schnell hintereinander! Hier und da wurde Sekt angeboten, die Leute begrüßt und so weiter. Dann kam erstmal der erste Schock, neben Julia stand nämlich Frank, und ich dachte, der Tradition nach dürfe der Bräutigam die Braut nicht vor der Trauung sehen. Ich hakte nach und mir wurde gesagt, das die Trauung bereits stattgefunden hatte auf dem Standesamt am Mittag des Tages. Das hat mich ein bisschen traurig gemacht denn ich wäre so gerne bei der Trauung direkt dabei gewesen. Aber ich nehms Julia nicht übel, nur die Familien waren anwesend.
Kurz nach 17 Uhr traten die beiden ans Mikrofon und bedankten sich erstmal bei allen, die gekommen waren. Und dann gings recht schnell ans Sägen: Das Zersägen eines Holzstammes mit einer 2-Mann-Säge. Davon gibts sogar ein Video. Man beachte die super zu dem Kleid passenden Bauarbeiterhandschuhe von der Braut, hehe.
Zu Essen gabs was ganz Rustikales: Kesselgulasch mit Toastbrot, Roster, Kartoffelsalat, normalen Salat und etliche Knabbereien. Zu trinken gabs alles, was Herz begehrt: verschiedene Biere, Sekt, Weine, Whisky, Schnaps, Säfte, Wasser, Limonade… Beim Essen wurde mir übrigens die sehr große Ehre zuteil, direkt neben der Braut zu sitzen. Laut Julias eigenen Angaben haben sich die Leute nicht um diesen Platz geprügelt, was ich eigentlich gar nicht recht begreifen kann. Neben Julia saß natürlich ihr frisch gebackener Ehegatte Frank, uns gegenüber ihre Eltern.
Es war wirklich eine fantastische Hochzeit, es hat viel Spaß gemacht. Für ordentliche Musik wurde gesorgt: Ein bunter Mix beliebter Songs aus den 50ern und 60ern, später am Abend spielten dann auch die Bands. Plural? Allerdings! Wenn man wie Braut und Bräutigam aus der Musikerszene kommt, ist es nicht verwunderlich, das so der eine oder andere Hochzeitsgast ebenfalls in der Lage zum Singen oder zum Spielen eines Instruments ist. So kam es, das wir im Laufe des Abends etwa 3,4 verschiedene Bandformationen von etwa 6,7 Musikern (ich habe nicht nachgezählt) gesehen, bzw. gehört haben.

Selbstverständlich war ich wieder ganz dick dabei mit meiner Kamera. Ich habe ein paar wirklich schöne Bilder hinbekommen, bei einer Gesamtfotoanzahl von fast 800 (was weit weniger ist, als ich am anfang gewünscht, bzw. erwartet hatte) hatte ich eine Auswahl-Ausbeute von 230. Das ist nicht schlecht. Mit von der Partie war auch ein andrer Dauerknipser, den ich schon von verschiedenen andren Auftritten mit Julia und Frank sah, aber unterhalten haben wir uns nie. Diesmal lief die Konversation auch nicht so umfangreich, aber was solls. Ich habe vor allem auch sehr viele geile Schnappschüsse erwischt, von denen ich leider nicht allzu viele hier vorstellen kann, weil die betroffenen Personen damit sicher nicht einverstanden wären. So soll es sein.
Aber das wohl ärgerlichste an der ganzen schönen Hochzeitsfeier war wohl ein Gespräch, was sich ganz zufällig entwickelte. Ich unterhielt mich am warmen Lagerfeuer mit Julias Mutter Heike, ich erzählte selbstverständlich von meiner leidenschaftlich emotionalen Zeit während der WM. Heike erzählte mir, das ihr Mann Lutz, Julias Papa, sich mit Kumpels selbstverständlich für WM-Tickets beworben hatte. In der Hoffnung, wenigstens eine abzugreifen, bewarb sich auch Heike mit, eigentlich gar nicht fußballbegeistert. Dann die große Überraschung: Alle 8 der befreundeten Bewerber haben Karten bekommen. Heike wollte nicht mit und gab ihre Karte zurück, bekam dafür problemlos die 47 Euro wieder. Lutz ging mit seinen Freunden zum Spiel. Und – da kenne ich mein Glück – es war das Sensationsspiel des Achtelfinales gegen Schweden – mein Lieblingsspiel der Weltmeisterschaft! Das war hart, sehr sehr sehr hart. Ich hätte die Chance gehabt, beim Spiel in München im Stadion live dabei zu sein, mit zehntausenden Deutschlandfans die beiden Tore von Lukas Podolski feiern zu können aber Heike und Lutz wussten nicht, das ich ein Fan bin und ich wusste nicht, das sie Karten hatten. Tja. Shit happens, mehr kann man dazu glaube ich nicht sagen.
Aber ich wollte mich nicht den ganzen Abend daran aufhalten. Ich genoss die tolle Hochzeitsfeier, unterhielt mich mit sonst fremden Leuten und freute mich in erster Linie mit meiner kleinen Julia, die geheiratet hat, obwohl sie 3 Monate jünger ist als ich, und mit ihrem Ehegatten Frank. Ich wünsche den beiden für die Zukunft nur gutes, viele glückliche Stunden und viele gesunde Kinder.
Wie oben geschrieben, hatte ich eine Rede vorbereitet. Dummerweise kam ich nicht dazu, die abzuhalten. Erstens, weil die Hochzeitsgesellschaft auf der ganzen Ranch verstreut war und weil ich mich nicht getraut hatte, bevor zumindest Braut und/oder Bräutigam eine kleine Rede halten oder jemand Befreundetes des Paares oder ein Familienmitglied eine Rede gehalten hat. Mir kam das irgendwie total peinlich vor, dann als einzige dazustehen, die etwas gesagt hat. Nichts desto trotz, ich möchte das Julia die Worte trotzdem hört, bzw. sie nun liest:
Meine liebe Julia, ich weiß noch ganz genau, wie das mit uns Angefangen hat. Wir hatten eine Doppelstunde Typographie bei unserer “Lieblingslehrerin” und in der Pause fragtest du mich, ob wir mal zum Vertretungsplan laufen. Und so gings los. Du warst die erste, die sich richtig gut mit mir angefreundet hat, und ich bin dankbar, das uns die Ausbildung zusammengebracht hat. Wir sind zusammen durch dick und dünn gegangen, haben Schulprojekte gemeinsam gemeistert und hatten eine echt tolle Zeit zusammen. Zumindest an 5 Tagen in der Woche, am Wochenende hattest du dein anderes Leben, in dem du Frank kennen und lieben gelernt hast. Ich hatte nie Zweifel an der Richtigkeit eurer Beziehung, ihr seit wirklich für einander geschaffen. Das wusste ich seit dem Tag, als du mir in der Pause ganz aufgeregt erzählt hattest, das du verliebt bist. Frank, ich hatte immer nen sehr guten Eindruck von dir, ich weiß, wie gut du Julia tust, und das ist das Allerwichtigste für mich. Auch wenn du mir echt dolle fehlst, seit du weggezogen bist. Aber solange du mich ab und zu zu einem Auftritt einlädst, bin ich glücklich. Heute stehe ich hier, um mit euch zu feiern. Und Julia, auch wenn du jetzt verheiratet bist, ich hab absolut nichts dagegen, wenn du ab und zu auf Bagels, Bockwurst und einen knallheißen Kakao zurück nach Leipzig kommst, so der alten Zeiten Willen. Auf euch zwei! Cheers.
Das wollte ich sagen. Doch dann hats doch nicht sollen sein. Aber ich hoffe, Julia und Frank lesen diese Worte eines Tages.
Der Abend schritt fort, es wurde langsam Mitternacht: Ein Highlight stand noch aus: Das Werfen des Brautstraußes. Wie das nun mal so ist, werden alle unverheirateten Damen gebeten, sich vor der Braut zu versammeln. Diese wirft, den Rücken zu den Damen, ihren Brautstrauß über den Kopf nach hinten, wer den Brautstrauß fängt, ist laut alter Legende als nächstes dran mit heiraten. Die Damen versammelten sich also auf der Wiese hinter der kleinen Bühne mit überdachtem Zelt und ich stellte mich vorne hin, und zappelte schon wie eine weibliche Ausgabe von Keeper Jens Lehmann, die Hände zur Seite gestreckt auf der Wiese herum. Der Brautstrauß flog in hohem Bogen – direkt in meine Arme. Er fiel zwar nochmal runter, aber schwubbs, hatte ich ihn wieder. Ja Leute, es ist wirklich wahr – ich habe den brautstrauß gefangen und sollte demnach eigentlich als nächste heiraten. Was allerdings für einige Missgunst der anderen Damen gesorgt hatte, denn ich bin wahrscheinlich die einzigste der Unverheirateten gewesen, die noch nicht einmal vergeben ist, nichtmal ansatzweise. Das ist den anderen Frauen gegenüber nicht wirklich fair und erst recht nicht nachvollziehbar. Und da hatte ich Julia schon vor Monaten aus Scherz gesagt, ich würde sie bestechen wollen: Sie schmeißt den brautstrauß zu mir und sie bekommt dafür ein extra tolles Hochzeitsgeschenk. Gut, ein Wok haut einen nicht unbedingt um, da sie ihn sich auch gewünscht hatte, aber den Brautstrauß habe ich trotzdem.

Gegen um 1 war es dann auch leider schon Zeit aufzubrechen. Schon kurz nach meiner Ankunft auf der Ranch versuchte ich die Problematik zu klären, wie von dort aus wieder nach Hause komme, bei wem ich nun letztendlich übernachten kann. Julia bot mir schon vor einigen Wochen an, ich könne bei ihren Eltern übernachten, was ich zuerst auch zugesagt hatte. Erst kurz zuvor rückte sie mit der Sprache raus, das die Eltern schon gegen um 12 aufbrechen wollen. Das war mir zu früh, immerhin heiratet meine Freundin nicht alle Tage. Also fragte ich Torsten, den Bruder von Frank, den ich schon seit dem Auftritt damals in Heinrichsort im Juli 2005 kannte. Der wollte auch rechtzeitig verschwinden, und hätte mich erst am späten Sonntag Nachmittag zum Bahnhof bringen können. Unpraktisch, denn ich wollte halb 6 meine Simpsons gucken. Nach ein bisschen Hin und Her sagte ich dann doch für Julias Eltern zu, bei denen auch schon alles vorbereitet war. Um 1 kam das Taxi, ich verabschiedete mich von meinem Julchen, meiner Julia, meiner Juliette, meiner ganz großen Kleinen. Ich glaube nicht, das sie gemerkt hatte, das ich den Tränen nahe war. Und wenn sichs nicht mitbekommen hat, dann spätestens jetzt mit Beendigung dieses Satzes.
Bei Julias Eltern in Zwickau angekommen wurde erstmal das Bettchen hergerichtet, doch an Schlafen war nicht zu denken. Ich war noch viel zu aufgeregt. Lutz, Julias Papa verschwand schon recht bald danach im Bett, aber Heike und ich saßen noch ein bisschen am Küchentisch. Was heißt ein bisschen… halb 4 oder so saßen wir dort noch immer und quatschen vor allem über Männer, die Liebe, den Liebeskummer, den Neid, über Julia und unsere Zeit in der Ausbildung und und und. Dann verschwand auch ich ins Badezimmer, duschte und huschte dann ins Bett. Ich schaute vom Bett aus durch die geöffnete Gardine aus dem Fenster und betrachtete den Sternenhimmel. Danach habe ich lange und sehr gut geschlafen und wurde am nächsten morgen mit Vogelgezwitscher geweckt.
Zum Frühstück gabs ein süßes Frühstück mit Brötchen und Nutella, ein Glas Sekt gegen den Kater und anschließend ein paar Bilder von Lutz’ Besuch des WM-Spiels in München. Danach nahm mich Lutz mit ins Wohnzimmer und zeigte mir dort die Beweise seiner großen Leidenschaft: Das Sammeln von Mineralien. Kristalla, Achate, Edelsteine, alles sammelt er. Vieles selber gefunden, manches gekauft. Beeindruckende Sammlung. Dann wars auch schon an der Zeit mich zum Bahnhof zu bringen.
Auf dem Weg nach Hause schaute ich auch diesmal wieder aus dem Fenster. Ich hatte so einen dieser Sitze wo ein kleiner erhöhter Kindersitz an der Fensterseite ist. Dort lag meine Handtasche drauf und der Brautstrauß. Ich betrachtete ihn verträumt, hörte – reinzufällige – Schnulzenmusik auf dem MP3-Player und mein Blick schweifte wieder in die Ferne aus dem Fenster. Du bist dort draußen, irgendwo. Und ich hoffe, wir finden uns, und das wir mal so glücklich werden wie meine Julia und ihr Frank.






























